Gesundheit
Virus bringt Ärzte in Not: Schutzmasken und Kritik vom Land

Das Coronavirus ist hochansteckend und den Ärzten fehlt bisher Schutzmaterial. Das Land hilft. Es kleckert nicht, es klotzt. Unterdessen schließen wieder Schulen. Das Virus breitet sich weiter aus.

Donnerstag, 05.03.2020, 08:57 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 09:02 Uhr
Atemschutzmasken (partikelfiltrierende Halbmaske) der Schutzklasse FFP2 (r, Filtering Face Piece) und FFP3.
Atemschutzmasken (partikelfiltrierende Halbmaske) der Schutzklasse FFP2 (r, Filtering Face Piece) und FFP3. Foto: Daniel Karmann

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in NRW steigt, und den Ärzten fehlt vielfach die Ausrüstung, um sich gegen das Virus zu schützen. Der Landrat im besonders betroffenen Kreis Heinsberg, Stephan Pusch (CDU), berichtete von dramatischen Appellen aus der Praxis, etwa von einem Kinderarzt: «Herr Pusch, sorgen Sie dafür, dass wir weiter arbeiten können, sonst sterben meine kleinen Patienten an anderen Krankheiten!», schrieb dieser Arzt.

In dieser Situation springt das Land für Krankenhäuser und Arztpraxen mit einer Großbestellung in die Bresche. Nordrhein-Westfalen will eine Million Schutzmasken kaufen, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf ankündigte.

Dabei kritisierte Laumann Kliniken und Praxen, die aus seiner Sicht die Vorsorge vernachlässigt hätten. Zugleich musste sich aber auch die Landesregierung Kritik anhören. Die Landtags-SPD warf ihr «Planlosigkeit» vor, forderte einen zentralen Krisenstab der Landesregierung und landesweit einheitliche Kriterien für die Genehmigung von Großveranstaltungen, wie der SPD-Abgeordnete Josef Neumann erklärte.

Die Masken werden nicht nur im Kreis Heinsberg gebraucht. Auch in anderen Teilen des Landes gibt es neue Fälle. So meldete der Kreis Coesfeld am Mittwoch die erste nachgewiesene Infektion. Sie wurde bei einem 49-Jährigen festgestellt, der sich wegen einer anstehenden Operation in einem Krankenhaus in Münster befand.

Nach einem Coronavirus-Nachweis an einem Kölner Gymnasium fiel vorerst nur am Mittwoch der Unterricht aus. Ob der am Donnerstagmorgen wieder läuft, sollte noch im Laufe des Tages geklärt werden, wie die Stadt Köln mitteilte.

Im Schwalmtal (Kreis Viersen) wurde vorübergehend ein Gymnasium geschlossen, nachdem die Mutter einer Oberstufenschülerin positiv getestet wurde. Im Kreis Viersen befinden sich drei Infizierte in häuslicher Quarantäne. Der Kreis rechnete damit, dass die Zahl weiter steigt.

In Aachen spitzte sich die Lage zu. Die Städteregion meldete am Mittwoch 25 nachgewiesene Virusfälle. Fünf Schulen in Stadt und Region sind den Angaben nach diese Woche geschlossen und eine Kita wegen einer infizierten Erzieherin.

Die Zahl der landesweit nachgewiesenen Infektionen mit dem Coronavirus ist nach Angaben des NRW-Gesundheitsministers inzwischen deutlich gestiegen, nämlich von 101 am Vortag auf 129 Fälle am Mittwochnachmittag. Am Donnerstag morgen meldete das Gesundheitsministerium NRW-weit 172 Coronavirus-Infizierte. Bei insgesamt vier Patienten gebe es schwere Krankheitsverläufe.

Am Mittwochabend teilte der Kreis Heinsberg mit, inzwischen seien 134 Infektionen nachgewiesen. Acht Betroffene befänden sich in stationärer Behandlung, nach letzten Erkenntnissen habe sich ihr Gesundheitszustand tendenziell verbessert. «Bei der Vielzahl der im Kreis Heinsberg durchgeführten Testverfahren wird nur ein geringer Bruchteil positiv getestet, so erklärt sich die moderate Steigerung der Fallzahlen», teilte die Pressestelle in Heinsberg am Abend mit.

Vor allem die Ärzte in diesem besonders betroffenen Kreis hatten wegen fehlender Schutzausrüstung Alarm geschlagen. Laumann warf Kliniken und Praxen schlechte Vorbereitung beim Arbeitsschutz vor. «Es kann nicht sein, dass die Arbeitgeber im Gesundheitswesen im Arbeitsschutz so schlecht vorbereitet sind wie sie jetzt vorbereitet waren», sagte Laumann. Arbeitsschutz sei Sache der Arbeitgeber. «Ich bin jetzt heilfroh, dass wir durch diesen Kauf das Problem lösen als Land. Aber wir lösen es mit Steuergeldern, wo eigentlich andere Strukturen zuständig sind», sagte Laumann. Krankenhäuser seien kein «kleiner», sondern ein «professioneller Arbeitgeber in diesem Land».

Er habe jetzt keine Zeit für diese Diskussion, machte der Heinsberger Landrat Pusch deutlich. «Die Probleme sind da, ob wir das diskutieren oder nicht.» Die Untersuchung der Ursachen für die Schwierigkeiten «sollte man mit aller Härte führen. Aber vor der Diskussion erfolgt für mich erst einmal die Bewältigung der Lage», sagte Pusch.

Nach seiner Einschätzung werde sich die Situation im Kreis in den nächsten Tagen entspannen. Der Kreis habe jetzt eine mobile Notarztpraxis und ein zweites Untersuchungszentrum. Außerdem werde nach Aachen auch Heinsberg medizinisches Personal, das in Kontakt mit Coronavirus-Infizierten war, nicht mehr automatisch in Quarantäne schicken. Durch die Regelung des Robert Koch-Instituts hätten immer mehr Arztpraxen Probleme, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten.

Das Fußball-Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund am Samstag soll nicht abgesagt werden. Das Gesundheitsamt der Stadt Mönchengladbach sehe keinen Grund für eine solche Entscheidung, sagte NRW-Gesundheitsminister Laumann.

Alle Fußballfans, die im vom Coronavirus besonders betroffenen Kreis Heinsberg wohnen, sollen vom Verein aber das Angebot erhalten, ihre bereits gekaufte Karte für das Spiel zurückzugeben und stattdessen kostenlos ein anderes Spiel der Borussia zu besuchen. Das bedeute nicht, dass die Heinsberger nicht willkommen seien, erklärte Landrat Pusch nach einem Telefonat mit der Vereinsspitze. Aber in dieser besonderen Situation gebe es vielleicht Fans, die nicht kommen wollten.

Unterdessen nahmen landesweit Diagnostikzentren für potenzielle Corona-Infizierte ihre Arbeit auf - so in Düsseldorf und im Kreis Aachen. Minden sollte am Donnerstag starten. Die Zentren sollen von zugewiesenen Patienten Proben entnehmen, um die Hausärzte zu entlasten.

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