Wirtschaftspolitik
Coronavirus betrifft die meisten NRW-Unternehmen noch nicht

Gerade robbt NRW sich an das bundesweite Wirtschaftswachstum heran - und dann kommt das Coronavirus. Tourismus, Messen, Logistik, Hotels und Gaststätten leiden schon. Die wirtschaftlichen Folgekosten von Corona bleiben aber noch «die große Unbekannte».

Dienstag, 03.03.2020, 13:40 Uhr aktualisiert: 03.03.2020, 13:55 Uhr
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Foto: Roland Weihrauch

Düsseldorf (dpa/lnw) - Der größte Teil der nordrhein-westfälischen Unternehmen spürt nach Erkenntnissen des Wirtschaftsministeriums noch keine Auswirkungen der Coronavirus-Krise. Deutliche Einbußen hätten allerdings Tourismus, Logistik und das Messewesen zu verkraften, sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) am Dienstag in Düsseldorf. «Die Verluste durch abgesagte Reisen und Messen lassen sich kaum kompensieren.»

Betroffen seien auch Unternehmen, die auf Zulieferungen aus China angewiesen seien. Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies spürt nach eigenen Angaben bereits eine nachlassende Nachfrage aus China, konnte aber noch keine konkreten Zahlen nennen.

«Corona ist konjunkturell die große Unbekannte», sagte Pinkwart bei der Vorlage des aktuellen Konjunkturberichts für NRW. «Seriös beziffern lässt sich das nicht.» Das Virus treffe die Wirtschaft aber «zu Beginn einer Erholung und damit in einer sensiblen Phase».

Auch Konjunkturforscher Roland Döhrn sprach von großen Unsicherheiten für die aktuellen Wirtschaftsprognosen. Der Höhepunkt der Virus-Krise sei voraussichtlich bis April zu erwarten, sagte der Experte des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Anders als bei den jährlichen Grippewellen würden durch die Ausbreitung des Coronavirus die Wertschöpfungsketten stärker gestört. «Jetzt wird es allmählich eng mit Nachlieferungen», sagte er. «Wir haben Probleme auf der Angebotsseite». Ein klassisches Konjunkturprogramm mit Kaufanreizen helfe deshalb nicht weiter, sondern könne sogar kontraproduktiv wirken.

Pinkwart wies auf zahlreiche Hilfsangebote für Unternehmen hin, die in NRW wegen der Coronavirus-Krise von Liquiditätsengpässen betroffen seien. Kredite könnten über das Landesbürgschaftsprogramm und die Bürgschaftsbank NRW abgesichert werden. Entschädigungen für die Lohnfortzahlung für infizierte Mitarbeiter in Quarantäne seien bei den kommunalen Landschaftsverbänden zu beantragen.

Das landeseigene Förderinstitut NRW.Bank berate Unternehmen am Service-Telefon unter der Nummer 0211 91741 4800. Auch die Industrie- und Handelskammern hätten einen «heißen Draht» für Fragen von Unternehmen eingerichtet.

Darüber hinaus müsse die Bundesregierung tätig werden. Pinkwart forderte unbürokratische Lösungen für «Kurzarbeit Null», also ohne Verpflichtungen für ein fixes Restarbeitspensum oder Fortbildung. Die üblichen Regelungen passten nicht zu gesundheitlichen Notsituationen, betonte der FDP-Politiker.

Auch der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammern NRW, Burkhard Landers, mahnte: «Mit Bürokratie und langen Einzelfallprüfungen ist der Patient tot.» Angesichts des großen Fachkräftemangels wäre es «toxisch», wenn Beschäftigte infolge der Krise entlassen werden müssten. In den nächsten zehn Jahren wird das Fachkräftedefizit in NRW laut IHK-Prognose von heute 443 000 auf rund 736 000 anwachsen.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband forderte ebenfalls finanzielle Unterstützung. Hoteliers und Gastwirte bekämen die Folgen der Ausbreitung des neuartigen Virus zunehmend zu spüren, teilte der Branchenverband mit. Konkrete Zahlen zur Schadenshöhe sollen mit einer Erhebung ermittelt werden.

Unter dem Vorbehalt der baldigen Eindämmung einer Corona-Pandemie rechnet das RWI in seiner Prognose für das Wirtschaftsministerium nun für 2020 mit 0,4 Prozent Wirtschaftswachstum in NRW und mit 0,6 Prozent im Bund. Damit lägen die Zahlen ähnlich wie im Vorjahr, sagte Pinkwart. «NRW nähert sich dem Wachstum im Bund weiter an.» In den Jahren 2010 bis 2017 habe der Rückstand noch 0,8 Punkte betragen.

«Die Stimmung in der NRW-Wirtschaft bleibt angespannt», bilanzierte die IHK. Bei einer Konjunktur-Umfrage in über 6000 Betrieben aus allen Branchen hätten zu Jahresbeginn jeweils etwa 20 Prozent eine bessere beziehungsweise eine schlechtere Erwartungshaltung für 2020 bekundet.

Döhrn betonte, der Industriebereich sei in NRW deutlich langsamer geschrumpft als im Bund. Die mit strukturellen Änderungen kämpfende Autoindustrie sei hier nicht so stark vertreten. Zudem habe sich die Beschäftigung in NRW besser entwickelt, vor allem im Dienstleistungsbereich. Im Gesundheits- und Sozialwesen sei deutlich mehr Beschäftigung aufgebaut worden als im übrigen Bundesgebiet.

Pinkwart sagte: «Eine konjunkturelle Stütze bleibt die Bauwirtschaft. Die Betriebe könnten noch deutlich mehr Aufträge abarbeiten, wenn die Betriebe ausreichend Fachkräfte finden könnten.»

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