Kriminalität
Sprengattacken auf Geldautomaten erreichen neuen Höchststand

Panzerknacker im Akkord: Im ersten Halbjahr 2020 sind so viele Geldautomaten in die Luft gejagt worden wie noch nie. Immer öfter greifen die Gangster für ihre Detonationen nicht mehr zur Gasflasche, sondern zu Sprengstoff.

Mittwoch, 01.07.2020, 13:29 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 13:42 Uhr
Ein Streifenwagen mit Blaulicht.
Ein Streifenwagen mit Blaulicht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Zahl der Sprengattacken auf Geldautomaten hat in Nordrhein-Westfalen einen neuen Höchststand erreicht. Im ersten Halbjahr, das am Dienstag endete, schlugen die Panzerknacker 106 Mal zu, berichtete ein Sprecher des Landeskriminalamts in Düsseldorf am Mittwoch. In 62 Fällen scheiterten die Angriffe und es blieb beim Versuch.

Im ersten Halbjahr des Vorjahres waren es 46 Taten. Damit hat sich ihre Zahl nicht nur mehr als verdoppelt, sondern bereits die Gesamtzahl des Vorjahres von 104 Attacken überschritten. Die «Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung» hatte zuvor berichtet.

Die Häufung der Taten führen die Ermittler auch auf die Corona-Pandemie zurück: Weil die Grenzen nach Belgien und Frankreich zeitweise geschlossen oder stark kontrolliert waren, blieb den nächtlichen Sprengkommandos nur die offene Grenze von den Niederlanden nach Deutschland für ihre Beutezüge.

Immer häufiger leiten die Täter nicht mehr Gas in die Geldautomaten, sondern greifen zu Sprengstoff. Während im vergangenen Jahr zehn Mal Sprengstoff zum Einsatz kam, waren es bis Mitte Juni diesen Jahres bereits 36 Sprengstoffanschläge auf Geldautomaten.

Die Ermittler vermuten, dass dies eine Reaktion auf die immer besser gesicherten Automaten ist. Zuvor war eine zunehmend größere Anzahl von Gas-Attacken gescheitert. In Bonn war vor einigen Wochen sogar ein Anwohner leicht verletzt worden. Er erlitt bei der Sprengung, die wie immer nachts erfolgte, ein Knalltrauma.

Die Ermittlungskommission «Heat» des Landeskriminalamts ist überzeugt, dass hinter den Explosionen eine mehrere hundert Mann starke Gangster-Szene nordafrikanischer Einwanderer aus dem Raum Utrecht und Amsterdam steht. Die Sprengkommandos zeigen sich seit Jahren unbeeindruckt von Festnahmen, hohen Haftstrafen, tödlichen Unfällen auf der Flucht und missglückten Versuchen.

Die Gangster türmen bevorzugt mit hochmotorisierten gestohlenen Autos der Marke Audi und extrem rücksichtslosem Fahrverhalten. Die sogenannte «Audi-Bande» hat auf diese Weise in den vergangenen Jahren etliche Millionen Euro erbeutet, wie aus Gerichtsprozessen hervorging. In diesem Jahr summieren sich die Sachschäden in NRW bereits auf fünf Millionen Euro. Zur Höhe der Beute machen die Ermittler keine Angaben.

Zwei mutmaßliche Gangster waren im Februar nach einem missglückten Coup in Emmerich auf dem Rückweg in den Niederlanden in den Tod gerast. Ihr Audi fuhr mit bis zu 250 Stundenkilometern vermutlich ohne Licht nachts über eine Autobahn, als ein Lastwagen vor dem Fluchtwagen ausscherte.

Vor wenigen Tagen war im Beisein nordrhein-westfälischer Polizisten im niederländischen De Hoorn ein mutmaßlicher Geldautomatensprenger festgenommen worden. Er wird verdächtigt, im vergangenen Jahr Sprengungen im hessischen Bad Vilbel und in Wuppertal begangen zu haben.

Die Serie hat sich unterdessen auch im zweiten Halbjahr schon fortgesetzt: Am Mittwoch sprengten Unbekannte einen Geldautomaten in Niederkrüchten nahe der niederländischen Grenze und erbeuteten Bargeld. Anwohner beobachteten mehrere Verdächtige und einen dunklen Audi mit abgeklebten Kennzeichen, der mit aufheulendem Motor davonraste. Die sofort eingeleitete Fahndung, an der auch ein Polizeihubschrauber und die niederländische Polizei beteiligt waren, verlief erfolglos.

In Köln bittet ein Anwohner seit einiger Zeit mit einem Schild am Geldautomaten um Verschonung: «Liebe Kriminelle, bitte sprengen Sie diesen Geldautomaten nicht. Darüber befindet sich mein Schlafzimmer.»

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