Aktionstage gegen Sucht
Emotionen kaufen macht high

Kreis Steinfurt -

„Neue Drogen“ und das Suchtpotenzial von Glücksspiel standen im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung „Sucht hat immer eine Geschichte“. Die Anti-Sucht-Aktionstage finden mit über 80 Veranstaltungen zum 5. Male im Kreis Steinfurt statt.

Freitag, 16.05.2014, 16:32 Uhr

Ein Spieler setzt Geld ein und hofft auf einen Gewinn– schon das alleine stimuliert, verursacht Nervenkitzel. Glücksspielforscher Dr. Tobias Hayer von der Uni Bremen spricht von „Emotionsregulation“. Letztlich kaufe sich der Spieler Emotionen, erklärt er – ein Mechanismus „ähnlich wie bei Drogen “. Während des Spiels seien Umwelt und Alltag weitgehend ausgeblendet – eine „negative Verstärkung“. Gewinnt der Spieler tatsächlich, folgen Glücksgefühle und Euphorie und der Wunsch zur Wiederholung. Verliert er, scheint ein neues Spiel die beste Strategie gegen Ärger und Frust. Je schneller sich die Spiele wiederholten, desto größer sei das Suchpotenzial, erläutert Hayer. Geldspielautomaten seien damit gefährlicher als etwa das „langsame“ Lotto. Und: Je jünger jemand mit dem Glücksspiel in Kontakt komme, desto größer sei das Suchtpotenzial – ähnlich wie beim Nikotin.

Pokerspieler, die in der Szene als Kult-Stars verehrt werden, Pokerseiten im Internet, deren Demo-Seiten hohe Beträge ausschütten, solange es um Spielgeld geht, bei richtigen Einsätzen aber ganz anders funktioni­eren, Rubbellose als denkbar ungeeignetes Geschenk für Kinder, die bizarre Welt der Sportwetten – Hayer gab tiefe Einblicke in die Psychologie des Glücksspiels am Donnerstag bei der Eröffnungsveranstaltung zu den Aktionstagen zur Suchprophylaxe im Steinfurter Kreishaus.

Landrat Thomas Kubendorff hatte als Schirmherr der Aktionstage die gut 100 Gäste dazu aufgefordert, „hin- statt weg zu gucken“ und gestand angesichts von Smartphone- und Spiele-Boom: „Jeder ist so leicht gefährdet“.

Manche allerdings auch recht extrem, so etwa die Nutzer „neuer Drogen“. Die „Horrordroge“ Crystal Meth , so erläuterte der Psychiater und Psychotherapeut Werner Terhaar , sei ein altes Phänomen. Lange als „Pervitin“ im Handel und im Krieg als „Panzerschokolade“ zu Doping und Enthemmung der Soldaten genutzt, sei das Metamphetamin im Münsterland noch kaum verbreitet. Lediglich in Rheine gebe es einen kleinen „Hotspot“. Ein Problem sei die hohe Dosierung dieser Droge, die sehr schnell abhängig mache.

Synthetische Cannabinoide (wirken wie Cannabis , aber viel stärker) wie „Spice“ sind oftmals legal als Räuchermischungen im Internet zu erstehen. Auch hier warnte Terhaar vor unbekannten Inhaltsstoffen und Dosierungen. Das Problem: Diese Substanzen würden immer wieder chemisch leicht variiert und seien dann praktisch „legal“. Hinzu komme, dass sie bei Standards-Drogentests praktisch nicht nachweisbar seien. „Wir kommen kaum hinterher“, verwies Terhaar auf die Innovationsfreude der einschlägigen Chemiker.

Schwer nachweisbar ist auch GBL, das etwa in acetonfreien Nagellackentfernern enthalten ist. Es wird auch als „liquid ecstasy“ bezeichnet. obwohl es mit Ecstasy nichts zu tun hat. Leicht dosiert wirkt es euphorisierend, stark dosiert als „K.O.-Tropfen“. Das hohe Abhängigkeitspotenzial mache den Entzug zu einer gefährlichen Sache. Zum Missbrauch als K.O.-Tropfen sagte er: „Ich bin wirklich irritiert, wie oft das vorkommt“. Der Nachweis im Blut oder Urin müsse sehr schnell geschehen, am besten innerhalb von sechs bis acht Stunden nach Einsetzen der Wirkung, so sein Rat.

Eine Frage an: Werner Terhaar

Was halten Sie als Arzt und Suchtexperte von der Diskussion um eine Legalisierung von Drogen wie Cannabis?

Terhaar: Es ist meiner Ansicht nach sicher an der Zeit, die Kriminalisierung bestimmter Drogen zu überprüfen, wie es derzeit auch von einer Gruppe von Strafrechtsprofessoren, dem Schildower Kreis, befürwortet wird. Den Gefährdungen durch Drogen sollte man besser durch Kontrollen bei Produktion und Handel sowie Aufklärung entgegentreten, als die Drogen grundsätzlich unter Strafe zu stellen. Der organisierten Kriminalität würde ein Geschäftsfeld entzogen und die User würden von sauberem Stoff profitieren. Sie haben ohnehin schon ein gesundheitliches Problem – mit dem Strafrecht ist das nicht zu lösen. Wichtig wären auch strenge Altersbeschränkungen, Aufklärung über die Risiken und ein ein totales Werbeverbot. Für Alkohol gibt es das ja leider nicht. Dass gerade im Sport-Umfeld, wie demnächst bei der Fußball-WM, massiv für Bier geworben wird, finde ich fatal, weil gerade Jugendliche davon angesprochen werden.

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