Stirbt die Mundart langsam aus?
Plattdeutsch – eine Fremdsprache

Warendorf -

Man mag‘s ja kaum glauben, aber für den Baas des Plattdütsken Krink, Franz Schulze Nahrup, ist Platt tatsächlich so etwas wie eine Fremdsprache. Er ist zwar auf dem Bauernhof aufgewachsen, und seine Eltern unterhielten sich miteinander auf Platt. Doch er und seine Geschwister wurden hochdeutsch großgezogen: „Ich bin erst mit 20 Jahren zur Mundart gekommen.“

Freitag, 21.02.2014, 11:16 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 21.02.2014, 05:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 21.02.2014, 11:16 Uhr

Na gut, er hatte den Klang der ländlichen Laute natürlich im Ohr: „Deshalb hab’ ich das ganz schnell gelernt.“ Aber Schulze Nahrup sagt von sich selbst: „Ich spreche städtisches Platt.“ Damit ist er im Krink keine Ausnahme: „Viele unserer Mitglieder haben sich das irgendwann angeeignet.“ Im Verein gibt es tatsächlich nur noch wenige, die „richtiges“ Platt sprechen und es auch im Alltag benutzen.

Schule Nahrup versucht es auch: Manchmal ist er abends unterwegs, um für die Apotheke seiner Frau Medikamente bei der Kundschaft vorbeizubringen, dann gibt‘s zwischendurch mal einen Spruch auf Platt: „Das finden die Leute eigentlich immer gut.“ Es macht die Atmosphäre locker.

Doch der Alltag sieht anders aus. Plattdeutsch – eine aussterbende Sprache? Da ist was dran, muss der Baas vom Krink zugeben. In früheren Zeiten, da kamen zu den monatlichen Treffen um die 60 Leute – in Bullers Hinterstübchen wurde es zu eng und die Truppe zog ins Kolpinghaus um. Vor 15 Jahren waren es noch 45 Gäste, die regelmäßig die Runde besuchten. Heute kommen vielleicht 25. Die meisten haben 60 Jahre „auf dem Buckel“ oder sind älter. „Und es sind viele Männer unter den Stammkunden.“ Darüber wundert sich Schulze Nahrup ein bisschen.

Ob nun Männlein oder Weiblein – alle haben hier viel Spaß: „Wir lesen fünf, sechs kurze Geschichten oder Gedichte, dann wird ein Lied geschmettert.“ Lange Texte kommen nicht so gut an. Thematisch geht es oft jahreszeitlich zu: Weihnachtliches im Dezember, Jagdgeschichten im November. Da bringt der passionierte Waidmann Schulze Nahrup dann sein Jagdhorn mit und bläst den Kollegen was. Er hat sich auch schon als Übersetzer betätigt, damit jagdliches Liedgut in der obligatorischen Krink-Sprache erklingen kann. Krönender Abschluss der Veranstaltung ist meist das „Plattdütsk Leed“. „Das ist sowas wie unsere Nationalhymne“, sagt Franz Schulze Nahrup schmunzelnd. „Da geht die Stimmung hoch, und alle gehen high nach Hause.“

Das ändert aber nichts am Problem: Der Nachwuchs fehlt. Schon lange sind jüngere Altersklassen sind nicht mehr vertreten. Kein Wunder – wo hätten sie auch Plattdeutsch lernen sollen? „Meine eigenen Kinder können es auch nicht mehr“, stellt Schulze Nahrup sachlich fest. Vor Jahren waren noch die Schulen aktiv, es gab plattdeutsche Vorlese-Wettbewerbe. Doch das ist vorbei.

Unter dem langsamen Wegsterben der Mundart hat nicht nur der Plattdütske Krink zu leiden: Den Warendorfer Theatertruppen, die sich nach wie vor um die Pflege niederdeutscher Stücke kümmern, gehen ebenfalls Schauspieler aus, die noch so reden können, wie ihnen das „Maul“ gewachsen ist.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: „Vielleicht geht der Trend ja auch mal wieder in die Gegenrichtung“, hofft Schulze Nahrup. Er würde sich freuen, wenn sich beizeiten jemand fände, der mal seine Nachfolge antritt – immerhin ist er seit 30 Jahren Krink-Chef: „Jemand aus dem Pädagogik-Bereich, das wäre ein Traum.“

Bis dahin will der Mann, der noch in vielen anderen Pötten rührt (unter anderem als Archivar der Bürgerschützen) aber engagiert weitermachen – und er freut sich, wenn zum Möpkenbraut-Essen die Besucherzahlen steigen: „Da kommen immer viele, weil man sich das zu Hause nicht mehr selbst macht.“ Dann greift Franz Schulze Nahrup die Chance beim Schopf und zum Schifferklavier: Natürlich wird kräftig gesungen. Plattdeutsches Liedgut, denn: „Hochdeutsch kommt hier nicht in die Tüte.“

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