Kreis Coesfeld
Der wiedergefundene Landrat

Kreis Coesfeld (hlm). Gertrud Dietrich erinnert sich an den Pechtag. Im Haus Venne krachte es laut. Die Ursache fand sich auf dem Fußboden. Vor dem Kamin lagen vom barocken Bilderrahmen mit dem Porträt ihres Vorfahren Johann Matthias Kaspar von Ascheberg zu Venne nur noch Bruchstücke. Das Bild vom ersten Lüdinghauser Landrat war von der Wand gefallen. Dietrichs Sohn Adrian sammelte die Teile und lagerte sie ein. Die Fragmente gerieten über die Jahre in Vergessenheit.

Dienstag, 12.11.2019, 10:00 Uhr
Kreis Coesfeld: Der wiedergefundene Landrat
Nachkommen von Johann Matthias Kaspar von Ascheberg zu Venne, Gertrud (r.) und Adrian Dietrich (4. r.), übergeben das restaurierte Porträt des ersten Landrates des Kreises Lüdinghausen dem amtierenden Landrat des Kreises Coesfeld, Dr. Christian Schulze Pellengahr (1. l.), Dr. Ryszard Moroz, Fachberater für Konservierung und Restaurierung am LWL-Museumsamt (2. l.),Diplom-Restaurator Andreas Komodzinski (3. l.), Ulrike Gilhaus, Leiterin des LWL-Museumsamtes (5. l.) und Norma Sukup (Kreis Coesfeld). Foto Hartmut Levermann Foto: az

Bis 2015 Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr sein Amt antrat. Im Kreishaus betrachtet er auf dem Gang die Bildergalerie seiner Vorgänger. Vom ersten Landrat in Lüdinghausen (1804 bis 1806) gab es nur eine Schwarzweißaufnahme – ein Repro. Dem Juristen juckte es in den Fingern, das Original aufzufinden. Auf Anfrage entsinnt sich die Familie Dietrich an die eingelagerten Bildstücke und meldete sich: „Sie können mal gucken kommen. Aber es ist alles etwas sperrig.“ Damit begann ein großes Stück Arbeit, die gut drei Jahre in Anspruch nimmt und rund 25 000 Euro kostet.

Gut investiertes Geld in den Erhalt der Kulturgeschichte des Kreises, wie der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) meint und das Vorhaben mit 7800 Euro unterstützt. Verbale Streicheleinheiten gibt Dr. Ulrike Gilhaus, Leiterin des LWL-Museumsamtes, dem Kreis Coesfeld für sein lebendiges Geschichtsbewusstsein und dem vielfältigen Engagement für den Erhalt von historischer Kunst, Architektur und Kultur. Für die Wiederherstellung des Bildes und des Rahmens holte sich der Kreis Coesfeld aus der LWL-Abteilung für Konservierung und Restauration Dr. Ryszard Moroz dazu.

Bei der festlichen Übergabe des Bildes in der Vorburg der Burg Vischering berichtet der Experte über den aufwendigen Prozess. Aus den Bruchstücken des Bilderrahmens lasen die Fachleute eine spannende Geschichte. Der barocke Bilderrahmen mit dem vergoldeten Laubwerk passte zeitlich nicht zum Bild vom Landrat. Denn das Porträt, gezeichnet von Jodocus Matthias Kappers (1717 - 1787), konnte sicher auf das Jahr 1783 datiert werden.

Die Recherche ergab: Der barocke und vergoldete Laubwerkrahmen ist ein Epitaph, etwa um 1618 entstanden. An einem unbekannten Datum wurde das Porträt mit dem Rahmen vereint.

In einem Kurzvortrag teilt Landrat Schulze Pellengahr sein recherchiertes Wissen über die Vita seines Ur-Amtsvorgängers mit den 35 Gästen. Es sei im späten Mittelalter üblich gewesen, sich in preußischer Dienstuniform portraitieren zu lassen, um damit die Zugehörigkeit zum Adel der Öffentlichkeit zu demonstrieren, so der amtierende Landrat. Denn dass sich von Ascheberg zu Venne vor seiner Amtszeit als Landrat in Dienstkleidung auf dem Bild zeigt, stiftet auf den ersten Blick Verwirrung.

Die Wiederherstellung des Werkes ist ein Beispiel einer Kooperation innerhalb der Europäischen Union. Während sich renommierte Spezialisten aus Polen um die Rekonstruktion des Rahmes kümmerten, restaurierte der erfahrene Rosendahler Alfred Eimers das ausgeblichene Porträt.

Als Dauerleihgabe der Familie Dietrich wird das Bild zukünftige seinen festen Standort in der Burg Vischering finden.

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