Tierheim Lengerich nimmt auch Grevener Fundtiere auf
Hunde-Boom auch in Greven

Greven/Lengerich -

Die Corona-Pandemie sorgt auch in Greven dafür, dass immer mehr Menschen einen Hund oder ein anderes Haustier zulegen.

Mittwoch, 05.05.2021, 08:06 Uhr aktualisiert: 05.05.2021, 08:10 Uhr
Gassi gehen mit dem Hund: In Greven werden im Verlauf der Coronapandemie immer mehr Hunde gehalten, quasi als Begleiter in der Corona-Einsamkeit
Gassi gehen mit dem Hund: In Greven werden im Verlauf der Coronapandemie immer mehr Hunde gehalten, quasi als Begleiter in der Corona-Einsamkeit Foto: Anke Beimdiek

Die Nachbarin mit ihrem verrückten Dackel beim Gassi gehen ist ein gewohnter Anblick. Aber – so rein subjektiv – hat man das Gefühl, dass da in den vergangenen Wochen und Monaten ein paar neue Vierbeiner mit neuen Herrchen und Frauchen dazu gekommen sind. Subjektiv mag das stimmen, aber wie soll man das objektiv verifizieren? Eigentlich müsste der Herr oder die Dame bescheid wissen, die für die Erhebung der Hundesteuer in der Stadtverwaltung zuständig ist. Und tatsächlich: Von Dezember 2019 bis April 2021 erhöhte sich die Zahl der beim Ordnungsamt gemeldeten Hunde von 3035 auf 3117 (plus 82 Hunde). Die „illegalen“ – also nicht angemeldeten – Hunde sind damit natürlich nicht erfasst. Katzen und anderes Getier sowieso nicht.

Der Grund für diesen Boom liegt auf der Hand: In der Corona-Pandemie sind viele Menschen deutlich mehr zu Hause – und wollen ihren Haushalt um ein vierbeiniges Mitglied erweitern, wollen quasi Begleitung in der Corona-Einsamkeit. Das bekommt auch das Tierheim Tecklenburger Land in Lengerich zu spüren, in dem auch die Grevener „Fundtiere“ abgegeben und betreut werden, die Grevener Fundhunde werden allerdings in der Hundepension in Westerode untergebracht. Für die Betreuung der Fundtiere bezahlt die Stadt Greven rund 20 000 Euro im Jahr.

Wie gesagt: Besonders Hunde sind in dieser Zeit gefragt. Manche Tierheime wurden regelrecht überrannt. Schon zu Beginn der Krise hatten einige keine vermittelbaren Hunde mehr. Außergewöhnlich groß ist auch die Nachfrage bei den Züchtern. „Der deutsche Markt ist leer gefegt“, sagt Tierheimleiterin Cornelia Backhaus. Für Welpen würden teilweise Preise von bis zu 2500 Euro gezahlt, berichtet sie und ergänzt kopfschüttelnd: „Dafür bekommt man sogar schon ein Pony.“

Aber wie passen dazu die vollen Zwinger im Tierheim in Lengerich? In den vergangenen Monaten seien zwar mehr herrenlose Tiere als üblich vermittelt worden, sagt Ulla Mertin. Platzprobleme gab es nicht – bis vor einigen Wochen 20 Hunde, die aus schlechter Haltung befreit wurden, nach Lengerich kamen.

Die Schattenseite des lukrativen Hundebooms: „Zwei Klicks im Internet und schon hat man ein Haustier“, weiß die Tierheimleiterin. Nicht immer kämen die Tiere aber von verantwortungsbewussten Züchtern, sondern stammten auch aus solchen sogenannten Qualzuchten. Zu dem Leid der Elterntiere kämen mitunter Krankheiten, ausgeprägte Futtermittelallergien und Gendefekte bei den Welpen.

Auch aus dem Ausland werden wegen der großen Nachfrage viele Hunde illegal nach Deutschland importiert. Die häufig ungeimpften Tiere könnten hier zum Tollwut-Risiko werden, warnt Tierschützerin Ulla Mertin. Werden die Hunde entdeckt, isoliert sie das Veterinäramt deshalb für mindestens drei Wochen in strenger Quarantäne komplett von ihrer Umwelt. Eine zusätzliche Qual für die mitunter bereits traumatisierten Vierbeiner.

„Menschen, die sich ein Haustier zulegen wollen, sind nicht schlecht beraten, wenn sie ein Tierheim ansteuern“, ist Cornelia Backhaus überzeugt. Anders als zweifelhafte Züchter und Händler würden dort alle Probleme und Eigenheiten eines Tieres „offen auf den Tisch“ gelegt.

Das betrifft zum Beispiel Hunde, die als potenziell gefährlich gelten und für die es in Nordrhein-Westfalen strenge Auflagen für die Halter gibt – angefangen bei der Leinenpflicht bis hin zum unter Umständen erforderlichen Sachkundenachweis. Einige Kommunen verbieten die Haltung gefährlicher Hunderassen ganz. Manchmal sei das selbst Hundehaltern gar nicht bewusst, sagt Cornelia Backhaus. Aktuell sucht das Tierheim in zwei Fällen zudem ein neues Zuhause für Hunde, die nicht getrennt, sondern nur als Duo abgegeben werden sollen. Auch das macht die Vermittlung nicht leichter.

Das Tierheim kann zurzeit nur nach vorheriger Terminabsprache besucht werden. Über einen Fragebogen versuchen die Mitarbeiter, sich im Vorfeld ein Bild von den Lebensumständen der potenziellen Tierhalter zu machen. Mitunter zerschlägt sich der Wunsch nach einem vierbeinigen Begleiter schnell. „Manchmal stellt sich bald heraus, dass der Vermieter gar keine Haustiere duldet“, berichtet Ulla Mertin. Auch Angebote, Tiere im Lockdown für drei, vier Wochen zu übernehmen, lehnt das Tierheim ab. Das wäre, wie Cornelia Backhaus betont, „ein Super-GAU für die Hunde“.

Nicht alle Heimtiere finden ein neues Zuhause. Es gibt Langzeit-Kandidaten, die das Tierheim nicht mehr verlassen. Ein Rüde lebt schon seit mehr als zehn Jahren am Setteler Damm. Nach zwei gescheiterten Versuchen soll er nicht mehr vermittelt werden. Auch Kai Hillebrandt, der die Hundepension Westeroder Land betreibt, hat noch zwei Hunde, die er bislang nicht vermitteln konnte.

Bleibt zu hoffen, dass die vielen Hunde, Katzen und anderes Getier, das die Grevener während der Corona-Pandemie gekauft haben, nicht nach der Pandemie und nach dem Home-Office im Tierheim in Lengerich oder in der Westeroder Hundepension landen.

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