Kritik an Qualitätsstandards
Gesamtschulen ächzen unter der Inklusion

Düsseldorf -

Die Neuausrichtung des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Förderbedarf entwickelt sich für die Gesamtschulen zu einer enormen Belastung. „Die versprochene bessere Qualität steht nur auf dem Papier, in der Praxis hat sie sich deutlich verschlechtert“, kritisierte am Donnerstag der Vorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule NRW, Behrend Heeren.

Donnerstag, 07.11.2019, 21:53 Uhr aktualisiert: 07.11.2019, 22:00 Uhr
Yvonne Gebauer
Yvonne Gebauer Foto: dpa

Mit Beginn des Schuljahres hat Schulministerin Yvonne Gebauer die Inklusion auf 775 ausgesuchte „Schulen des gemeinsamen Lernens“ konzentriert. Dafür sollen diese räumlich ausgestatteten Schulen mehr Sonderpädagogen erhalten und kleinere Klassen einrichten.

Heeren berichtete von Rückmeldungen aus Gesamtschulen, die trotz fehlender Personal- und Raumausstattung von Bezirksregierungen als Inklusionsschulen benannt worden seien. In der Praxis müssten sie oft mehr Förderschüler aufnehmen, verfügten aber über weniger Förderlehrer als geplant. Zudem müssten sie Inklusionsklassen mit 29 statt der angepeilten 25 Kinder bilden. Für kleinere Klassen fehle eine rechtliche Vorgabe. Ohne diese würden die Schulen von den Bezirksregierungen aufgefordert, mehr Kinder aufzunehmen, „weil man einen Rechtsstreit nicht durchhalten kann“, rügte Heeren.

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Gesamtschulen forderte Heeren zudem eine Änderung beim Abschulen, das jährlich 10 000 Kinder in NRW wegen Leistungsmängeln zum Schulwechsel zwingt. Auch Gymnasien sollten verpflichtet werden, Schüler bis zum ersten Abschluss zu begleiten, statt sie an andere Schulen zu verweisen.

Doppelt so alt – 100 Jahre – sind die Grundschulen, in denen die Feierlaune nach Worten von Christiane Mika vom Grundschulverband gedämpft ist. „Die Ansprüche an die Gesellschaft sind enorm gewachsen, und die dort Arbeitenden sind erheblich unter Druck geraten.“ Zu große Klassen, zu wenig Lehrkräfte – das werde den Anforderungen der Kinder nicht gerecht. Mika monierte, der von Gebauer angekündigte Masterplan Grundschule erwecke das falsche Bild, als müsse viel nachgebessert werden.

Maike Finnern, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, erneuerte die Forderung, erst durch ein einheitliches Einstiegsgehalt werde der Lehrerjob – zumal in problembehafteten Stadtteilen – wieder attraktiv.

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