Geschichte
Die Mohrenstraßen-Debatte erreicht Nordrhein-Westfalen

In Berlin tobt eine Diskussion um die Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße - viele empfinden den Namen als rassistisch. Aber eine Mohrenstraße gibt es nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Köln, Bonn oder Wuppertal. Kann das so bleiben?

Donnerstag, 09.07.2020, 15:50 Uhr aktualisiert: 09.07.2020, 16:02 Uhr
Blick auf das Straßenschild «Mohrenstraße».
Blick auf das Straßenschild «Mohrenstraße». Foto: Rolf Vennenbernd

Köln (dpa/lnw) - Man muss es als Statement verstehen. «Mohrenstraße» steht auf dem Straßenschild in der Kölner Innenstadt, aber der erste Teil - der Teil «Mohren» - ist überkritzelt worden. Mit ein paar Filzstift-Strichen wurde so eine aktuelle Debatte auf den Punkt gebracht: Wie umgehen mit Straßen und Plätzen, deren Namen viele als rassistisch empfinden? Nicht wenige antworten: Am besten löschen aus dem ehrenwerten Straßenverzeichnis, irgendwie überschreiben.

In Berlin erhitzt aus diesem Grund seit Tagen die mögliche Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße die Gemüter. Nun flammt eine ähnliche Diskussion auch in Köln auf. Der Grund: Auch die Stadt am Rhein hat eine Mohrenstraße, es handelt sich um einen Straßenzug in bester Lage mitten in der City. Der SPD-Ortsverein der Kölner Südstadt will ihn umbenennen. Auch wenn die Sache diffizil ist.

Zwar gehe es zunächst darum, eine Debatte anzustoßen, sagt SPD-Vertreter Tim Cremer. «Aber wir wollen schon Geschichte aufarbeiten.» Nach aktuellem Stand gehe man davon aus, dass es sich hier um einen diskriminierenden Begriff handle. Sein Fazit: «Wir wollen die umbenennen.» Alicem Polat von den Jusos, von dem die Initiative ausgeht, ergänzt, dass das Thema schon seit Jahren Tausende Menschen beschäftige. Dass es nun in den jetzigen Kontext passe, habe mit der «Black lives Matter»-Bewegung gegen Rassismus zu tun - und damit, dass er sich als junge, politisch engagierte Kraft in der Verantwortung gesehen habe, auch nach oberflächlichen Ansatzpunkten zu schauen, «um strukturellen Rassismus zu bekämpfen.»

Ganz so leicht dürfte der Weg dahin aber nicht sein. SPD-Ortsverein, das ist unterste politische Ebene. Die Umbenennung müsste irgendwann von der Kölner Bezirksvertretung Innenstadt abgesegnet werden. Bezirksbürgermeister ist Andreas Hupke von den Grünen. Er mahnt, dass man so eine Entscheidung keinesfalls über die Köpfe der Anwohner hinweg treffen könne - selbst, wenn es in der Sache richtig sein sollte. Auch Fachleute müssten eingebunden werden.

Tatsächlich ist die Diskussion, über die zuvor der «Kölner Stadt-Anzeiger» berichtet hatte, knifflig - und wie es sich für die uralte Stadt gehört, hochgradig historisch. Es deutet nämlich Einiges darauf hin, dass der Name als Ehrung gedacht war. «Der Name soll an den Heiligen Gregorius Maurus und andere Soldaten der thebäischen Legion erinnern - unter anderem auch an St. Gereon -, die afrikanischer Herkunft waren», sagt die Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst. Der Legende nach wurde Gregorius Maurus im Jahr 304 in Köln hingerichtet, weil er sich weigerte, Christen zu verfolgen.

«Die Römer hatten überall Soldaten rekrutiert und es gibt Darstellungen dieser Personen als Afrikaner. Daher der Name «Mohrenstraße»», sagt Bechhaus-Gerst. «Dass es sich hier um eine Ehrung handelt, ändert aber nichts daran, dass die Bezeichnung rassistisch ist.» Laut des «Kölner Straßennamen-Lexikons» sei die Straße 1844 so benannt worden.

Ein generelles Problem aus Sicht der Expertin: «Das N-Wort, das wissen viele mittlerweile, ist rassistisch, und sollte nicht verwendet werden. Aber das M-Wort hat für nicht wenige eine positive Konnotation, weil sie es mit als «putzig» betrachteten Figuren in Verbindung setzen.»

Berlin und Köln sind auch nicht die einzigen Städte mit einer Mohrenstraße. Wer auf Google danach sucht, findet sie zum Beispiel auch in Bonn. Oder in Wuppertal. Die «Westdeutsche Zeitung» fragte am Donnerstag bereits: «Muss die Mohrenstraße in Wuppertal umbenannt werden?»

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