Interview mit Heimatministerin Scharrenbach
„Der Lockdown hinterlässt Lücken“

Drensteinfurt/Münster/Düsseldorf -

NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach und zwei Vertreter des Westfälischen Schützenbundes sprechen im Interview über die Folgen der Corona-Pandemie für die nordrhein-westfälischen Brauchtumsvereine.

Montag, 07.09.2020, 12:44 Uhr aktualisiert: 07.09.2020, 14:22 Uhr
Abmarsch:
Abmarsch: Solche Bilder wie noch im August 2019 hat es in diesem Jahr nicht gegeben. Auch das größte Schützenfest in Nordrhein-Westfalen fiel wie viele kleinere Ausgaben im Rheinland und in Westfalen der Corona-Pandemie zum Opfer. Foto: David Young/dpa

Der Treffpunkt ist das kleine Heimathaus in Walstedde. Hier, unweit der Vogelstange des dortigen Schützenvereins, sprachen NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach, der Präsident des Westfälischen Schützenbundes, Hans-Dieter Rehberg, und dessen Stellvertreter Arnold Kottenstedde mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider über die Folgen der Corona-Pandemie für die Brauchtumsvereine im Land.

Frau Scharrenbach, Herr Rehberg, Herr Kottenstedde, vor sechs Monaten gab es den ersten Corona-Fall in NRW, etwas später den ersten Hotspot im Karneval. Wann war Ihnen persönlich klar, dass diese Pandemie sich auch auf Gesellschaft und Tradition auswirken würde?

Scharrenbach: Wir haben am 25. Februar den ersten Corona-Fall gehabt und am 16. März die erste Verordnung des Landes mit einschneidenden Maßnahmen, dem Runterfahren von Wirtschaft und Gesellschaft. Insofern war schon Mitte Februar klar, was die Pandemie bedeutet. Auch weil wir die Bilder aus China kannten. Und weil Sommerzeit Schützenfestzeit ist, kamen sehr schnell die Anfragen, wie es denn damit aussieht.

Rehberg: Im Verband haben wir schon Ende Februar die Lage so eingeschätzt, dass sich die Pandemie ausweiten wird. Wie stark wir betroffen sind, war da noch gar nicht absehbar. Wir haben uns jedoch darauf eingestellt, dass wir dieses Jahr anders gestalten müssen. Bei der ersten Verordnung hatten wir noch Hoffnung, dass Mitte des Jahres doch noch etwas möglich sein würde. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mit abgesagten Schützenfesten, Kirmessen, Kulturveranstaltungen und Stadtfesten ist der Sommer sehr ereignislos gewesen. Jetzt könnte es Weihnachtsmärkte und Karneval treffen. Was bedeutet diese Perspektive für das Brauchtum?

Scharrenbach: Viele Städte und Gemeinden arbeiten gerade an Hygienekonzepten, damit sie ihren Adventsmarkt oder Weihnachtsmarkt durchführen können. Insofern wird es viel von den Organisatoren vor Ort abhängen. Eine pauschale Absage wird es erstmal nicht geben.

Rehberg: In der Sommerzeit haben wir den Vereinen geraten, kleine Veranstaltungen anzubieten, beispielsweise Minischützenfeste in Privatgärten. Das hat die Gemeinschaft immer noch etwas in Bewegung gehalten. Man muss sich im Klaren sein: Es gibt nichts Schlimmeres, als dass Menschen plötzlich meinen, sie brauchen den Verein nicht mehr und treten aus. Im Sportbereich war der Neustart absehbar. In der Tradition hat der Lockdown aber gesellschaftlich große Lücken gerissen. Man hat gesellschaftlich gespürt, es entsteht eine gewisse Distanz.

Wie wirkt sich dies auf das Heimatempfinden und das Traditionsbewusstsein der Menschen aus?

Scharrenbach: Vereine sind Garanten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das hat sich gerade während des Corona-Lockdowns einmal mehr gezeigt. Die Vereine haben sich um die Leute gekümmert, ihnen geholfen, Besorgungen übernommen. Insgesamt ist die Gesellschaft seit März ein Stück zusammengerückt, weil man merkt, dass man sich gegenseitig braucht. Aber die Sichtbarkeit von Tradition hat deutlich gelitten.

Kottenstedde: Eine kirchliche Zeitschrift hat kürzlich über die Rolle der Vereine getitelt: „Viel mehr als Peng und Prost.“ Das muss man sich wieder ins Bewusstsein rufen, dass Schützenvereine in den Dörfern neben der Schützentradition eine ganze Menge gesellschaftlicher Aufgaben wahrnehmen. Übrigens auch in der Versorgung von Menschen unter Quarantäne. Das hat die Gemeinschaften schon zusammengehalten. Da haben einige Schützenvereine auch Ansehen wiedergewonnen.

Welche Bedeutung haben Schützenfeste für die Verwurzelung der Menschen – und wie hat Corona das verändert?

Rehberg: Die Verwurzelung in den Ortschaften ist sehr groß. Mancherorts liegt das Gewicht auf dem Sport, anderswo steht die Tradition im Vordergrund. Dort ist der Schützenverein auch eine Macht. Schützen und Tradition und Gemeinschaft gehören einfach zusammen. Der Verein ist in den Ortschaften verwurzelt. In den Städten findet man das noch in den Vororten.

