Landkinder fitter als Stadtkinder
Jedes vierte Kind chronisch krank

Düsseldorf - Ob Kinder in der Stadt oder auf dem Land, in armen oder wohlhabenden Familien aufwachsen, spielt eine große Rolle für ihre Gesundheit. Ein Krankenkassenreport kommt zu erschreckenden Ergebnissen für Kinder in Nordrhein-Westfalen.

Mittwoch, 06.02.2019, 06:06 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 17:27 Uhr
Eine Mutter kontrolliert mit einem Fieberthermometer die Temperatur ihrer kranken dreijährigen Tochter.
Eine Mutter kontrolliert mit einem Fieberthermometer die Temperatur ihrer kranken dreijährigen Tochter. Foto: Patrick Pleul

Kinder auf dem Land in Nordrhein-Westfalen sind gesünder als Mädchen und Jungen in den Städten. Mehr als jedes vierte Kind in NRW ist zudem bereits chronisch krank. Das geht aus dem am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellten ersten Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK für NRW hervor. Ein weiteres Ergebnis: Kinder in NRW sind kränker als im Bundesdurchschnitt. In NRW leben rund drei Millionen Kinder und Jugendliche. Für den Report hat die DAK die Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2016 von knapp 109 000 Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre in NRW von der Universität Bielefeld untersuchen lassen. Die wichtigsten Erkenntnisse:

Chronische Krankheiten

Fast 29 Prozent der Kinder und Jugendlichen in NRW leiden unter chronischen Erkrankungen - im Bundesdurchschnitt sind es 26 Prozent. Die häufigsten Krankheiten sind Neurodermitis und Asthma, gefolgt von Heuschnupfen und entzündlichen Darmerkrankungen. Neurodermitis tritt am häufigsten bei Neugeborenen auf, Heuschnupfen eher bei den 15- bis 17-Jährigen.

Allgemeine Erkrankungen

Atemwegsleiden waren 2016 die häufigste Krankheitsursache bei Kindern. Mehr als die Hälfte (59 Prozent) der Jungen und Mädchen hat mindestens einmal im Jahr einen grippalen Infekt oder akute Bronchitis. Dahinter folgen Infektionskrankheiten und Augenerkrankungen wie Bindehautentzündungen. Schon jedes sechste Kind hat außerdem einmal im Jahr Rückenschmerzen. Als Grund nennt die DAK unter anderem Mangel an Bewegung.

NRW und Bund

„Ein Großteil der Haupterkrankungen kommt in NRW etwas häufiger vor als im Bundesdurchschnitt“, sagte Julian Witte vom Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie der Uni Bielefeld. Als Grund nannte er den hohen Anteil städtischer Gebiete. In NRW leben 84 Prozent der bei der DAK versicherten Kinder in städtisch geprägten Gebieten und nur 16 Prozent in ländlichen Gemeinden.

Stadt und Land

Der Nachwuchs in NRW-Städten leidet dem Report zufolge häufiger unter extremem Übergewicht und hat öfter Karies. 2016 hatten 88 Prozent mehr Stadtkinder als Kinder vom Land krankhaftes Übergewicht (Adipositas). Insgesamt sind 3,6 Prozent aller Kinder in NRW krankhaft dick. Rund ein Drittel mehr Stadtkinder als Jungen und Mädchen auf dem Land hatten außerdem Karies und Viruserkrankungen der Atemwege. Die Vermutung liege nah, „dass in städtischen Gebieten ein höherer Anteil von Familien mit einem tendenziell niedrigeren sozioökonomischen Status als auf dem Land lebt“, so Witte.

Auch die schlechtere Luft in Städten kann Ärzten zufolge ein Faktor sein: „In manchen Gegenden kann man Kinder nicht einfach so zum Spielen rausschicken“, sagt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Da ist zu viel Verkehr, es gibt keine Flächen zum Spielen.“

Arm und reich

Was sich bereits in der bundesweiten DAK-Analyse herausgestellt hatte, gilt besonders auch für NRW: Das Bildungsniveau und die wirtschaftliche Situation der Eltern haben wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder. Haben Eltern keinen Bildungsabschluss, kommen bestimmte Erkrankungen bei Kindern wie Karies und Adipositas, aber auch Verhaltensstörungen viel häufiger vor. „800.000 Kinder in NRW sind armutsgefährdet“, sagt der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst. „Armut macht krank, wenn keine Möglichkeiten da sind, das Kind zu fördern und zu fordern.“

Auch Fischbach sagt: „In NRW ist gerade in den Ballungsräumen die Sozialstruktur eine andere als etwa in Baden-Württemberg oder Bayern oder auf dem Land. Wir haben eine erhebliche Anzahl von Familien mit Unterstützungsbedarf. Einen Sportverein kann sich auch nicht jede Familie leisten.“

Medikamente

Kinder in NRW bekommen im Schnitt rund vier verschiedene Arzneimittel pro Jahr verschrieben. Jedes dritte Kind (32 Prozent) in NRW bekommt wenigstens einmal im Jahr Antibiotika auf Rezept, im Bundesdurchschnitt sind es nur 28 Prozent. Während in NRW rund 44 Prozent der ADHS-Kinder Medikamente bekommen, sind es im Bundesschnitt nur knapp 35 Prozent. Fischbach weist den Vorwurf zurück, Kinderärzte würden zu viele Antibiotika verschreiben. Sie verordneten im Vergleich sogar deutlich weniger als andere Fachgruppen. „Als Verband ist uns sehr wichtig, die Antibiotikavergabe zielgenauer einzusetzen.“

Prävention

Ärztekammerpräsident Windhorst fordert mehr Kinderärzte. Auch Jugendämter brauchten mehr Personal. Die DAK will ihr Aufklärungsprogramm für Grundschulen auch auf Kitas und weiterführende Schulen ausweiten. Gesundheitserziehung in Schulen und Kindergärten ist nach Ansicht Fischbachs auch deshalb wichtig, weil viele Erwachsene nicht mehr zu erreichen seien. „Die werden auch ihr Leben nicht ändern.“

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