Neuregelung ab 15. Juni
So soll der Grundschul-Besuch in NRW aussehen

Düsseldorf -

Jetzt geht doch alles schneller als gedacht: Noch vor den Sommerferien sollen alle Grundschüler in NRW täglich in ihre Schulen kommen. Das kündigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Freitag an. Für die Neuregelung wird ein zentraler Punkt des bisherigen Konzepts gekippt.

Freitag, 05.06.2020, 13:20 Uhr aktualisiert: 05.06.2020, 13:27 Uhr
Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts auf ihren Plätzen.
Die leeren Plätze werden sich ab dem 15. Juni wieder füllen: Das Abstandsgebot in Grundschulen soll aufgehoben werden. Foto: Sebastian Kahnert

Alle Kinder im Grundschulalter sollen in Nordrhein-Westfalen ab dem 15. Juni wieder täglich zur Schule gehen. Das kündigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Freitag in Düsseldorf an. Bis zu den Sommerferien sollen die rund 600.000 Grundschüler an allen Wochentagen die Schule besuchen. „Wenn es um die Bildung geht, zählt jeder Tag“, sagte Gebauer.

Fast zehn Wochen lang sei der Unterricht wegen der Corona-Pandemie eingestellt oder deutlich eingeschränkt gewesen. Die derzeitige Entwicklung des Infektionsgeschehens ermögliche den Weg zu einem verantwortungsvollen Regelbetrieb an den Grundschulen.

Selbst wenn es ab dem 15. Juni nur noch zwei Wochen bis zu den Sommerferien seien, so erhöhe sich damit dennoch deutlich die Zahl der Tage, an denen die Schüler die Schule besuchen könnten, so Gebauer. Damit könnten die Kinder das Schuljahr mit einem „positiven Schulerlebnis“ abschließen. Den Viertklässlern sei zum Beispiel noch mehr Zeit gegeben, bevor sie ihre Schule ganz verlassen. Lehrer wiederum könnten sich „einen umfassenden Überblick über den Lernstand“, aber auch über die Gefühlslage ihrer Schüler verschaffen.

Ärzteverbände und Schulpsychologen befürworteten dringend eine weitere Öffnung der Schulen. Zudem sind Klagen von Eltern beim Oberverwaltungsgericht für das Land NRW in Münster anhängig, in denen durchgängiger Präsenzunterricht gefordert werde.

Vorbild Sachsen

Laut NRW-Schulministerin Gebauer planen ebenfalls eine Rückkehr zum Regelbetrieb in den Primarstufen ab dem 8. oder 15. Juni oder hätten - wie Sachsen - diesen Schritt bereits vollzogen. Ein Überblick über die Regelungen für Kitas und Schulen in den 16 Bundesländern:

  • BADEN-WÜRTTEMBERG: Mitte Juni sollen alle Schüler zumindest zeitweise wieder Präsenzunterricht erhalten. Die Kitas sollen spätestens Ende Juni wieder vollständig öffnen. Bisher dürfen höchstens 50 Prozent der Kinder, die normalerweise die Einrichtung besuchen, gleichzeitig dort betreut werden.
  • BAYERN: Laut Kultusministerium war vor den Pfingstferien rund die Hälfte aller Jahrgänge wieder an den Schulen, Mitte Juni sollen dann alle Schüler wochenweise in die Schule gehen. Bis 1. Juli sollen auch alle Kinder zurück in Kindergärten und Krippen dürfen.
  • BERLIN: Bis zum Sommer soll jedes Kita-Kind wieder ein Betreuungsangebot erhalten. Alle Schüler haben Unterricht, jedoch nur teilweise in der Schule.
  • BRANDENBURG: Allen Schülern wird vor den Sommerferien der Schulbesuch und die Teilnahme am Präsenzunterricht mindestens tage- oder wochenweise ermöglicht. Bei Kitas soll ein eingeschränkter Regelbetrieb anlaufen.
  • BREMEN: Alle Schulklassen werden schrittweise zurückgeholt. Alle Vorschulkinder können wieder in Kitas kommen.
  • HAMBURG: Alle Schüler sollen wenigstens einmal pro Woche Unterricht in der Schule bekommen. Kitas gehen schrittweise in den Regelbetrieb.
  • HESSEN: Kitas gehen wieder in den eingeschränkten Normalbetrieb über. Der Unterricht an den Schulen hat schrittweise wieder begonnen.
  • MECKLENBURG-VORPOMMERN: Die Schüler kehren bereits schrittweise in die Schulen zurück. Kitas stehen wieder allen Kindern offen. Nach Ende der Sommerferien Anfang August soll es einen verlässlichen und täglichen Regelunterricht für alle Schüler geben.
  • NIEDERSACHSEN: Die Notbetreuung in den Kitas wird schrittweise ausgeweitet, von Mitte Juni an soll es für alle Kinder ein zeitlich eingeschränktes Angebot für den Kita-Besuch geben. Auch die Schüler kehren nach und nach zurück, vom 15. Juni an haben alle Jahrgänge wieder Unterricht in den Schulen.
  • NORDRHEIN-WESTFALEN: Kita-Kinder und Schüler kehren schrittweise zurück. Alle Schüler erhalten tageweise Präsenzunterricht, ab 8. Juni soll es einen „eingeschränkten Regelbetrieb“ für alle Kita-Kinder geben.
  • RHEINLAND-PFALZ: Der Unterricht hat stufenweise wieder begonnen, alle Schüler sollen bis Mitte Juni zumindest zeitweise wieder zur Schule gehen. Die Kitas öffnen wieder für alle, wenn auch mit Einschränkungen.
  • SAARLAND: Im Laufe des Junis sollen alle Schüler zumindest zeitweise wieder an die Schule zurückkehren. Kitas sollen ab dem 8. Juni wieder eingeschränkten Regelbetrieb aufnehmen.
  • SACHSEN: Sachsens Kitas und Grundschulen können im eingeschränkten Regelbetrieb für alle Kinder öffnen. Schüler an weiterführenden Schulen sollen zumindest teilweise wieder an den Schulen unterrichtet werden.
  • SACHSEN-ANHALT: Kitas und Schulen kehren zu einem regulären Betrieb zurück. Bis zum 15. Juni sollen wieder alle Grundschüler täglich zur Schule kommen.
  • SCHLESWIG-HOLSTEIN: Für einige Jahrgänge hat der Unterricht bereits wieder begonnen. Vom 8. Juni an sollen alle Grundschüler wieder täglich im Klassenverband unterrichtet werden. Der Regelbetrieb an allen Schulen soll nach den Sommerferien mit dem neuen Schuljahr am 10. August wieder starten. In den Kitas gilt ein eingeschränkter Regelbetrieb.
  • THÜRINGEN: In allen Kitas gilt eingeschränkter Regelbetrieb. Alle Schüler können wieder an einem angepassten Präsenzunterricht teilnehmen.
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Unterricht im normalen Klassenverband

