Dennis Dömer macht sich in der Corona-Pandemie als Physiotherapeut selbstständig
Ohne Rezept gibt‘s derzeit keine Hilfe

Lengerich -

Die Corona-Pandemie hat Dennis Dömer nicht daran gehindert, in Lengerich eine Physiotherapie-Praxis zu eröffnen. Der 30-Jährige darf mit seinem Team derzeit nur Patienten betreuen, die mit einem Rezept in die Praxis kommen. Aber die Zahl der Menschen mit Rücken-, Schulter- und Nackenbeschwerden habe zugenommen, berichtet er.

Montag, 03.05.2021, 17:52 Uhr aktualisiert: 04.05.2021, 17:20 Uhr
Mit einem einfachen Stock, beispielsweise einem Besenstil, lässt sich etwas für die Schulter tun, demonstriert Dennis Dömer eine leichte Übung speziell für Menschen, die viel vor dem Computer sitzen.
Mit einem einfachen Stock, beispielsweise einem Besenstil, lässt sich etwas für die Schulter tun, demonstriert Dennis Dömer eine leichte Übung speziell für Menschen, die viel vor dem Computer sitzen. Foto: Michael Baar

„Mit Beginn der Ausbildung habe ich nicht gewusst, was auf mit zukommt.“ Unwillkürlich verziehen sich die Mundwinkel von Dennis Dömer zu einem Lächeln. Dass er etwas mit körperlicher Bewegung machen wolle, sei ihm klar gewesen. Jetzt ist der 30-Jährige Physiotherapeut mit eigener Praxis. An drei Standorten. Alle eröffnet in Corona-Zeiten. „Ich habe alles richtig gemacht“, zieht er eine Zwischenbilanz im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten.

Dabei hat er nur den Schritt nach Lengerich geplant. Im Januar hat er an der Wielandstraße 12 seine Therapiepraxis eröffnet. Da liegt der „gute Start“ in Greven schon drei Monate zurück. „Ich konnte die Praxis übernehmen und habe zugegriffen“, beschreibt er diesen – nicht geplanten – Schritt. Im vergangenen Monat ist eine weitere Praxis in Laggenbeck hinzugekommen, auch als Übernahme.

Die Zahl der Menschen mit Problemen im Rücken-, Schulter- und Nackenbereich ist größer geworden.

Dennis Dömer

Dieser Schritt in die Selbstständigkeit ist für ihn keineswegs ein Vabanque-Spiel. Auch wenn zurzeit nur auf Rezept gearbeitet werden darf. Dennoch sind seine drei Praxen und das – mit ihm – sechsköpfige Team „momentan fast komplett ausgelastet“. Was er auch auf den Trend zum Homeoffice zurückführt. „Die Zahl der Menschen mit Problemen im Rücken-, Schulter- und Nackenbereich ist größer geworden“, beobachtet er. Mit einem Rezept der Krankenkasse kommen die Patienten in seine Praxis – und sind nach sechs Einheiten wieder weg.

„Zusatzleistungen dürfen wir im Moment nicht anbieten“, erläutert er. Aber gerade die würden eine Praxis attraktiv machen. „Nur mit Rezepten kommt man vielleicht gerade so über die Runden.“ Was aus Sicht von Dennis Dömer den Blick auf ein grundsätzliches Problem lenkt: die geringe Behandlungszeit pro Patient und die geringe Vergütung dieser Leistungen auf Rezept. „Je nach Behandlungsziel stehen mir zwölf bis 16 Minuten pro Patient zur Verfügung“, rechnet er vor. Umziehen inklusive. „Das reicht nicht für effektives Arbeiten“, stellt er nüchtern fest. Wenn die Anwendung anfange, Wirkung zu zeigen, sei das Rezept in der Regel abgelaufen.

Je nach Behandlungsziel zwölf bis 16 Minuten Zeit für einen Patienten

Eigentlich sollte sich eine Praxis ohne Zusatzleistungen tragen, meint der 30-Jährige. Was aber nicht der Fall sei und deshalb in einem Balance-Akt münde: „Wie komme ich über die Runden und helfe dem Patienten?“ Dabei sei deren Bereitschaft, für sich selbst etwas zu tun, in Corona-Zeiten gestiegen. „Viele haben dann ein Problem zu verstehen, warum die Physios nicht mehr machen dürfen, über das Rezept hinaus.“ Der Berufsverband, so erzählt er, sei in Gesprächen mit den Krankenkassen als Kostenträger. Ob ein gemeinsamer Nenner gefunden wird? Dennis Dömer zuckt mit den Schultern.

Auswirkungen zeige diese „Bremse“ auch auf das Berufsbild. „Der Beruf wird immer unattraktiver“, verweist er auf fehlende Nachwuchskräfte. Mit Blick auf seinen Weg – nach dem Staatsexamen eine dreijährige Ausbildung, danach Zusatzqualifikationen – bemängelt er eine adäquate Vergütung. „Für meine Zusatzqualifikationen habe ich aus eigener Tasche zwischen 30 000 und 40 000 Euro hingeblättert“, rechnet er vor. Bereut hat er das keine Sekunde. „Der Beruf mach Spaß und bringt viel Abwechslung.“

Eine Entwicklung wird sich nach seiner Einschätzung fortsetzen: „Der Beruf ändert sich in Richtung Coaching.“ Dazu gehören für ihn Hilfe zur Selbsthilfe genau so wie Übungen für zuhause. Mehr Aufklärung und Bewegung ergänzen das Paket. „Es ist schön, wenn ich einem Patienten was an die Hand geben kann“, setzt Dennis Dömer auf langfristige Erfolge.

Nur mit Rezepten kommt man vielleicht gerade so über die Runden.

Dennis Dömer

Dazu zählt der 30-Jährige Ernährungs- und Schlaftipps. Auch in diesen Bereichen ist er „für die Zeit, wenn wieder alles möglich ist“, gerüstet.

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