Fußball
Club-Chef Carro: Bayer soll «regelmäßig um Titel spielen»

Bayer Leverkusen steht am Samstag gegen den FC Bayern München zum ersten Mal seit elf Jahren im Endspiel des DFB-Pokals und kann den ersten Titel seit 27 Jahren holen. Für Fernando Carro, den Vorsitzenden der Geschäftsführung, soll das erst der Anfang sein.

Mittwoch, 01.07.2020, 12:08 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 12:22 Uhr
Fernando Carro, Geschäftsführer der deutschen Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH, spricht.
Fernando Carro, Geschäftsführer der deutschen Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH, spricht. Foto: Roland Weihrauch

Leverkusen (dpa) - Wenn Fernando Carro über Fußball redet, verwendet er gerne die Worte «Verlangen» und «Gier». Letzteres benutzen die Bender-Zwillinge Lars und Sven gerne. Und Carro gefällt das. Es steht für Ehrgeiz, Ambitionen, die Mentalität, nie zufrieden zu sein. Dinge, die Bayer Leverkusen nach Meinung vieler Beobachter oft etwas gefehlt haben. Wodurch Bayer oft oben dabei war, aber seit 27 Jahren ohne Titel ist. Und im Volksmund oft zu «Vizekusen» wurde.

Ex-Trainer Bruno Labbadia prägte einst den Begriff der Komfortzone. Und meinte: Den Spielern gehe es in Leverkusen zu gut, um die für Titel nötigen letzten Prozent herauszukitzeln. Unter Carro ist mit dieser Bequemlichkeit Schluss. Der frühere Bertelsmann-Vorstand ist umtriebig, perfektionistisch, hat höchste Ziele.

Und er formuliert sie auch ungewohnt deutlich. Er wolle mit Bayer «möglichst in jedem Jahr um Titel spielen», stellt der 55-Jährige im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur klar. «Das ist ein Anspruch, der zu mir gehört, mein Naturell», sagt Carro: «Ich will regelmäßig um Titel spielen.»

Am Samstag steht Bayer schon mal in einem Endspiel. Dem ersten um den DFB-Pokal seit elf Jahren. Und auch, dass der Gegner FC Bayern München heißt und soeben mit einer Rekord-Rückrunde den achten Meistertitel in Serie einfuhr, schreckt Carro nicht. Auf die Frage, ob ein Titel eher am Samstag oder im August beim Final-Turnier der Europa League in Nordrhein-Westfalen möglich sei, sagt er: «Die Bayern sind in meinen Augen besser als alle, die noch in der Europa League spielen. Grundsätzlich ist es aber einfacher, mit einem Spiel einen Pokal zu holen als mit vier Spielen.» Deshalb wolle man «die absolute Gier entwickeln, diese sich jetzt bietende Chance auf den DFB-Pokal zu nutzen.» Da war es wieder, das Wort «Gier».

Seit dem letzten Vereinstitel 1993 in eben diesem Wettbewerb spielten Stars wie Bernd Schuster, Rudi Völler, Michael Ballack, Toni Kroos oder Kai Havertz für Bayer. Trainiert unter anderem von Jupp Heynckes oder Christoph Daum. Seit 1993 gab es sechs verschiedene deutsche Meister und sogar zehn unterschiedliche Pokalsieger. Für Leverkusen sind in diesem Zeitraum fünf Vize-Meisterschaften und drei verlorene Finals notiert.

Hat dem Verein also ein Stück Sieger-Mentalität gefehlt? «Vielleicht», sagt Carro. In jedem Fall habe er schon direkt nach seinem Amtsantritt 2018 «dafür gekämpft, dass wir noch ehrgeiziger werden. Dass wir daran glauben, dass hier etwas möglich ist. Dass wir ein Verlangen dafür entwickeln.» Da war das andere Wort, «Verlangen».

Es gehöre auch dazu, als Saisonziel nicht die Teilnahme am internationalen Wettbewerb auszugeben, erklärt der gebürtige Spanier. Die Vorgabe müsse immer Champions League heißen. «Auch auf die Gefahr, dass wir kritisiert werden, wenn es nicht klappt.»

In der Bundesliga hat es nicht geklappt. Mit 63 Punkten wurde Bayer zum besten fünftplatzierten der Liga-Historie. Möglich ist die Teilnahme an der Königsklasse nun nur noch über den Titelgewinn in der Europa League. Auf die Frage, ob dieser Traum oder Ziel sei, sagt Carro sofort: «Beides.» Der Ehrgeiz in diesem Wettbewerb sei schon vorher hoch gewesen: «Aber jetzt geht es nicht allein um einen großen Titel.»

So oder so. Der Begriff «Vizekusen» ärgere ihn nicht, versichert Carro: «Das ist ein Begriff aus der Vergangenheit.» Hören will er ihn trotzdem nicht mehr. «Wir wollen, dass es in der Zukunft anders läuft. Wir wollen nicht nur in Endspielen dabei sein. Vielleicht hat sich der Begriff Ende dieses Sommers schon erledigt.»

Wenn es so weit ist, will er sich nichts Besonderes gönnen, versichert Carro. «Bestenfalls ein Glas Gin Tonic. Aber das Gefühl gewonnen zu haben, würde mir vollkommen reichen.»

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