Älteste Bürgerin im Kreis Coesfeld ist 106 Jahre alt / Traumatische Erinnerungen an Russland
„Sie baten um Brot, aber ich hatte nichts“

Kreis Coesfeld. Olga Hergert ist vor gut zwei Wochen 106 Jahre alt geworden. Sie ist die älteste Bürgerin im Kreis Coesfeld. Ihr Leben war hart und anders. Sie gehört zu den so genannten Wolgadeutschen und sie erfuhr selber, was bereits in den Geschichtsbüchern steht: Hungersnot. Der Angriff im zweiten Weltkrieg von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion, der für die in Russland lebenden Deutschen traumatische Folgen haben sollte. Die unfreiwillige Umsiedlung in entlegene russische Gebiete. Zwangsarbeit. Kälte. Die vielen, die starben.

Samstag, 03.04.2021, 12:08 Uhr
Älteste Bürgerin im Kreis Coesfeld ist 106 Jahre alt / Traumatische Erinnerungen an Russland: „Sie baten um Brot, aber ich hatte nichts“
106 Jahre alt ist Olga Hergert – die älteste Person im Kreis Coesfeld. Sie wurde am 16.3.1915 in Alexander-Höh in Russland geboren. Stationen ihrer bewegenden Geschichte hat Olga Hergert in einem Album aufgeschrieben. Foto: az

„In Russland waren wir die nicht gern gesehenen Deutschen und in Deutschland die Russen“, sagt sie.

Die älteste Person im Kreis Coesfeld nach der Datenlage des Kreises lebt inzwischen im Seniorenstift Alte Weberei in Coesfeld. Sie geht eigenständig am Rollator und bekommt fast täglich von ihrem Sohn Besuch.

„Sie hört nur sehr schlecht“, schmunzelt Martin Rolfes, Leitung Sozial-therapeutischer Dienst in der Alten Weberei. Ein persönliches Gespräch war in der Coronazeit nicht möglich. Aber Olga Hergert hat Stationen aus ihrem Leben in einem Album aufgezeichnet. Persönliche Worte, Erinnerungen, Beschreibungen. Sie gehen unter die Haut.

Geboren wird Olga Hergert am 16. März 1915 in dem Dorf Alexander-Höh in Russland in der Wolgadeutschen Republik. Sie arbeitet als Grundschullehrerin in der deutschen Sprache und hat drei Kinder. Alles wäre wohl anders verlaufen, wenn der Angriff auf die Sowjetunion nicht passiert wäre. Aber damit ist nichts mehr wie vorher. Zuvor schon gibt es Repressalien gegen die einst privilegierten Deutschen in Russland. Aber nun gelten sie als Spione und Verbündete der Faschisten. Stalin lässt sie in entlegene Gebiete bringen. „1941. Der Leidensweg nach Sibirien“ überschreibt Olga Hergert in ihrem Album den traumatischen Einschnitt in ihrem Leben. Im September habe „eine richtige Hölle“ begonnen. „Mit Sack und Pack, mit Kind und Koffer“ muss Olga auf die unfreiwillige weite Reise. „Am 2. September werden wir spätabends in Viehwaggons eingeladen. Wir wurden von Soldaten mit Gewehren bewacht. Auf unsere Frage: ,Warum die Ungerechtigkeit?‘ gab uns niemand Antwort.“ Viele sterben unterwegs. 14 Tage später kommen sie in Sibirien im Gebiet Altai an.

