Keine Einlieferungen nach Altweiber – aber insgesamt kein Trend erkennbar
„Eltern sollen klaren Standpunkt haben“

Kreis Coesfeld. Das hat es seit vielen Jahren in den Christophorus-Kliniken nicht gegeben. „Nach Altweiber mussten wir kein Kind und keinen Jugendlichen aufnehmen“, sagt Dr. Hubert Gerleve, Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik. Sonst gebe es stets Zulauf aus den „Altweiber-Hochburgen“ Billerbeck und Stadtlohn.

Samstag, 22.02.2020, 11:56 Uhr
Keine Einlieferungen nach Altweiber – aber insgesamt kein Trend erkennbar: „Eltern sollen klaren Standpunkt haben“
Alkohol ist bei Kindern und Jugendlichen nicht nur im Karneval nach wie vor ein Thema. Doch immerhin geht die Zahl der Einlieferungen von unter 13-Jährigen in den Christophorus-Kliniken seit Jahren zurück. Foto: Pixabay Foto: az

Die Gesamtzahl der Fälle exzessiven Alkoholkonsums bei Jugendlichen sei jedoch gleich geblieben. Allerdings gebe es einen erfreulichen Trend: „Die Einlieferungen von Kindern, die zwölf Jahre und jünger sind, werden weniger“, berichtet Gerleve. Im St.-Marien-Hospital in Lüdinghausen habe es ebenfalls keine Aufnahmen jugendlicher Patienten nach Altweiber gegeben. „Insgesamt können wir aber keinen Trend absehen“, sagt Dr. Friederike Haermeyer, Ärztliche Leiterin der Zentralen Notaufnahme über die jährlich schwankenden Zahlen.

Alkohol ist bei Jugendlichen aber nach wie vor nicht nur an den tollen Tagen ein Thema. Insgesamt habe es 2019 mit 64 Einlieferungen „einen kleinen Ausreißer nach oben gegeben“, so Dr. Hubert Gerleve. Meistens liege die Zahl konstant zwischen 50 und 60 Fällen pro Jahr. Und oft beschränke sich der Rausch nicht nur auf Alkohol, sondern dehne sich auch auf Cannabis oder gar synthetische Drogen aus. Das klassische Komasaufen mit „Flatrate-Partys“, wie es vor Jahren noch ein Problem war, „erleben wir nicht mehr als vorsätzlich“, sagt Gerleve. Gleichwohl erreiche man einen Alkoholspiegel von über zwei Promille nicht nur mit Bier und Wein, so der Chefarzt. Da sei häufig auch Hochprozentiges im Spiel. Dem stimmt auch Dr. Friederike Haermeyer zu: „Schwere Alkoholvergiftungen werden häufig durch süße Mischgetränke hervorgerufen.“

Eine Trendumkehr gebe es allerdings beim Umzug in Goxel. Habe es vor Jahren beim Karneval in dem Coesfelder Ortsteil noch bis zu sieben Fälle übermäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen gegeben, so habe sich dies „deutlich gebessert“, sagt Gerleve. „Da haben sich die Verantwortlichen sehr ins Zeug gelegt.

Apropos Verantwortung: Präventiv sei es wichtig, dass auch Eltern sich an das Jugendschutzgesetz halten und Grenzen setzen. „Die Jugendlichen trinken zwar sowieso; allein, um Grenzen auszutesten“, macht sich Gerleve keine Illusionen. „Eltern tun sich aber keinen Gefallen damit, erst gar keine Grenzen zu setzen“, weiß der Chefarzt. „Ein klarer Standpunkt gegenüber Alkohol ist wichtig.“ Später als Erwachsene würden die Kinder es den Eltern danken, nicht alles durchgehen lassen zu haben, ist Gerleve überzeugt.

Dort setzt auch das Projekt „Halt“ des Caritasverbandes an. Mit Zustimmung der Eltern können Heranwachsende, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gekommen sind, drei Gesprächstermine wahrnehmen. „Es geht dabei nicht um Abschreckung, sondern darum, zu klären, wie es zu diesem Kontrollverlust kommen konnte“, erklärt Birgit Feldkamp. „Wichtig ist aber auch, dass Eltern ihren Kindern frühzeitig beibringen, Strategien zu entwickeln, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen“, spricht die Teamleiterin der Suchtberatung und Suchtprävention des Caritasverbandes die Brückengesprächsangebote zwischen Kindern und Erziehungsberechtigten an.

Auch Feldkamp beobachtet, dass das „komatöse Trinken“ rückläufig sei. Dennoch „ist Alkohol überall ein Thema, wo gefeiert wird“ – nicht nur im Karneval, sondern auch auf Schützenfesten. „Solche Feiern wollen wir nicht verteufeln, nur müssen Jugendliche eben lernen, adäquat mit Alkohol umzugehen“, unterstreicht Feldkamp. „Eltern haben hier eine Vorbildfunktion.“

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