Nach Metzelder Prozess
„Mord an Kinderseelen“ - Netzwerk „Roter Keil“ verstärkt Einsatz

Senden -

Das Netzwerk „Roter Keil“ kämpft seit über 20 Jahren gegen sexuellen Missbrauch und Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Der Prozess gegen Christoph Metzelder hat für den Verein einmal mehr gezeigt, wie weit verbreitet Kinderpornografie ist. Zugleich wurde mit dem Ex-Fußball-Profi ein Weggefährte von „Roter Keil“-Gründer Dr. Jochen Reidegeld rechtskräftig verurteilt.

Dienstag, 04.05.2021, 17:05 Uhr aktualisiert: 05.05.2021, 18:23 Uhr
Initiator und Gründer des Netzwerkes gegen Kinderprostitution: Dr. Jochen Reidegeld.
Initiator und Gründer des Netzwerkes gegen Kinderprostitution: Dr. Jochen Reidegeld. Foto: roterkeil.net

Das Urteil gegen Christoph Metzelder ist gerade rechtskräftig, da meldet die Polizei einen Schlag von internationalen Ermittlern gegen eine Kinderpornografie-Plattform im Internet. Was bedeutet der Prozess gegen den prominenten Ex-Profi-Fußballer und zeitweiligen Weggefährten für die Arbeit des Netzwerkes gegen Kindesmissbrauch, roterkeil.net? Darüber sprach WN-Redakteur Dietrich Harhues mit dem Roter-Keil-Gründer, Dr. Jochen Reidegeld, und dem Vorsitzenden der Ortsgruppe Senden, Werner Bußmann.

Wie bewertet das Netzwerk Roter Keil das Urteil gegen Christoph Metzelder? Und welche Wirkung geht davon aus?

Bußmann: Als Roter Keil setzen wir uns für Kinderrechte und Kinderschutz ein. Von daher waren unsere Gedanken, als das Urteil gesprochen wurde, bei den Kindern, die auf den Fotos abgelichtet sind. Ihnen wurde unermessliches Leid angetan. Der Schmerz, den Kinder erlitten haben, das ist nicht wiedergutzumachen – durch kein Urteil dieser Welt.

Reidegeld: Das Strafmaß bleibt in solchen Fällen immer hinter dem zurück, was die Öffentlichkeit und auch wir als Roter Keil für angemessen hielten. Aber im März hat der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder beschlossen. Das sieht unter anderem eine deutliche Verschärfung des Strafrechts sowie effektivere Strafverfolgungsmöglichkeiten vor. Wir begrüßen es mit anderen Kinderschutzorganisationen sehr, dass danach nun auch der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischen Materials deutlich härter bestraft werden können.

Was offenbart sich an dem Verfahren gegen Metzelder, was die Verbreitung und den Konsum von Kinderpornografie betrifft?

Reidegeld: Wir müssen weiterhin alles dafür tun, dass der Besitz und die Verbreitung von kinderpornografischem Material nicht verharmlost werden. Es gerät zu leicht aus dem Blick, dass es hier nicht nur um Bilder geht. Um diese Bilder zu „produzieren“, haben Kinder unendlich gelitten. Sie wurden vergewaltigt! Ich denke, was wir aus der Verhandlung erfahren haben, hat das auf eine Weise deutlich gemacht, die niemand ignorieren kann. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist Seelenmord!

Bußmann: Es geht hier nicht nur um Gesetze. Eine Stärkung des gesellschaftlichen Problembewusstseins ist hier weiterhin dingend notwendig. Und zum anderen müssen wir uns von dem Bild verabschieden, das viele von uns vermutlich von den Tätern haben, die kinderpornografisches Material besitzen und verbreiten. Diese kommen tatsächlich aus allen sozialen Schichten, verhalten sich meist unauffällig und angepasst an das Milieu, in dem sie leben.

