Mit dem Binnenschiff von Bergeshövede nach Bramsche
Auf dem Kanal zu Hause

Tecklenburger land -

Mit ihrem Binnenschiff „MS Salisso“ sind die Mnichs auf Deutschlands Wasserstraßen zu Hause. Nun sind sie mit 727 Tonnen Ladung an Bord von Bergeshövede nach Bramsche gefahren.

Samstag, 30.11.2013, 18:19 Uhr

Immer wenn Gudrun Mnich daran denkt, eines Tages in ihr Haus am Rhein zu ihren Kindern zu ziehen, wird sie ernst. Die 56-Jährige winkt ab, wechselt schließlich das Thema. „Da will ich gar nicht hin“, sagt sie abschließend mit tiefem, fränkischem Akzent. Ein Leben an Land, das mag sich die Binnenschifferin gar nicht vorstellen. Denn auf Deutschlands Wasserstraßen sind die Mnichs zu Hause.

5.45 Uhr war es, als der Wecker morgens klingelte. Anziehen, Maschinen klarmachen, rauf auf die Brücke. Von dort aus koordinierte Gudrun Mnich das Ablegen in Münster, wo das Binnenschiff „MS Salisso“ über Nacht auf seinem Weg von Essen nach Bramsche festgemacht hatte. Radar an, Maschine an, Taue los (das war die Aufgabe von Ehemann Hans-Werner ) - ab ging‘s nach Bergeshövede. Am Nassen Dreieck ging‘s vom Dortmund-Ems-Kanal in den Mittellandkanal.

Fahren - für Laien könnte das eher an ein Kriechen erinnern, wenn ein Binnenschiff eine Wasserstraße passiert. Denn Gudrun Mnich steuert das 67 Meter lange und 8,2 Meter breite Schiff mit gemütlichen zehn Stundenkilometern durchs Nass. Laut Gesetz die Höchstgeschwindigkeit, wenn Ladung an Bord ist. Da bleibt beim Fahren genug Zeit, um die Landschaft zu genießen. Oder um über allerlei Dinge nachzudenken.

„Ich würde jederzeit wieder alles genauso machen“, sagt Gudrun Mnich, während sie sachte am Steuerrad dreht und Brücken bei Hörstel durchfährt. Als junge Frau lernte sie beim Karneval in Eberbach am Neckar ihren zukünftigen Mann kennen, erzählt sie. Ihre Stelle beim Fernmeldeamt gab sie auf, mit 20 war sie an Bord. Seitdem lebt und arbeitet die heute 56-Jährige auf dem Binnenschiff. Die Arbeit wird geteilt. Während sie gerade den Kahn lenkt, macht Hans-Werner Mnich das Oberdeck sauber.

Statt ihrer neun Kinder sorgen heutzutage vier Kaninchen und drei Katzen dafür, dass es an Bord nie langweilig wird. Die zwei Hündinnen Lara und Mona liegen Gudrun Mnich zu Füßen, wenn sie am Steuer steht. Das ändert sich, als Hans-Werner Mnich hereinschaut. „Na, geh runter“, ruft die Steuerfrau die fünf Monate alte Lara halbernst zur Ordnung, die schwanzwedelnd immer wieder am Binnenschiffer hochspringt. Der schmunzelt, nimmt wortlos auf einer Bank hinter seiner Frau Platz und beobachtet das Treiben auf dem Kanal.

Hans-Werner Mnich ist ein echtes Original der Binnenschifffahrt. Mit dem „Dampfer“, so nennen die Mnichs ihre Salisso, transportiert er Ladung, solange er denken kann. Genau wie sein Vater und dessen Vater vor ihm. Das Schiff, der Kanal, die Wohnung im Heck - für ihn gehört das alles zusammen. „Die Wohnungstür ist meistens die Trennung zwischen Privatem und dem Beruf. Bei uns geht das gar nicht“, erklärt er. Binnenschiffer sein, für ihn ist das auch ein Lebensgefühl. Immer auf Reise sein, immer unterwegs, immer neu ankommen. Ein Leben an Land kann auch er sich kaum vorstellen.

Zahlen, Daten, Fakten

Das Binnenschiff der Familie Mnich, die „MS Salisso“, wurde 1938 gebaut. 1977 kaufte Hans-Werner Mnich das Schiff. Im Laufe der Zeit gab es mehrere Modernisierungen. Mittlerweile treibt eine Mitsubishi-Maschine mit 600 PS den „Dampfer“, so nennen die Mnichs ihr Schiff, an. Bei Fahrten in ruhigen Gewässern, wie etwa im Mittellandkanal, macht der Motor etwa 900 Umdrehungen und verbraucht 30 Liter Diesel in der Stunde. Bei Rheintouren werden bei 1600 Umdrehungen circa 100 Liter Treibstoff fällig. Einmal volltanken – 10 000 Liter – dauert eineinhalb Stunden. Bis auf Öl und Container können die Mnichs alles laden. Zum Beispiel können Kies, Kohle oder Erz (bis 860 Tonnen) oder Futtermittel (bis 727 Tonnen) befördert werden. Nach einer Fahrt muss der Laderaum je nach Art der Folgeladung sehr gründlich gereinigt werden.

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60 bis 70 Fahrten machen die beiden im Jahr, etwa 350 Tage im Jahr sind sie auf dem Wasser unterwegs. Von morgens früh bis abends zehn Uhr - oder später (mit Radar wird auch im Dunkeln gefahren). Urlaub machen die zwei dann, wenn eines der Kinder einspringt. Ein lockeres Leben, das geht sicher anders. Trotzdem: Aufhören, das Schiff verkaufen, das gibt‘s nicht. Nicht, solange die Mnichs das verhindern können. Ihre Kinder stehen hinter ihnen. „Die würden mir das total übel nehmen, wenn ich den Dampfer verkaufe“, sagt Gudrun Mnich. „Das hier ist ihre Heimat.“

Mittlerweile taucht das Ziel der Tour am Horizont auf: Die Firma Deuka, die aus den etwa 727 Tonnen Rapsschrot (das passt in 30 Lastwagen) im Laderaum der Salisso nun Futtermittel produziert. Nun gilt es, sicher anzulegen. Denn mit einem Binnenschiff zu bremsen, das dauert. Von voller Fahrt bis Stillstand etwa fünf Minuten.

Hans-Werner Mnich schnappt sich seine blaue Fischermütze und flitzt an der Reling entlang. Die 56-Jährige muss nun genau hinhören und die gerufenen Kommandos ihres Mannes umsetzen, ob er nun gerade am Bug oder am Heck herumwuselt. Sonst macht‘s rums an der Kanalwand. „Ein Funkgerät mag er einfach nicht mitnehmen“, sagt sie, schmunzelt und dreht die Salisso sachte bei.

Nach wenigen Minuten hat das Duo sein Schiff „eingeparkt“. „Lässt du das Auto runter“, ruft Gudrun Mnich ihrem Mann zu, der schon vorne neben dem Ladekran steht. Bis die Salisso komplett entladen ist, vergehen ungefähr zwölf Stunden. Zeit genug, um einzukaufen oder die Gegend zu erkunden. Danach geht‘s aber flugs wieder zurück aufs Binnenschiff und wieder zurück auf den Kanal. Dorthin, wo die Mnichs zu Hause sind.

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