Kriminalität
Reul macht Druck für Strafverschärfungen bei Missbrauch

Münster/Düsseldorf -

Herbert Reul gilt als der „harte Hund„ im Kabinett von NRW-Ministerpräsident Laschet. Der neue Missbrauchsfall in Münster ist die nächste große Bewährungsprobe für den Innenminister. Er will den Pädophilen-Sumpf austrocknen

Dienstag, 09.06.2020, 11:44 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 17:03 Uhr
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen.
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Foto: Marius Becker

„Null Toleranz“ bei Clans und Kampf mit allen Mitteln gegen Kindesmissbrauch: Der einstige Studienrat Herbert Reul ist zwar erst im fortgeschrittenen Alter zum Einsatz an der Front der inneren Sicherheit gekommen. Doch die Rolle als „harter Hund“ hat der CDU-Innenminister mit dem lockeren Mundwerk im Eiltempo gelernt. Nach Lügde und Bergisch Gladbach wird für den 67-Jährigen nun schon der dritte monströse Fall von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen zur Bewährungsprobe.

Reul beißt sich an der Enttarnung des perfiden und technisch hochgerüsteten Pädophilen-Netzwerks von Münster fest, so wie er es auch im Fall Lügde tat. „Sie haben mich kennengelernt als jemanden, der, wenn er an ein Thema drangeht, dranbleibt“, sagte er am Dienstag in Düsseldorf. „Ich bleib' einfach dran“, betont der ehemalige EU-Parlamentarier aus Leichlingen immer wieder.

Seit rund 45 Jahren ist Reul in der Politik. Und wenn er sich festbeißt, dann zieht sich seine linke Augenbraue ein wenig höher, was ihm einen noch entschlosseneren Ausdruck gibt. „Ich höre nicht auf, wenn ich eine Sache als wichtig ansehe.“ So will Reul auch den Sumpf von Münster austrocknen. Der dreifache Vater hat dabei nie verborgen, wie nahe ihm das auch persönlich geht. „Klar räume ich auf, aber ich bin doch nicht der martialische Aufräumer, wenn ich mich um Kindesmissbrauch kümmere“, sagt Reul der Deutschen Presse-Agentur.

Der Minister griff durch, nachdem Anfang 2019 der Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde aufgedeckt wurde. Der Kampf gegen Kinderpornografie wurde ein neuer kriminalpolizeilicher Schwerpunkt der NRW-Polizei, das Personal wurde innerhalb eines Jahres vervierfacht - allerdings auch durch Umschichtungen aus anderen Bereichen. Die Datenauswertung wurde im Landeskriminalamt (LKA) zentralisiert und alle 47 Kreispolizeibehörden wurden mit dem LKA zu einem „virtuellen Großraumbüro“ vernetzt. Bis 2021 sollen 32 Millionen Euro in neue IT-Auswertetechniken fließen.

Die Masse an sichergestellten Daten vermittelt einen Eindruck von dieser Herkules-Aufgabe: Allein im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach wurden 18 Millionen Bilder und eine halbe Million Videos untersucht. Im Fall Münster stellten Ermittler Hunderte Terabyte versiert verschlüsselten Materials sicher. Auf Bundesebene kämpft Reul für eine härtere Bestrafung der Täter - bisher allerdings vergebens. Am Dienstag platzte ihm fast der Kragen: Er warf der Bundesregierung vor, das Thema zu verschleppen. „Es geht sehr zäh voran“, sagte er. „Es kann doch nicht sein, dass so etwas behandelt wird wie Ladendiebstahl.“ Und er versprach, dass er zusammen mit seinen Innenministerkollegen „den Damen und Herren in Berlin auf den Nerv gehen“ werde.

Eines habe er gelernt, sagt Reul - und das sei vielleicht der Vorteil, wenn man lange dabei und alt sei: „Man macht nicht eine Sache nur eben und dann die nächste, damit man die Überschriften kriegt, sondern bleibt dran.“ Das habe er schon in der Kommunalpolitik gelernt. Die Wirksamkeit von Maßnahmen ergebe sich über die Dauer. Deshalb lässt Reul Clans in NRW mit einer Razzia nach der anderen bekämpfen, mit Polizei, Sonderstaatsanwälten, Zoll, Sozialämtern und Gewerbeaufsicht. Als Minister werde er es zwar nicht mehr erleben, sagt Reul, „aber irgendwann geben die auf, da wette ich“.

Reuls zweite Devise: „Nie zu viel versprechen. Immer nur Stück für Stück machen. Das ist die Methode Merkel. Das habe ich abgeguckt.“ Der Minister ist zwar beliebt bei den Menschen, weil er volksnah ist, die Themen anspricht, die sie bewegen und dazu noch den Karneval liebt. Wie Bundeskanzlerin Merkel erntet aber auch Reul einiges an Kritik für seine Schritt-für-Schritt-Methoden.

Sebastian Fiedler, NRW-Landesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, sagt über Reul: „Sobald Widerstand zu erkennen ist, geht er dem aus dem Weg, oder er lässt es liegen.“ So gehe Reul das große strukturelle Problem der Neuorganisation der Polizeiaufsicht in NRW nicht an. Reul mache viel richtig, aber er mache nur das, was er auch umsetzen könne. Egal wer in NRW Innenminister wäre, keiner hätte nach Ansicht Fiedlers nach dem Missbrauchsfall Lügde anders agieren können, als den Kampf gegen Kinderpornografie mit mehr Personal zu verstärken. Die Aufstockung sei aber zu Lasten anderer Bereiche gegangen. „Das Tischtuch wird nicht größer, aber der Tisch.“

Reul wiederum ist bei der Polizei beliebt und stellt sich vor seine Beamten. Er erhöhte die Einstellungszahlen der Polizei von 2000 auf 2500 pro Jahr. Für die Polizisten wurden nicht nur Anti-Terror-Schutzhelme und -westen beschafft, sondern auch Dienst-Smartphones und Bodycams.Dass nicht immer alles perfekt laufe, habe ihm schon Norbert Blüm gesagt, der einst NRW-CDU-Chef war. „Herbert, Du musst morgens am Spiegel vorbeigehen und reingucken können, und wenn du Narben hast, dann ist das gar nicht schlimm“, habe Blüm seinem damaligen Generalsekretär mit auf den Weg gegeben. Reul drückt das in seiner trockenen Art so aus: „Ich will nicht der Supermann sein. Ich mache meinen Job.“

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