Es könne wieder im normalen Klassenverband unterrichtet werden - „möglichst gemäß Stundentafel”. Die Anfangs- und Pausenzeiten sollen an den Schulen für alle Klassen gestaffelt werden. Für die Anwesenheit der Schüler gibt es laut Gebauer eine Dokumentationspflicht. Auch der Offene Ganztag werde unter diesen Voraussetzungen wieder aufgenommen. Die Notbetreuung an den Grundschulen ende damit, so Gebauer.

Schluss mit Mindestabstand

Möglich werde die Öffnung durch ein neues Konzept, das in den Grundschulen „die individuelle Abstandswahrung” ersetzt, also den Mindestabstand von 1,50 Meter. So steht es in einer am Freitag versandten E-Mail an die Schulen . Eine Maskenpflicht soll es nicht geben.

Stattdessen gehe es jetzt im Kern darum, dass „konstante Lerngruppen gebildet und durch deren Trennung Durchmischungen vermieden werden”. Dies sei in der Primarstufe „wegen des vorherrschenden Unterrichts im Klassenverband und wegen des Klassenlehrerprinzips, das zusätzliche Fluktuation vermeiden hilft, mit pädagogischen und schulorganisatorischen Rahmenbedingungen gut vereinbar”.

Die Lage in weiterführenden Schulen

Für die weiterführenden Schulen bleibt es bis zu den Sommerferien dagegen noch bei einem Mix aus Distanz- und Präsenzunterricht. Sollte es aber Kapazitäten für die Ausweitung des Präsenzunterrichts geben, sollten diese genutzt werden, sagte Gebauer. Da es an den weiterführenden Schulen aber Kurssysteme sowie noch Abschlussprüfungen gebe, könne angesichts der notwendigen Schutzmaßnahmen der Präsenzunterricht dort nicht problemlos wieder im vollen Umfang aufgenommen werden. Ihr Anspruch sei aber, nach den Sommerferien auch dort „zum regulären Schulbetrieb zurückzukehren“.

Debatte um Schutz für Lehrer

Um in größerem Umfang Unterricht in den Klassenräumen anbieten zu können, braucht es entsprechend viel Personal. Vor einigen Tagen hatte Gebauer daher bereits angekündigt, dass ältere oder vorerkrankte Lehrer nicht mehr grundsätzlich vom Unterricht in den Klassenräumen ausgenommen werden sollen. Den Kurswechsel hatte sie mit neuen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) begründet, die keine grundsätzlichen Einsatzbeschränkungen für bestimmte Altersgruppen oder Vorerkrankungen vorsehen.

Knapp 80 Prozent dienstfähig

Knapp 83 Prozent der Lehrer in NRW stehen laut Schulministerium auch in der Corona-Pandemie für den Präsenzunterricht zur Verfügung. Die Zahl der dienstfähigen Lehrkräfte habe sich damit im Vergleich zu den vergangenen Wochen um rund 10 Prozent erhöht, schilderten NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) und Staatssekretär Mathias Richter am Freitag in Düsseldorf. An den Grundschulen seien rund 80 Prozent der Lehrer dienstfähig und könnten Präsenzunterricht erteilen

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Kritik daran war unter anderem vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte gekommen: Die Gruppe der Lehrer nehme ein „Schutzprivileg“ in Anspruch, das es in anderen Berufen nicht gebe. Das Schulministerium wies darauf hin, dass die neue Regelung zum Lehrkräfte-Einsatz ab dem 3. Juni gilt.

In einer E-Mail an die Schulen schrieb das Ministerium am Freitag: „Die Erziehungsberechtigten müssen darauf achten, dass die Kinder vor dem Schulbesuch keine der bekannten Symptome einer Covid-19-Erkrankung aufweisen.“ Sofern Schülerinnen und Schüler eine Corona-relevante Vorerkrankung haben „oder mit Angehörigen mit entsprechenden Vorerkrankungen in häuslicher Gemeinschaft leben“ entfalle die Pflicht zur Teilnahme am Präsenzunterricht bis zum Ende des Schuljahres. In Zweifelsfällen könne die Schule von den Eltern ein Attest verlangen und ein schulärztliches oder amtsärztliches Gutachten einholen.

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