Hellblaues Winz-Wunderauto mit hünenhaftem Fahrer
Kultiger Kabinenroller

BÖSENSELL -

Mitte der Fünfziger Jahre brachte ein süddeutscher Landmaschinen-Unternehmer mit dem Goggomobil ein gewagtes Minimalauto-Konzept auf den Markt. Es wurde für rund ein Jahrzehnt der erfolgreichste Kleinstwagen der Geschichte. Heute gibt es davon nur noch wenige. Der Bösenseller Heinz-Josef Winkelsett besitzt ein Goggo-Modell von 1968. Und mit dem liegt der hünenhafte Jeansjackenträger nicht nur zwischen seinem Wohnort Bösensell und seinem Arbeitsplatz in Münster ausgesprochen niedrig über dem Straßenasphalt. Und auch 2014 fährt der Goggo wie ein Döppken ...

Freitag, 13.06.2014, 13:51 Uhr

Das hellblaue „Wägelchen“ rollt 25 Zentimeter über dem Boden, sieht aus wie ein Spielzeugauto, hat keine Gurte, schafft aber mit seinem 250-Kubik-Zweitaktmotor locker 75 Stundenkilometer. Das 390 Kilogramm schwere Goggomobil von Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell.

Das schnuckelige kleine Auto ist gerade mal 2,90 Meter lang und 1,30 Meter breit. Doch sein nicht gerade kleinwüchsiger Besitzer Heinz-Josef Winkelsett entsteigt ihm ohne ersichtliche Mühen – und versetzt Passanten in Senden oder an seinem Arbeitsplatz im Personalrat der Uni Münster in Erstaunen.

Der 53-Jährige ist gelernter Betriebsschlosser, erfüllte sich 2002 seinen Jugendtraum und kaufte sich sein Goggomobil T., Baujahr 1968. Das stand in einer Gartenlaube in Münster-Kinderhaus, von Efeu umrankt, noch im ursprünglichen Grau.

Vier Jahre lang restaurierte Winkelsett sein Auto. Zunächst zerlegte er es komplett. Mit vier Mann trennte er die Karosserie vom Chassis und baute das Goggomobil wieder neu, aber originalgetreu auf, mit Ersatzteilen von drei anderen Goggo-Modellen. Einzige Nachrüstung war ein Warnblinker.

Winkelsett legt Wert darauf, dass der Goggo im Gegensatz zum Papp-Trabbi aus vollfertigem Stahlmetall besteht. Jede Schweißnaht ist verzinkt, Parkleuchte und Blinker befinden sich an den Seiten, und der Motor liegt quer im Heck. Kofferraum? Fehlanzeige. Die Karosserie trägt sich selbst. Auf der Hutablage befindet sich der Benzinhahn. Den muss der Bösenseller vor Antritt einer jeden Fahrt aufdrehen, damit frisches Benzin in den Vergaser läuft – ein Relikt des Vorgänger-Modells, dem Glas Goggo Motorroller.

Goggo für große Fahrten

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  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Im Kofferraum ist kein Platz, aber dieser schöne Koffer muss ja auch gesehen werden.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Goggo aus Bösensell - Erinnerungen an viele Fahrer-Treffen.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Die gehäkelte Klorolle auf der Ablage gehört zum Mobilar des Goggo.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • My Goggo is my castle - und da dürften die Blümchen nicht fehlen.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Günter Benning
  • Seinen Goggo hat Heinz-Josef Winkelsett aus Bösensell perfekt gepflegt.

    Foto: Peter Sauer
  • Blick unter die Goggo-Kühlerhaube.

    Foto: Peter Sauer

Die Überraschung: Der Goggo bietet zwei Erwachsenen und zwei Kindern ausreichend Platz – wenn man einmal sitzt. Die formschöne Kilometeranzeige ist aus Bakelit, und das Reserverad liegt griffbereit im Fußraum. Statt üblicher H-Schaltung gibt die Z-Schaltung den Ton an und den Takt eine Original-Goggo-Uhr zum Aufziehen. Der Verbrauch liegt auf 100 Kilometern bei sechs Litern.

Unbeschreiblich ist das Fahrgefühl: „Ich fühle mich, als ob ich auf der Straße sitze, so tief, schaue den anderen Autos regelrecht in die Räder.“ Dazu kommt der Sound: „Anfangs knattert der Goggo, dann surrt er hell und wenn er warm gelaufen ist, läuft er wie ein Döppken.“ Auch wenn die Räder noch winziger als das ganze

Gefährt wirken, greifen sie gut, da sie an spurverändernden Pendelachsen vorn und hinten aufgehängt sind.

Der Goggo der Dingolfinger Autofirma Hans Glas war 1955 bis 1969 das meistgebaute Kleinmobil der Welt. Man durfte ihn mit einem Traktor-Führerschein der Klasse vier fahren. Damaliger Anschaffungspreis: ab 3097 Mark.

Sein Goggo ist Heinz-Josef Winkelsett viel kostbarer als Geld. Er ist sein treuer Weggefährte auf vier Rädern. 33 000 Kilometer hat der Bösenseller seit 2006 runter. Er macht bei Oldtimerfestivals mit, fährt am 28. Juni in Münster zugunsten der Kinderneurologie Fans spazieren und chauffiert am Samstag seine Tochter Mareike zur Hochzeit auf Schloss Nordkirchen. Wer braucht dazu schon einen Royce?

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