Gesundheit
Corona in NRW und die Diskussion über die richtige Strategie

In Heinsberg bleiben Schulen und Kitas geschlossen. Zehn Kilometer weiter lässt die Stadt Mönchengladbach ein Bundesliga-Spitzenspiel stattfinden. Nachvollziehbar?

Freitag, 06.03.2020, 18:19 Uhr aktualisiert: 06.03.2020, 18:32 Uhr
Eine Krankenschwester verarbeitet in einem Krankenhaus einen Behälter mit einer Probe mit einem Nasenabstrich eines Patienten, der auf das neuartige Coronavirus getestet wird.
Eine Krankenschwester verarbeitet in einem Krankenhaus einen Behälter mit einer Probe mit einem Nasenabstrich eines Patienten, der auf das neuartige Coronavirus getestet wird. Foto: Jean-Christophe Bott

Düsseldorf (dpa/lnw) - In der Woche zwei mit weiter steigenden Infizierten-Zahlen in Nordrhein-Westfalen hat eine Diskussion über den richtige Corona-Strategie begonnen. Das Krisenmanagement der nordrhein-westfälischen Landesregierung ist aus Sicht der SPD-Opposition ungenügend. Von der Wirtschaft über die Schulen und den öffentlichen Nahverkehr bis zur Versorgung der Bevölkerung und zur Gesundheitsvorsorge fehle eine schlüssige Strategie, kritisierte die Vizevorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Lisa Kapteinat, am Freitag in Düsseldorf.

Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU) äußerte sich in einer Videobotschaft verwundert über eine Entscheidung der Nachbarstadt Mönchengladbach: Während der Kreis beschlossen hatte, Kitas und Schulen bis mindestens Ende nächster Woche zu schließen, beschloss ein paar Kilometer weiter die Stadt Mönchengladbach, dass das Bundesliga-Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund am Samstag (18.30 Uhr/Sky) stattfinden kann.

«Ich würde mir natürlich wünschen, dass man das mal näher erklärt», sagte Pusch. «Beispielsweise, welche Risikoabwägung dem zugrunde liegt, warum man davon ausgeht, dass vielleicht die Ansteckungsgefahr geringer ist als üblich.»

«Volle Stadien mit Zehntausenden von Fans - gerade in Gegenden wie dem vom Coronavirus jetzt stark betroffenen Rheinland - müssten aus medizinischer Sicht eigentlich gestoppt werden», sagte der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Freitag).

Die Stadt Mönchengladbach verteidigte ihre Entscheidung gegen die Absage. Die Stadt selbst sei kein Corona-Hotspot, das Corona-Infektionsrisiko gering. Infizierte seien isoliert oder im Krankenhaus. Trotzdem rieten Stadt und Verein Menschen mit einem besonderen Risiko durch Vorerkrankung und schwerer Erkältung zuhause zu bleiben.

Was ist in einer Ausnahme-Situation geboten? An einer Düsseldorfer Gesamtschule beantworteten offenbar Dutzende Lehrer diese Frage für sich selbst anders, als das Gesundheitsamt das sah: Nachdem bei einer Lehrerin das Virus nachgewiesen wurde, sollte der Schulbetrieb weiter gehen. Dann meldeten sich aber so viele Lehrer krank, dass die Schule am Freitag dicht bleiben musste. Nach Angaben der Bezirksregierung sind von 135 Lehrkräften 45 krank gemeldet. Elf Lehrer davon waren gebeten worden, zu Hause zu bleiben, weil sie Kontakt mit der Infizierten gehabt hatten.

Das Schulministerium mahnte: «Sofern die zuständigen Behörden zu dem Ergebnis kommen, dass an der Schule keine Maßnahmen erforderlich sind und auch ansonsten keine Erkrankung vorliegt, besteht für Lehrkräfte nach Beamten- und Arbeitsrecht selbstverständlich die Pflicht, am regulären Schulbetrieb teilzunehmen.»

Unterdessen stieg nach Angaben des NRW-Gesundheitsministeriums von Freitagnachmittag die landesweite Zahl der Infektions-Fälle von Donnerstagnachmittag bis Freitag 17.00 Uhr von 302 auf 358. Der Kreis Heinsberg hatte am Mittag von einem Anstieg allein im Kreis von 197 auf 220 (Stand 13.00 Uhr) berichtet.

Das NRW-Verkehrsministerium lockerte per Erlass das LKW-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen, damit Supermärkte bereits ab diesem Sonntag zusätzliche Waren erhalten können. Viele Regale waren ja durch Hamsterkäufe ungewohnt leer. Die Regelung gilt bis zum 30. Mai.

Kultur, Bildung, Wirtschaft - das sich ausbreitende Virus durchdringt die Lebensbereiche. So leiden Hotels, Restaurants und Caterer in Nordrhein-Westfalen massiv unter den Auswirkungen der Coronakrise. In einer am Freitag veröffentlichten Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in NRW (Dehoga NRW) klagten 82 Prozent der Betriebe über Umsatzeinbußen etwa durch abgesagte Messen oder verschobene Dienstreisen. Der Präsident von Dehoga NRW, Bernd Niemeier, sprach von einer verheerenden Lage.

Spuren auch bei dem Literaturfestival Lit.Cologne: Mehrere Veranstaltungen wurden abgesagt oder verschoben - vor allem mit Autoren aus dem Ausland. Der WDR 5-Literaturmarathon fällt ebenfalls aus.

Immer neue Kommunen nehmen den Kampf gegen das Virus mit Diagnosezentren auf - jetzt ist Bochum ist neu dazu gekommen. Nach Ansicht der Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein ist aber längst nicht bei allen Kommunen der Ernst der Lage angekommen. Es gebe zupackende Behörden etwa im Kreis Heinsberg, der Stadt Düsseldorf und Köln. «Wir stellen aber auch fest, dass offenbar nicht alle lokalen Gesundheitsbehörden sich ihrer Rolle und Verantwortung im Kontext einer Pandemie bewusst sind», stellte Vorstandsvorsitzender Frank Bergmann fest.

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