Helfen, Vorbeugen, Aufklären

Das Netzwerk Roter Keil unterstützt gemeinnützige Organisationen bei der Betreuung von Missbrauchsopfern. Zugleich bildet die Förderung von Prävention gegen sexualisierte Gewalt und Missbrauch von Kindern einen Schwerpunkt ebenso wie Aufklärung und Sensibilisieren für ein Thema, das vor dem Beginn der Arbeit des Netzwerkes noch weitgehend mit einem Tabu belegt war. Von der Hilfe für Prostituierte durch Streetwork in Dortmund, Schutz für missbrauchte Kinder und ihre Mütter im tschechischen Cheb, ein Mädchenhaus in Sierra Leone bis zur die Mitfinanzierung von Beratungsstellen im Münsterland reicht das Spektrum der Projekte.

Initiiert und gegründet wurde das Netzwerk vor über 20 Jahren von Dr. Jochen Reidegeld, inzwischen Pfarrer in St. Nikomedes Steinfurt. Auslöser war die Begegnung mit einem Jungen, der auf Sri Lanka zur Prostitution gezwungen wurde. Zu den „Schutzengeln“ von Roter Keil zählen Sebastian Kehl, Ingrid Klimke, Azte Schröder, Helene Fischer und Leon Windscheid.

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Wie kann es sein, dass kinderpornografische Inhalte, wie von Metzelder beteuert, auf offen zugänglichen Internetseiten zu finden sind? Gibt es keine Ansatzpunkte, die Betreiber der Seiten/Portale auch zur Rechenschaft zu ziehen?

Bußmann: Es bleibt ein Skandal, dass solche Fotos im Internet offen zugänglich sind. Aus unserer Sicht sind da noch nicht alle technischen Mittel ausgeschöpft, um entsprechende Seiten schneller zu erkennen und zu sperren. Aber man muss auch betonen, dass in dieser Frage von der Bundesregierung und auch durch unsere Landesregierung wichtige Schritte unternommen worden sind. Es wird umfangreicher ermittelt als früher. Was die Rechtslage angeht, gibt es Fortschritte. Denn das im März beschlossene Gesetz sieht vor, dass das gewerbs- und bandenmäßige Verbreiten kinderpornografischen Materials künftig mit Freiheitsstrafen von zwei bis 15 Jahren bestraft werden. Bisher lag das Strafmaß deutlich darunter.

Reidegeld: Wichtig ist, dass die Strafverfolgungsbehörden personell und technisch so ausgestattet sind, dass sie die Betreiber auch wirklich dingfest machen können. Jeder, der solche Seiten betreibt, muss damit rechnen können, dass seinem widerwärtigen Verbrechen der Garaus gemacht wird. Wir sind den Frauen und Männern der Strafverfolgungsbehörden dankbar, die diesen schweren Dienst tun, der sie häufig an die psychische Belastungsgrenze bringt und darüber hinaus.

Welche Folgen hat der Metzelder-Prozess für die (weitere) Arbeit des Netzwerkes Roter Keil?

Bußmann: Es waren zwei schwere Jahre für uns als Ehrenamtliche. Da fragt man sich in manchen Augenblicken schon, ob man sich eine solche Belastung weiter zumuten will. Aber dann denkt man wieder daran, wofür man es tut – für Kinder, deren Last unvergleichbar größer ist!

Reidegeld: Als Netzwerk Roter Keil werden wir uns noch entschlossener dafür einsetzen, Kindern zu helfen, die durch die sexualisierte Gewalt entstandenen seelischen Wunden zu heilen, damit sie einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden können. Hier ist leider Gottes noch immer sehr viel zu tun. Wir werden in unseren Bemühungen und Anstrengungen nicht nachlassen – ganz im Gegenteil.

Herr Reidegeld, wie betrachten Sie den Fall menschlich, angesichts einer längeren Verbundenheit mit Christoph Metzelder?

Reidegeld: Die ersten Nachrichten haben mich im September 2019 auf meinem Handy erreicht, als ich aus dem Flugzeug in Frankfurt stieg. Ich kam gerade aus dem Irak und Syrien zurück. Seitdem ist das Gefühl gleichgeblieben, ich bin einfach nur traurig und ratlos.www.roterkeil.net

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