„Tag der älteren Menschen“: Interview mit Dr. Michael Gösling
„Altern ist ein individueller Prozess“

Kreis Coesfeld. Was sind altersbedingte Krankheiten, wie hält man sich fit und was ist überhaupt ein älterer Mensch? Zum „Internationalen Tag der älteren Menschen“, der seit 1990 am 1. Oktober stattfindet, sprach unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst mit Dr. Michael Gösling, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Allg. Innere Medizin in Nottuln.

Freitag, 02.10.2020, 08:00 Uhr
„Tag der älteren Menschen“: Interview mit Dr. Michael Gösling: „Altern ist ein individueller Prozess“
„Wir wollen nicht nur Defizite behandeln, sondern auch die vielen Ressourcen erkennen und fördern“: Chefarzt Dr. Michael Gösling über das Ziel der Altersmedizin. Foto: az

Tag der älteren Menschen – ab wann ist man denn ein älterer Mensch?

Dr. Michael Gösling: Aus altersmedizinischer Sicht machen wir den Prozess des Alterns weniger an der Zahl der Lebensjahre fest, sondern mehr an den biologischen Auswirkungen. Altern wirkt sich auf die verschiedenen Organsysteme und auf die Fähigkeitsbereiche ganz unterschiedlich aus, daher ist Altern letztlich ein individueller Prozess. Trotzdem sind schwere und umfassende alternsbedingte Funktionseinschränkungen bei unter 65-Jährigen eher selten, und umgekehrt können nur wenige über 85-Jährige von sich behaupten, in keinem Bereich Einschränkungen durchs Alter zu bemerken. Allgemein sprechen wir von „Jungen Alten“ (65 bis 75 Jahre) und ab 85 Jahren von „Hochaltrigen“.

Was sind altersbedingte Krankheiten?

Gösling: Im Laufe eines langen Lebens können erlebte Schädigungen, z.B. durch Verletzungen/Entzündungen nicht immer folgenlos „repariert“ werden, sondern heilen z.B. über Narbenbildung und entsprechender Abnahme der Fähigkeiten. Zusätzlich nimmt die Leistungsfähigkeit aller Organsysteme allgemein ab. Diese Abbauprozesse können einerseits schon selbst Erkrankungen sein, wie beim Gelenkverschleiß, andererseits können sie aber auch lange unbemerkt bleiben, wie eine eingeschränkte Nierenfunktion.

Wie haben sich die Möglichkeiten in den letzten 20 Jahren geändert, diese Krankheiten zu behandeln?

Gösling: Zuerst einmal gibt es in allen medizinischen Fachbereichen Fortschritte in der ursächlichen Therapie, so können inzwischen viel mehr altersbedingte Gelenkveränderungen minimalinvasiv behandelt werden, und auch beim Gelenkersatz gibt es viele Fortschritte. Es sind inzwischen auch Schultergelenksprothesen möglich. Ausdrücklich gilt dies aber genauso für alle medizinischen Fachbereiche: Im gesamten Spektrum der operativen Fächer können kleine Eingriffe – etwa bei Urininkontinenz oder Leistenbrüchen – und große Operationen durch die schonenden minimalinvasiven Verfahren ein großer Gewinn für die Patienten sein. Bei Schlaganfällen können gefäßverstopfende Blutgerinnsel inzwischen auch über einen Katheter zielgenau aufgelöst werden. Mit Ultraschall können Veränderungen im Körperinneren – im Magendarmtrakt oder in den Bronchien – schonend untersucht und behandelt werden. Bei den sehr häufigen Herzrhythmusstörungen helfen spezielle Herzkatheterverfahren und bei den altersbedingten Gefäßerkrankungen kathetergestützte und operative Behandlungen.

Was ist das Ziel der Altersmedizin?

Gösling: Wir wollen nicht nur Defizite behandeln, sondern auch die vielen Ressourcen erkennen und fördern, die in dem Patienten stecken. Denn mit diesen Ressourcen kann der ältere Mensch viel ausgleichen. Zu den körperlichen Belastungen können auch weitere Ebenen kommen, z.B. seelische - auch diese gilt es in den Blick zu nehmen. Umgekehrt können sich hier aber auch besondere Stärken zeigen, die oft erst in einem langen Leben gewachsen sind.

Weil das Alter ja zunimmt und auch die Älteren – welche speziellen Entwicklungen sehen Sie in den nächsten Jahren?

Gösling: Insgesamt sind die Möglichkeiten der Unterstützung im Alter besser geworden, aber insbesondere für helfende und pflegende Angehörigen besteht weiterer Bedarf. Positiv finde ich auch die zunehmende Akzeptanz für Menschen mit altersbedingten Einschränkungen im Alltag, das gilt insbesondere auch für Patienten mit Demenz, die dadurch oft noch Selbständigkeit und Teilhabe erhalten können.

Sollten weitere auf Altersmedizin spezialisierte Einrichtungen im Kreis Coesfeld entstehen?

Gösling: Einen großen Ausbaubedarf in der altersmedizinischen Versorgung sehen wir aktuell bei den Tagesklinikplätzen. Hier ist bereits im St. Marien-Hospital Lüdinghausen eine Aufstockung der Plätze erfolgt. Es gibt aber weiterhin sehr viel mehr Patienten mit akut eingeschränkter Selbsthilfefähigkeit und Eigenmobilität, als wir aufnehmen können, und die Wartezeiten sind sehr lang. Das gilt ebenso für Patienten mit chronischen komplexen Schmerzen in Alter. Weiter ausbauen werden wir auch die Zusammenarbeit der Gerontopsychiatrie der Klinik am Schlossgarten mit unserer Klinik für Geriatrie und Allgemeine Innere Medizin, denn sehr häufig müssen bei psychiatrischen Erkrankungen im Alter gleichzeitig körperliche Erkrankungen mitbehandelt werden – und umgekehrt. Im ambulanten Bereich sollten mehr niederschwellige Angebote für alte Menschen entstehen, die die soziale Kommunikation untereinander und altersübergreifend fördern. Die Vereinsamung von alten Menschen sollte auch in Corona-Zeiten dringend vermieden werden.

Was sollte man tun, um möglichst lange fit zu bleiben?

Gösling: Neben einer gesunden Lebensführung ist es wichtig, dass man sich bewusst macht, was man noch alles kann und diese Fähigkeiten auch gebraucht. Ideal ist, wenn dabei nicht die Leistung zählt, sondern die Freude an körperlicher und geistiger Tätigkeit und ganz besonders am Miteinander.

Zur Person

Dr. Michael Gösling ist Chefarzt der Klinik für Geriatrie (Altersmedizin) und Allgemeine Innere Medizin der Christophorus Kliniken in Nottuln. Dieser Standort hat sich auf die Behandlung von hochaltrigen Patienten spezialisiert, die oftmals unter mehreren (Vor-)Erkrankungen leiden. Hier finden sich zum einen die stationäre Versorgung in der Klinik und die Behandlung in der dortigen Tagesklinik. Zusätzlich bietet die Christophorus Klinik am Schlossgarten eine gerontopsychiatrische Behandlung an. Hier können seelische Erkrankungen des höheren Lebensalters behandelt werden.

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