Kreativität ist gefragt
Vorlesung aus dem Fernsehstudio - Unis vor digitalem Semesterstart

Aachen/Münster -

Im Fernsehstudio, per Videokonferenz oder Chat - das Sommersemester in NRW soll wegen der Corona-Krise komplett digital starten. Das erfordert kreative Ideen der Hochschulen.

Dienstag, 14.04.2020, 08:11 Uhr aktualisiert: 14.04.2020, 08:36 Uhr
Eine Kamera für Onlinevorlesungen.
Eine Kamera für Onlinevorlesungen. Foto: Silas Stein

Das Mikrofon checken, in die Kamera schauen. Im Hintergrund der sogenannte Greenscreen, dort soll später die Präsentation eingebaut werden. Thomas Bein spricht über Hildegard von Bingen und verschiedene Schriftarten. Für den Professor der Germanistik ist dies keine normale Vorlesung, doch die Corona-Krise erfordert Kreativität. Deshalb nehmen die Lehrenden an der RWTH Aachen ihre Vorlesungen derzeit in einem Fernsehstudio auf dem Unigelände auf. Diese Videos sollen im kommenden Semester den Studierenden zur Verfügung stehen.

Vor einer Woche hatte NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) angekündigt, dass die Hochschulen im bevölkerungsreichsten Bundesland digital ins Sommersemester starten müssen. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus war der Beginn der Vorlesungszeit für die etwa 780 000 Studierenden bereits auf den 20. April verschoben worden. „Flexible und pragmatische Lösungen“ seien gefragt, hieß es.

Probleme bei Pflichtpraktika

Pragmatische Lösungen versuchen nun die rund 70 Hochschulen in NRW anzubieten. An der Uni Münster werde eine Software eingeführt, um Videokonferenzen auch mit einer hohen Anzahl an Teilnehmern zu ermöglichen, sagt ein Sprecher. In Köln soll es eine spezielle Website mit allen wichtigen Fragen und Antworten für Studienanfänger geben. Außerdem sei ein Livestream für alle Studierenden zum Semesterstart geplant, bei dem in einem Chat auch Fragen gestellt werden könnten, sagt ein Sprecher.

Die Corona-Lage führt auch zu Schwierigkeiten bei den Pflichtpraktika. „Wenn jemand in der Chemie im Labor arbeitet und Stoffe zusammenkippen soll, ist das digital nur schwer zu ersetzen“, sagt Aloys Krieg von der RWTH Aachen. Auch an der TU Dortmund steht man vor dem Problem. Es seien zwar in der Physik 200 von 500 Versuchen digitalisiert worden, das sei aber nicht in allen Bereichen möglich, sagt Sprecher Martin Rothenberg. „Wir handhaben das jedoch sehr großzügig und haben schon einige Fristen verlängert.“

Buch-Ausleihe „wie bei McDonalds“

Ein weiteres Problem zeigt sich bei der Literatursuche - die Bibliotheken sind weitgehend geschlossen. Zwar sei rund 80 Prozent der Literatur auch online zu finden, es gebe jedoch auch einen Präsenzbestand, sagt Rothenberg. Dafür soll es bald auch eine Lösung geben. „Das ist dann wie bei McDonalds, da öffnet ein kleines Fenster und dort können Studierende ihre vorbestellten Bücher in dringenden Fällen abholen.“ An der Uni Köln soll dagegen Präsenzliteratur gescannt und für Studierende online gestellt werden.

Prüfungen mit Plexiglasscheiben

Doch wie sieht es mit den Prüfungen aus? In Aachen sind nach Uniangaben allein etwa 400 Klausuren aus dem Wintersemester offen. Es gebe erste Überlegungen, diese bis Ende der Pfingstwoche stattfinden zu lassen. „In den Audimax passen 1000 Menschen, da könnten dann 100 Studierende mit genug Abstand und Plexiglasscheiben ihre Prüfung schreiben“, sagt Aloys Krieg.

An der Universität Bielefeld soll es möglich sein, Studienleistungen über elektronische Aufgaben zu erwerben. „Das können beispielsweise Multiple-Choice-Aufgaben, Quizze, Lückentexte, zu beschriftende Zeichnungen, Rechercheaufgaben oder kleine Freitextaufgaben sein“, erklärt eine Sprecherin.

In Düsseldorf und Münster gibt es noch Schwierigkeiten bei der Abnahme von schriftlichen Prüfungen. Es sei noch kein System etabliert, das Täuschungsversuche sicher unterbinde, erklärt ein Sprecher der Heinrich-Heine-Universität.

An der TU Dortmund haben dagegen bereits erste Prüfungen online stattgefunden. „Wir hatten Lehramtsstudierende, die am 1. Mai mit dem Referendariat anfangen müssen“, sagt Sprecher Rothenberg. „Da gab es strenge Auflagen. Die Studierenden mussten in einem abgeschlossenen Raum sitzen und mit der Kamera ihres Laptops sogar unter den Tisch und Stuhl filmen, um zu zeigen, dass dort niemand anderes sitzt.“

Nachrichten-Ticker