Prozesse
Prozess um erstochenen Stadt-Mitarbeiter

Der Kämmerei-Mitarbeiter war von dem tödlichen Messerangriff völlig überrumpelt. Er und seine Kollegin wussten nicht, dass der mutmaßliche Täter schon vorher als gewalttätig aufgefallen war. Der psychisch kranke Mann beruft sich vor Gericht auf Notwehr.

Freitag, 03.07.2020, 14:22 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 14:32 Uhr
Eine Statue der Justita hält eine Waage in der Hand.
Eine Statue der Justita hält eine Waage in der Hand. Foto: Stefan Puchner

Köln (dpa/lnw) - Es ist eigentlich ein Routine-Einsatz: Zwei Mitarbeiter der Kölner Stadt-Kämmerei klingeln bei einem säumigen Bürger, um fehlendes Geld einzutreiben. Doch der Mann, der an diesem Tag im vergangenen Dezember die Tür öffnet, hat ein Messer in der Hand und sticht auf einen der Bediensteten ein - der 47-Jährige verblutet. Seine Kollegin bleibt unverletzt. Der mutmaßliche Täter wird unmittelbar danach festgenommen. Seit Freitag steht er wegen Mordes vor dem Kölner Landgericht.

Die Staatsanwaltschaft hält ihn für schuldunfähig, weil er an einer «paranoiden Schizophrenie» leide. Deshalb hat sie ihn nicht angeklagt, sondern beantragt in einem sogenannten Sicherungsverfahren seine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie. Der 60-Jährige betont am ersten Verhandlungstag, er halte sich für zurechnungsfähig und wolle «richtig angeklagt» werden.

Die Messer-Attacke auf den Stadt-Mitarbeiter gibt er zu - und beruft sich auf Notwehr. «Der hat sofort nach mir geboxt, als ich die Wohnungstür geöffnet habe. Da habe ich zugestochen.» Er habe nicht die Absicht gehabt, den 47-Jährigen zu töten. Aber er habe Angst bekommen, weil er es ja schon mal erlebt habe, «dass da einfach welche vor meiner Tür standen».

Damit meint er einen Vorfall vom März 2019, den die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord wertet. Damals soll er eine städtische Mitarbeiterin mit einem Schraubenzieher angegriffen haben, als diese zusammen mit einem Kollegen und einem Amtsarzt bei ihm schellte. Nach dieser Tat kam der Beschuldigte in eine psychiatrische Klinik, wo er dann zwei Pfleger mit einem Messer angegriffen haben soll. Dennoch wurde er wenige Wochen später wieder entlassen.

Die beiden Kämmerei-Mitarbeiter, die den Beschuldigten am 13. Dezember 2019 zu Hause aufsuchen, wissen nichts von der Gefährlichkeit des Mannes. Sie wollen von ihm 387,80 Euro einfordern - die ausstehende Rechnung für seinen Transport in die Psychiatrie. Die tödlichen Messerstiche treffen den 47 Jahre alten Vollstreckungsbeamten völlig unvorbereitet.

Als Folge des Verbrechens hat die Stadt Köln inzwischen ein ämterübergreifendes Meldesystem eingerichtet, in dem Übergriffe auf Mitarbeiter registriert werden. Bislang sind dort nach Angaben einer Stadt-Sprecherin insgesamt 42 Fälle von Bedrohung, Nötigung oder Körperverletzung erfasst.

Beamten-Gewerkschaften werten solche Meldesysteme als wichtigen Beitrag, um kommunale Mitarbeiter besser vor Übergriffen zu schützen. Jedoch müssten die Systeme vereinheitlicht und auch mit Landes- und Bundesbehörden vernetzt werden, fordern Vertreter des Deutschen Beamtenbundes und der Gewerkschaft Komba. Ansonsten blieben Warnungen vor gewaltbereiten Personen nur auf einzelne Behörden beschränkt.

Für den Prozess gegen den 60-Jährigen hat das Kölner Landgericht noch neun weitere Verhandlungstage bis Mitte August angesetzt.

Nachrichten-Ticker