Psychotherapeuten warnen vor Öffnungen
„Keine riskanten Versuche“

Kreis Coesfeld (vth). Psychologen und Psychotherapeuten aus Coesfeld warnen vor weiteren Öffnungsschritten. „Wir hätten uns gewünscht, dass sich der Kreis Coesfeld für einen harten, kurzen Lockdown eingesetzt hätte – und nicht dafür, im Rahmen der Modellregion punktuell Lockerungen auszuprobieren“, sagt Diplom-Psychologe Florian Gernemann. Er hält einen strengen Lockdown deshalb für sinnvoll, weil er in Wirklichkeit ein Weg aus der Pandemie heraus sei, eine Öffnungsstrategie. Die Angst vor erneut steigenden Zahlen sei groß.

Mittwoch, 05.05.2021, 07:00 Uhr

„Kein Modellprojekt. Keine riskanten Versuche. Dafür evidenzbasierte, wissenschaftsgeleitete und fundierte Politik zum Wohle der Menschen“, fordern die Therapeuten in einem Schreiben an Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr.

Gernemann hält auch die relativ niedrigen Inzidenzen im Kreis Coesfeld von unter 100 für zu hoch, um über Öffnungsschritte nachzudenken. Schließlich habe die Grenze vor wenigen Wochen noch bei 50 und 35 gelegen. „Die höheren Inzidenzen, die jetzt für härtere Maßnahmen gelten, sind politisch gewollt, aber nicht wissenschaftlich begründet“, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Auch die punktuellen Projekte im Rahmen der Modellregion findet Gernemann bedenklich. Wenn in einem solchen Projekt ein Ausbruch passiere, kletterten die Infektionszahlen womöglich schnell nach oben. „Dann müssen alle anderen darunter leiden.“ Für alle, die sich an die Regeln gehalten hätten, ein besonders großer Rückschlag. „Wir Psychotherapeuten bemerken seit Anfang des Jahres eine massive Zunahme sowohl der neuen Therapieanfragen als auch der Belastungsreaktionen der sich in Behandlung befindenden Patienten“, heißt es in dem Schreiben. Depressive Symptome und Angststörungen hätten sich in vielen Fällen dramatisch verschlechtert. In der Behandlung befänden sich zumeist Menschen, die sich gut an die geltenden Corona-Regeln halten und unter Nichteinhaltungen leiden. Sollten die Zahlen wieder hoch gehen, müssten sie erneut unter den Folgen leiden – ebenso wir Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten erneut an ihre Belastungsgrenzen gehen müssten.

Landrat Schulze Pellengahr verweist darauf, dass es sich bei den Projekten um „sehr vereinzelte Aktionen“ handele und nicht um flächendeckende Öffnungen. „Diese werden mit größter Vor- und Umsicht angegangen, unter enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt und Wissenschaftlern“, heißt es in seiner Antwort. Der Schutz der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Jedem kleinteiligen Schritt liege ein Hygienekonzept mit digitalen Elementen zur Nachverfolgung zugrunde. Zusätzlich gebe es klare Abbruchkriterien. Der Kreis Coesfeld habe davon abgesehen, erste Schritte überstürzt zu gehen. „Unter diesen Rahmenbedingungen halte ich es für sinnvoll und verantwortbar, kleine Schritte der Öffnung im sehr begrenzten Maße zu gehen“, so Schulze Pellengahr. Die Projekte sollen wissenschaftliche Erkenntnisse bieten und eine Perspektive für ein deutlich abgeschwächtes Infektionsgeschehen.

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