Am 4. März 2020 wird ein 49-Jähriger Mann aus Senden positiv getestet
Der Monat, in dem das Virus kam

Kreis Coesfeld. Vor genau einem Jahr wird der erste Corona-Fall im Kreis Coesfeld bekannt. Ein 49-jähriger Mann aus Senden, der sich im Clemenshospital in Münster wegen einer ganz anderen Sache behandeln lässt, bekommt Fieber und wird auf den neuartigen Erreger getestet. Am 4. März steht fest: Positiv – er hat sich infiziert. Der Sendener ist der erste von bislang 3882 Menschen im Kreis Coesfeld, die sich infiziert waren. Er Am 27. März fordert das Corona-Virus den ersten Todesfall: Ein 79-jähriger Mann aus Havixbeck stirbt. Bis gestern (3. März) sind 75 Menschen im Kreis Coesfeld im Zusammenhang mit Corona verstorben. Im Kreis Coesfeld geht es nach der ersten bekannten Ansteckung Schlag auf Schlag. Corona ist seitdem das prägende Thema. Ein Blick ins Archiv, was allein im März 2020 passiert ist:

Donnerstag, 04.03.2021, 08:00 Uhr
Am 4. März 2020 wird ein 49-Jähriger Mann aus Senden positiv getestet: Der Monat, in dem das Virus kam
Nach dem ersten Fall am 4. März 2020 in Senden geht es Schlag auf Schlag. Ab dem 18. März dürfen vorerst Spielplätze nicht mehr genutzt werden, wie hier in Coesfeld. Fotos: Archiv/vth Foto: az

0 4. März: Der erste Fall im Kreis Coesfeld wird bekannt, ein 49-jähriger Mann aus Senden.

0 6. März: Die Infiziertenzahl steigt auf 15 Personen. Sämtliche Ansteckungen haben in Senden stattgefunden. Was die Wohnorte der Infizierten angeht, ist neben Senden auch Ascheberg betroffen. Die Ordnungsamtsleiter der kreisangehörigen Städte und Gemeinden treffen sich mit Vertretern des Kreisgesundheitsamtes und der Abteilung Sicherheit und Ordnung im Kreishaus, um Maßnahmen abzustimmen.

0 9. März: Bereits 21 Fälle. Die meisten davon immer noch in Senden. Aber auch in Ascheberg und in Olfen gibt es erste bestätigte Fälle. Das Gesundheitsamt geht jedem Fall nach. Das Gesundheitsamt schaltet ein Infotelefon für Bürger. Es wird auf sechs Leitungen ausgeweitet.

0 Die ersten Schulen schließen vorerst. Das Gymnasium Canisianum in Lüdinghausen, weil eine Lehrkraft aus Münster erkrankt ist. Weiterhin die Türen zu sind in der Geschwister-Scholl-Realschule in Senden. Vereine sagen Sport- und andere Veranstaltungen ab. Aber auch in anderen Orten wird gestrichen: Die SG Coesfeld verschiebt ihren Sportlerball; die Stadt Coesfeld sagt ihren Stadtempfang ab und die Verleihung der Ehrenamtspreise. Klare Regelungen „von oben“ gibt es noch nicht: Anbieter von Veranstaltungen müssen abwägen, ob diese stattfinden können, heißt es im Info-Kasten in unserer Zeitung.

0 12. März: Die Bürgermeister und der Kreis beschließen mit den Krisenstäben, dass kreisweit alle kommunalen Veranstaltungen bis einschließlich 30. April abgesagt werden. Der damalige Bürgermeistersprecher Richard Borgmann (Lüdinghausen) sagt: „Jede und jeder kann verantwortungsvoll dazu beitragen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen – im Sinne der Betroffenen.“

0 Bis zum Abend des 12. März ist die Zahl der Infizierten auf 30 angestiegen.

0 Die Ängste in der Bevölkerung sind vor allem groß, wenn sie aus einem Risikogebiet kommen. Prof. Lutz von Müller, Chefarzt des Instituts für Labormedizin, Mikrobiologie und Hygiene der Christophorus-Kliniken, erklärt in einem Video auf Youtube, wann eine Corona-Testung Sinn macht.

0 13. März: 39 Menschen infiziert. Altenheime und Krankenhäuser schränken Besuch ein.

0 16. März: 53 Infizierte in fast allen Orten, überwiegend in Senden. Nur in Havixbeck und Rosendahl noch keine Infektionen. Schließung von Grundschulen und weiterführende Schulen, Kitas. Am 16.3. und 17.3. beschließen Bund und Länder, dass u.a. Kinos, Diskos, Geschäfte, Fitnessstudios und Bäder sowie Hotels schließen müssen; Auflagen für Restaurants.

0 18. März: Die Nachtbuslinien werden eingestellt. Keine Gottesdienste vorerst mehr auch im Kloster Gerleve. Auch Gäste werden dort nicht mehr angenommen.

0 19. März: 113 Fälle im Kreis. Da durch einen weiteren Anstieg die Plätze in den Krankenhäusern im Kreis knapp werden können, wird ein Ausweichkrankenhaus geplant.

0 20. März: Corona-Fälle haben sich in einer Woche verdreifacht, jetzt 127.

0 23. März: 164 Infizierte.

0 24. März: Kreistagssitzung fällt erstmals aus. Zuvor teilweise Ausschüsse.

