Heinsberg-Studie
Virologe rechnet mit 1,8 Millionen Infizierten

Der Virologe Hendrik Streeck hat in dem kleinen Ort Gangelt die Verbreitung des Coronavirus untersucht. Auf dieser Grundlage nimmt er jetzt eine Schätzung für ganz Deutschland vor - was umstritten ist.

Montag, 04.05.2020, 13:29 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 20:39 Uhr
Das Ortsschild der Stadt Gangelt im Kreis Heinsberg steht an der Ortseinfahrt.
Das Ortsschild der Stadt Gangelt im Kreis Heinsberg steht an der Ortseinfahrt. Foto: Roberto Pfeil

Die kleine Gemeinde Gangelt war ein höchstens Insidern bekannter Party-Ort für Karnevalisten. Doch seit der diesjährigen „Kappensitzung“ gilt sie als der Hotspot für die Ausbreitung des Coronavirus in NRW. Für den Bonner Virologen Professor Hendrik Streeck wurde die 11 600-Seelen-Gemeinde im Kreis Heinsberg zum idealen Ort einer Feldstudie: Am Montag veröffentlichte die Universität Bonn den Abschlussbericht, der aufhorchen lässt. Wenn man die Ergebnisse der so-genannten Heinsberg-Studie als Rechenmodell anwendet, könnten sich in Deutschland bereits 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Das wäre mehr als das Zehnfache der durch Tests bestätigten 163 175 Infektionen.

Um die Dunkelziffer bei der Verbreitung des Coronavirus zu berechnen, hatten die Forscher um Streeck in Gangelt 919 Einwohner in 405 Haushalten getestet und befragt: Demnach haben sich dort 15 Prozent der Menschen mit Corona infiziert – das Fünffache der von den Behörden entdeckten Fälle. Bezogen auf die höhere Zahl errechneten die Forscher bei sieben Todesfällen, dass nur 0,37 Prozent der Infizierten gestorben sind.

Aus dieser Sterblichkeit haben sie den Wert für ganz Deutschland errechnet, weil sie keine regionalen Unterschiede annehmen. Ausgehend von fast 6700 Todes­fällen, die das Robert-Koch-Institut aktuell meldet, schließen die Wissenschaftler so auf eine Gesamtzahl von 1,8 Millionen Infizierten.
Die Heinsberg-Studie hat überdies ergeben, dass jede fünfte Infektion ohne spürbare Symptome verlaufen ist.

„Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus in sich tragen“, sagte der Hygiene-Forscher Professor Martin Exner. Das bestätige den Sinn von Abstands- und Hygieneregeln. Überrascht waren die Forscher, dass das Ansteckungsrisiko in einem Zwei-Personen-Haushalt nur 28 Prozent beträgt und bei mehr Personen weiter sinkt. „Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich“, sagte Streeck.

Der Virologe betonte, was aus der Studie folgen könnte, müssten nun Politiker entscheiden. Nach der Kritik an den Ostern präsentierten Zwischenergebnissen muss sich die Studie nun in der Fachwelt behaupten: Mehrere Virologen zeigten sich skeptisch, ob die Daten aus Gangelt übertragbar sind.

 

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