Olga Hergert lebt nun in einem kleinen Dorf und mus Kuhställe reinigen. Zwangsarbeit, die so genannte Trudarmee. Ihr Mann Peter schafft es nicht. „Die schwere Waldarbeit bei minus 40 bis 50 Grad Kälte, ganz schlechte Kleidung, unterernährt“, schreibt Hergert in ihrem Album. Im März 1943 erhält sie die Nachricht, dass er gestorben ist. Wie tausende andere. „In einen Graben wurden die vielen Toten geworfen und gegen Frühjahr mit einem Traktor mit Erde zugeschüttet.“

Sie befindet sich in einer verzweifelten Situation – mit zwei eigenen Kindern und einem Waisenkind sowie ihrer alten Mutter. „Die Kinder baten um Brot, aber ich hatte nichts.“ Schließlich tauscht sie ihr einziges Andenken an ihnen Mann – eine Taschenuhr – gegen ein Kalb ein. Gebete geben ihr Stärke und Mut.

Später darf Olga wieder als Lehrerin arbeiten. Und zudem mit einem weiteren Studium auch die höheren Klassen unterrichten. Insgesamt ist sie fast 40 Jahre als Lehrerin tätig. 1972 hat sie ihre letzte Klasse, dann geht sie in Rente.

Doch wie früher wird es nie mehr. Das Wolgaland, ihre Heimat, existiert nicht mehr wie vorher. Die einstigen deutschen Bewohner dürfen nicht mehr zurück. „Die Kinder wurden oft verspottet, weil sie Deutsche waren“, schreibt die 106-Jährige. Trotzdem schaffen sie es und erlernen ansehnliche Berufe. Darauf ist Olga Hergert stolz.

Und auch ein weiterer Mann tritt in ihr Leben – Markus Alexander, den sie auf der Rinderfarm 1946 kennenlernt, wo sie weiterhin arbeitete. 42 Jahre sind sie verheiratet. 1989 stirbt er mit 76 Jahren. Einige Jahre später folgt für sie die Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren: 1995 kommt sie mit den Familien ihrer beiden Kinder als Aussiedlerin nach Coesfeld. Seit dem 14. Juni 2020 lebt sie im Seniorenstift Alte Weberei. „Am liebsten liest sie die täglichen Nachrichten auf ihrem digitalen Lesegerät mit extra großen Buchstaben“, berichtet Martin Rolfes vom Seniorenstift.

Politik steht dabei an erster Stelle.

- Wolgadeutsche -

Wolgadeutsche gehören zu den „Russlanddeutschen“, die Mitte des 18. Jahrhunderts einem Aufruf von Katharina der Großen folgten, sich in russische Gebiete anzusiedeln. Sie versprach sich davon eine wirtschaftliche Stärkung des Landes. Die Deutschen kamen aus verschiedenen Gebieten und ließen sich in mehreren Regionen nieder. 25 Prozent ließen sich an der unteren Wolga nieder - die Wolgadeutschen. Sie bauten Dörfer und Städte und errichteten Fabriken. Zwischen 1924 und 1941 waren sie innerhalb der Sowjetunion in der Wolgadeutschen Republik organisiert. Die deutschen Siedler fanden zunächst günstige Bedingungen und erhielten einen politischen Sonderstatus. Einschränkungen und Repressalien folgten, als die Sowjetunion gegründet wurde und Stalin den Wolgadeutschen die Getreideernte abnahm. 1921/22 entstand daraufhin eine Hungersnot. Trauma im Zweiten Weltkrieg, nachdem das Deutsche Reich 1941 die Sowjetunion angriff. Die Deutschen in der Sowjetunion wurden pauschal als Spitzel und der Kollaboration beschuldigt. Stalin ließ sie in entlegene Gebiete bringen, so nach Sibirien und Kasachstan. Sie mussten in der „Trudarmee“, der Arbeitsarmee, Zwangsarbeit leisten. Tausende starben an den schlechten Bedingungen. Die Überlebenden wurden oft als „Fritzen“ oder „Faschisti“ beschimpft. Auch später durften die Wolgadeutschen nicht wieder zurück in ihre angesiedelten Gebiete. Deutschland ermöglichte den Wolgadeutschen seit den 70er Jahren die Einbürgerung. Zwei Millionen kehrten zurück in das Land ihrer Vorfahren, seit die Sowjetunion zerbrach. vth

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