0 Für das geplante Hilfskrankenhaus melden sich über 60 Freiwillige – darunter Ärzte, Pflegekräfte, Medizinstudierende, aber auch Fachlehrkräfte. Es soll in der Turnhalle des Pictorius-Berufskollegs in Coesfeld eingerichtet werden.

0 27. März: Der Kreis gibt den ersten Todesfall bekannt: Ein 79-jähriger Mann aus Havixbeck. Die Zahl der Infizierten: 264.

0 30. März: Das Hilfskrankenhaus in der Pictorius-Turnhalle ist startklar. Drei weitere Tote durch das Coronavirus.

0 31. März: Nachschubprobleme bei Schutzmasken auch im Kreis Coesfeld. Viele Bürger nähen Masken und bieten sie Pflege-Einrichtungen an. Das St.-Marien-Hospital Lüdinghausen startet einen Aufruf. „Die Bürger können uns durch Spenden vorhandener Schutzausrüstung unterstützen“, sagt Dr. Jörg Siebert, Chefarzt der Abteilung Chirurgie und Ärztlicher Direktor. „Dazu gehören in erster Linie FFP2/FFP3-Masken.“ Die Zahlen: 334 nachgewiesene Fälle; vier Tote.

„Menschen im Kreis gehen achtsam miteinander um“

Kreis Coesfeld. Wie erlebte Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr die erste Zeit, was ging ihm durch den Kopf, welche Maßnahmen wurden am Anfang getroffen? Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst sprach mit ihm.

Wie haben Sie den ersten positiven Befund erlebt?

Dr. Christian Schulze Pellengahr: Ich saß am 4. März 2020 gerade mit Vertretern des DRK-Kreisverbandes in einem von langer Hand terminierten Gespräch, als die Nachricht über den ersten positiv Getesteten hereinplatzte. Auch wenn es damals nur eine Frage der Zeit war, dass auch wir im Kreis betroffen sein würden, nachdem um uns herum schon mehrere positive Testergebnisse vorlagen, so war uns allen klar, dass dies nun weitreichende Konsequenzen haben wird. Und so haben wir uns natürlich sogleich gefragt, welche Folgen das nun für das tägliche Leben mit sich bringen wird und was wir mit den Städten und Gemeinden nun veranlassen müssen.

Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf?

Schulze Pellengahr: Was kommt da jetzt auf uns zu? Wie können wir das Ausbruchsgeschehen möglichst eingrenzen? Wie wirken sich wohl die Reiserückkehrer aus dem Winterurlaub auf das weitere Infektionsgeschehen aus?

Was waren die ersten Maßnahmen?

Schulze Pellengahr: Zunächst gab es den direkten Austausch mit der Gemeinde Senden, um zu hören, wie sich dort die Lage entwickelt. Am nächsten Tag habe ich eine Vorbereitungsgruppe zur Einberufung und Einrichtung eines Krisenstabes hier im Kreishaus einberufen, der dann formal ab dem Freitag, 6. März, seine Arbeit aufnahm und seitdem die verschiedenen Akteure koordiniert hat und der mich fortwährend bis heute berät.

Wie waren Ihre Prognosen damals – bis wann dachten Sie, wäre die Pandemie in Griff?

Schulze Pellengahr: Damals kursierte die Auffassung einiger Mediziner, dass im Laufe des Sommers 2020 das Infektionsgeschehen wieder so deutlich zurückgehen würde, so dass wir wieder weitgehend zur Normalität zurückkehren könnten. Dabei wurde allerdings auch schon angedeutet, dass es im Winter wieder schwieriger werden könnte. Ich gestehe aber, dass ich mir Anfang März nicht vorstellen konnte, dass wir einmal Schulen flächendeckend schließen würden und auch das öffentliche Leben insgesamt so massiv würden runterfahren müssen.

Ihre Erklärung, warum im Kreis Coesfeld die Zahlen relativ niedrig sind?

Schulze Pellengahr: Es sind sicherlich viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen: Ich erlebe, dass die Menschen bei uns im Kreis sehr achtsam miteinander umgehen und die Hygieneregeln ganz überwiegend sehr verantwortungsvoll eingehalten werden. Darüber hinaus war aus meiner Sicht die massive Personalverstärkung im Gesundheitsamt durch Abordnungen, Neueinstellungen aber auch durch die zeitweise vertragliche Verpflichtung eines Teams eines Reisebüros wie auch die umfassende Amtshilfe der Bundeswehr sehr hilfreich und notwendig, um die Kontaktpersonennachverfolgung schnell und wirkungsvoll zu ermöglichen. Auch die Einführung der Software „Sormas“ war sehr hilfreich, um die Prozesse zu beschleunigen. Zudem verfügen wir von Beginn an mit dem Labor der Christophoruskliniken in Coesfeld über einen leistungsfähigen Partner, der es ermöglicht hat, dass die Testergebnisse meist binnen 24 Stunden vorlagen, so dass unser Gesundheitsamt sehr schnell reagieren konnte. Nun gilt es, durch unser aller Verhalten dazu beizutragen, dass auch in den nächsten Wochen die guten Werte, die der Kreis Coesfeld seit Wochen landesweit aufweist, zu erhalten, um die Infektionen so gering wie möglich zu halten.

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