Taufe oder Tod: Karl der Große und die Eroberung Sachsens
Viele Jahre tobt ein grausamer Krieg

Kreis Steinfurt -

Der Todestag Karls des Großen jährte sich gestern (28. Januar) zum 1200. Mal. Viele Veranstaltungen werden sich im Jubiläumsjahr diesem Herrscher widmen, der schon bei seinen Zeitgenossen als äußerst bedeutend galt. Blickt man nun auf Westfalen, so war dieser Eindruck lange Zeit zumindest ambivalent. Steht diese Region doch mit einem der großen Gegner Karls in engem Zusammenhang, mit Widukind, dem sogenannten Sachsenherzog

Mittwoch, 29.01.2014, 00:01 Uhr

Der Todestag Karls des Großen jährte sich gestern (28. Januar) zum 1200. Mal. Viele Veranstaltungen, besonders die große Ausstellung unter dem Titel „Macht, Kunst, Schätze“ in Aachen, werden sich im Jubiläumsjahr diesem Herrscher widmen, der schon bei seinen Zeitgenossen als äußerst bedeutend galt.

Blickt man nun auf Westfalen , so war dieser Eindruck lange Zeit zumindest ambivalent. Steht diese Region doch mit einem der großen Gegner Karls in engem Zusammenhang, mit Widukind , dem sogenannten Sachsenherzog, dessen Grabmal sich der Legende nach in der ehemaligen Stiftskirche St. Dionysius in Enger in der Nähe von Herford befindet. Dort, im heutigen Westfalen, lebten zur Zeit Karls des Großen die Sachsen , ein Verbund verschiedener Stämme, mit dem schon der Vater Karls, Pippin, immer wieder zusammenstieß. Mit diesen Sachsen begann dann Karl der Große den langwierigsten, grausamsten und für das Frankenreich anstrengendsten Krieg, den es je geführt hatte. Er dauerte 30 Jahre.

Der Auftakt der Kämpfe begann im Gebiet der Engern, einem Verband, der an den Flüssen Weser und Lippe siedelte. 772 zerstörte das Heer Karls das zentrale Heiligtum, wohl der gesamten Sachsen, die Irminsul. Das Fällen dieser „alltragenden Säule“ war ein sichtbares Symbol für die „Form der Missionierung“, wie Karl sie besonders im ersten Jahrzehnt des Krieges verstand: Tod, Vertreibung oder Taufe . Auf die Formel brachten es auch schon die Zeitgenossen Karls. In den folgenden drei Jahrzehnten erzielte Karl dabei nicht immer nur Fortschritte.

Worauf trafen die Franken in Westfalen? Archäologische Funde zeigen eine agrarisch ausgerichtete Gesellschaft, ein gutes Beispiel ist dabei der Versuch einer Rekonstruktion eines Hofes in Greven-Pentrup, des sogenannten Sachsenhofes. Man geht heute unter anderem davon aus, dass es bei den Sachsen drei unterschiedliche soziale Gruppen gab, Adel, Freie und Laten (Halbfreie), deren Abordnungen in jährlich stattfindenden Versammlungen zusammenkamen und Recht sprachen. Sie verehrten die Götter Thor, Wotan und Saxnot und verbrannten ihre Toten. Viele sächsische Gebräuche kennen wir deshalb, weil all’ dies und anderes verboten wurde. Eine neue Gesellschaftsstruktur wurde oktroyiert, und es ist anzunehmen, dass es eine Zeit brauchte, bis diese akzeptiert wurde. Ob diese von allen als Verbesserung angesehen wurde, mag ebenfalls dahin gestellt sein.

Die Autorin

Autorin Jutta Gladen kommt aus Bevergern. Die Historikerin ist mit der Mittelaltererforschung vertraut. Unter anderem hat sie das Buch „Auf den Spuren Ottos des Großen“ (Mitteldeutscher Verlag) verfasst. Die Frankfurter Allge- meine Zeitung wertete es als „eine kenntnisreiche, elegante Einführung in die Geschichte der sächsischen Könige und Kaiser“.

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Bis zum Jahr 785 dauerten die Kriegszüge gegen die „Westfalen“, die dann mit der Taufe Widukinds in der Pfalz Attignys einen deutlichen Einschnitt fanden. Nach der Taufe Widukinds begann in Sachsen eine Zeit, die immer stärker von der Einbindung der Besiegten in die Politik der Sieger charakterisiert wurde, wenn auch im Norden noch weiter gekämpft wurde. Heiraten zwischen sächsischen und fränkischen Adeligen, die Einsetzung von sächsischen Adeligen als Grafen und vor allem die zunehmenden Kirchen- und Klostergründungen machten es möglich, Sachsen, Menschen und Region, immer stärker in das fränkische Reich einzugliedern.

Beabsichtigt hatte Karl dies schon früher. In Paderborn, der „ersten Stadt in Sachsen“, wurde 777 auf einer großen Synode die Aufteilung Sachsens in Missionssprengel beschlossen. Um das Jahr 800 herum, dem Jahr der Kaiserkrönung Karls, war Sachsen dann mit Bistumsgründungen überzogen, dessen östlichstes Halberstadt wurde und bis zur Grenze des karolingischen Reiches, zur Elbe, reichte.

Es ist kennzeichnend für diese Zeit, dass wir über die Bistumsgründungen, etwa in Osnabrück oder Münster, nur wenig aus den schriftlichen Quellen wissen. In Osnabrück etwa sind die Urkunden aus der Zeit spätere Verfälschungen. Für das Bistum Münster besitzen wir zwar die Biografie des ersten Bischofs, Liudger, erfahren dort aber auch nur wenig über die Gründung zunächst des Klosters Mimigernaford, dann des Bistums. Gemeinsam aber ist den neuen Bistümern, dass von ihnen aus Pfarreien gegründet und damit die allmähliche Verbreitung des christlichen Glaubens voranschritt.

Neben den Bistümern waren es vor allem die Klöster, die dazu beitrugen, dass Schulen gegründet, geistlicher Nachwuchs aus sächsischen Reihen ausgebildet wurde und auf diesem Weg dafür sorgte, dass die ehemals fremde christliche, fränkische Religion nun auch von den Sachsen angenommen werden konnte. Es sind, wie im gesamten sächsischen Raum, vor allem Frauengemeinschaften, die gegründet wurden: Nottuln, Vreden etwa, oder als ältestes Herford. In den Urkunden dieser Klöster finden viele spätere Orte und Städte Westfalens ihre erste schriftliche Erwähnung. So etwa Rheine: erwähnt als „villa reni“ im Jahr 838 in einer Urkunde für das Kloster Herford.

Besonders hervorzuheben ist das Benediktinerkloster Corvey, von dem aus Missionszellen in Sachsen gegründet wurden, wie zum Beispiel St. Vitus in Meppen und das mit der Ausbildung sächsischer Mönche und Priester viele weitere Gründungen ermöglichte. In Corvey fand dann auch, etwa 150 Jahre nach der Beendigung des sächsischen Krieges, der bedeutende Chronist Widukind in seiner Chronik die passenden Worte, um zu beschreiben, was aus den ehemaligen Feinden geworden war: una gens – ein Volk

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