Loveparade-Prozess: Landgericht verschickt Anklageschrift
Ein Prozess fürs Seelenheil

MÜNSTER/DUISBURG -

Winfried Kuhlmann ist Karl-Theodor Becks‘ Anwalt. Seit der 65-Jährige vor dreieinhalb Jahren seinen Sohn bei der Loveparade in Duisburg verloren hat, berät Kuhlmann ihn in juristischen Fragen.

Dienstag, 15.04.2014, 21:36 Uhr

Aber der Jurist macht noch viel mehr: Er besänftigt, informiert, beruhigt den Lehrer, den er schon seit 20 Jahren gut kennt. Oder überredet ihn, nicht die Obduktionsergebnisse zu lesen, die beschreiben, wie sein Kind zu Tode gekommen ist. „Das will man als Vater nicht wissen“, sagt Kuhlmann . Es ist meine Rolle, ihn auf den Teppich zu holen“, sagt der Jurist.

Loveparade-Prozess

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In diesen Tagen sprechen die beiden wieder öfter miteinander. Das Landgericht Duisburg hat die Anklageschrift an die zehn Beschuldigten und ihre Verteidiger geschickt. Gleichzeitig erhalten alle, die als Nebenkläger im Gericht sitzen wollen, die Anklageschrift. Nebenkläger sind Opfer oder Hinterbliebene von Straftaten wie zum Beispiel Vergewaltigung, Körperverletzung oder Mord, die ein Verfahren verfolgen können, um unabhängig von der Staatsanwaltschaft ihre „persönlichen Interessen auf Genugtuung“ zu verfolgen, erklärt Bernhard Kuchler vom Landgericht Duisburg.

Einer von ihnen ist Karl-Theodor Becks aus Münster. Vor ihm liegen 600 Seiten in zwei proppenvollen Ordnern, dazu drei CDs, auf denen die 70 000 Seiten Zeugenaussagen, Obduktionsergebnisse und Fotos gespeichert sind.

Direkt nach der Katastrophe hat der Lehrer noch voller Wut und Verzweiflung gesagt, er werde jeden Verhandlungstag dabei sein. Mittlerweile sieht er das anders: „Ich habe versucht, mich aus der Sache herauszuziehen.“ Treffen mit anderen Angehörigen meidet er. „Es widerstrebt mir, aus dem Tod meines Sohnes ein Happening zu machen“. Darum will er nur an ausgewählten Tagen nach Düsseldorf fahren. Anwalt Kuhlmann sagt über seinen Mandanten: „Bei ihm ist eine gewisse Beruhigung eingetreten.“ Aber der Jurist weiß auch: „Der Prozess wird Vieles wieder aufbrechen.“

Trotzdem hofft sein Mandant, dass der Prozess hilft, endlich mit „der Sache“ abzuschließen. Dafür will Becks nur noch an speziellen Tagen anwesend sein. In seinen Augen sitzen ohnehin die Falschen auf der Anklagebank. Dass Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der Geschäftsführer der Veranstalterfirma Lopavent, Rainer Schaller, nicht angeklagt sind, empfindet er als große Ungerechtigkeit. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund, Ermittlungen gegen sie einzuleiten, weil sie keinen Einfluss auf die fehlerhafte Planung der Loveparade gehabt hätten.

In den letzten dreieinhalb Jahren ist Becks nicht mehr im Zimmer seines Jungen gewesen, der 21 Jahre alt war, als er starb. Ein paar Wochen nach der Tragödie hat ein Notfallseelsorger noch ein Paket mit den Kleidungsstücken vorbeigebracht, die sein Sohn trug. Ab und zu geht seine Frau hinein, um den Raum zu lüften. Aber sonst? „Was soll ich da?“, fragt Becks.

Auch der Gang zum Grab ist für ihn zu schwer. Abgesehen von der Beerdigung hat er es nur zwei Mal auf den Friedhof geschafft. Einmal hat seine Familie Ballons in den Farben von Panama aufsteigen lassen, weil das Loveparade-Opfer dort als Austauschschüler gewesen ist, erzählt er und beginnt zu weinen. Die Tränen sind noch immer sein steter Begleiter. Auf Anwalt Winfried Kuhlmann kommt noch viel Arbeit zu.

Der Loveparade-Prozess

Wenn der Satz „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“ gilt, dann für das bevorstehende Loveparade-Verfahren. Wann es beginnt, steht noch absolut in den Sternen. Die drei Richter müssen den Inhalt von 37 000 Seiten kennen, die in 70 Aktenordnern abgeheftet sind. Zusätzlich liegen ihnen 700 Sonderbände vor. Die Staatsanwaltschaft hat für das Verfahren allein 149 Zeugen benannt. Zudem liegen dem Gericht 44 Anträge auf Zulassung der Nebenklage vor. Für den Prozess gegen zehn Beschuldigte ist nach den Worten von Bernhard Kuchler, Sprecher des Landgerichts Duisburg, der größte Gerichtssaal vor Ort zu klein. Um Anwälte, Nebenkläger und Zuschauer unterbringen zu können, zieht das Gericht deswegen für den Fall, dass das Verfahren eröffnet wird, ins Kongresszentrum der Messe Düsseldorf. Ob das Verfahren eröffnet wird, hat das Gericht noch nicht entschieden. Bei der Massenpanik vom 24. Juli 2010 starben bei einer Massenpanik 21 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die Ermittler werfen den Beschuldigten schwere Fehler bei der Planung des Techno-Festivals vor.

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