Was bedeutet das für die verschiedenen Brauchtumsvereine?

Scharrenbach: Die Schützenfeste sind das sichtbare Zeichen von gelebter Tradition. Und die Schützenvereine verbinden die Generationen auch über alle – manchmal gefühlten – Grenzen hinweg. Das ist eigentlich die große Leistung der Schützenvereine, abgesehen von der Tradition. Sie bieten den festlichen Austausch. Natürlich hat das auch die Heimatvereine getroffen. Sommerzeit ist Festzeit: Es sind viele Feste ausgefallen.

Kottenstedde: Die Erntedank-Umzüge im Herbst sind teilweise genauso groß. Auch die fallen aus. Solche Feste gibt es aber nicht flächendeckend wie die Schützenfeste.

Frau Scharrenbach, Sie haben für die Arbeit der vielen Vereine 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit sie laufende Kosten überbrücken können. Wie viele Vereine haben sich bisher gemeldet?

Scharrenbach: Wir haben bis zum 27. August 295 Anträge erhalten mit einem Volumen von 1,56 Millionen Euro. Im Schnitt wurden also 6000 Euro beantragt, 15 000 sind maximal möglich. Davon wurden 57 Anträge schon bewilligt mit knapp 218 000 Euro, also durchschnittlich 4000 Euro je Verein. 146 Anträge haben wir abgelehnt, 92 Anträge sind noch in Prüfung. Wir haben das als Rückfallprogramm aufgelegt. Viele Anträge wurden abgelehnt, weil Vereine schon aus anderen Maßnahmen gefördert wurden. Wenn Schützenvereine Mitglied im Landessportbund sind, können sie zum Beispiel Geld aus der Corona-Hilfe Sport erhalten. Bei anderen Vereinen gab es hohe Eigenmittel.

Wundert Sie das nicht, die Hilferufe vorher klangen doch eher nach großer Not?

Scharrenbach: Wir haben oft die Rückmeldung bekommen, dass Vereine keine Aufwendungen haben und klarkommen. Manchmal geht ein Schützenfest auch mit einem knappen Plus aus. Deshalb haben viele Vereine gerade keinen Bedarf, andere brauchen vorhandene Rücklagen auf. Und es gibt Vereine, bei denen es echt drückt, für die ist das Programm da.

Bei Schützenfesten geht es auch um handfeste Erlösinteressen. Wie ist die wirtschaftliche Lage bei den Schützenvereinen?

Rehberg: Eine Reihe von Vereinen vermietet ihre Schützenhäuser über das Jahr für Feiern. Die sind auch alle weggebrochen, da fehlen Einnahmen. Es gibt auch Schützenvereine, deren Schützenfest ins Minus geht. In diesem Jahr können viele die Ausfälle überbrücken. Aber wir werden am Jahresende feststellen, dass die Kassen leer sind, wenn Strom und Gas aber weiter bezahlt werden müssen. Bei den Sportschützen können wir nur auf jedem zweiten Stand schießen. Das heißt, wir haben nicht mehr die Kapazitäten, um Meisterschaften zu schießen. Auch das führt zu finanziellen Problemen.

Kottenstedde: Viele Sportschützen finanzieren sich durch Pokalschießen. Die Einnahmen werden genutzt, um den Mannschaften die Teilnahme an den Meisterschaften zu ermöglichen. Wenn sie das nicht durchführen können, haben sie ein Problem.

Wenn Sie jetzt hören, dass am Jahresende erst die Not beginnt, reden wir ja eher über Bedarf im Januar oder Februar. Wie lange steht das Geld denn bereit?

Scharrenbach: Es ist zunächst befristet bis 31. Oktober. Jetzt wurde das Großveranstaltungsverbot bis Jahresende verlängert. Ich bin offen dafür zu sagen, Unterstützung muss verfügbar sein. Die Vereine sind Garanten für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn die Vereine Hilfe brauchen, dann sollen sie auch Hilfe bekommen.

Womit halten sich die vielen Brauchtums- und Heimatvereine über Wasser?

Kottenstedde: Ich erlebe das bei uns zu Hause. Unser Heimatverein veranstaltet drei Märkte im Jahr. Der bekannteste ist der Enniger-Markt, einer der ältesten in Westfalen. Alles abgesagt. Das ist aber die Haupteinnahmequelle. Der Verein bekommt jetzt finanzielle Probleme.

Wenn Corona wie ein Brennglas die Probleme offenlegt, gilt das vielleicht auch für diese Vereine: Wie stark sind sie noch in der Gesellschaft verwurzelt?

Scharrenbach: Stark.

Rehberg: Ja, das muss man einfach so sehen. Das ist regional sicher unterschiedlich. In meiner Heimat Bad Berleburg geht es nicht ohne Schützen. Wir sind in so viele Sachen involviert: den Kirchplatz zu pflastern, am Kindergarten ein Holzgestell aufzubauen. Darüber gibt es keine Diskussion. Wir hören viel zu selten, was die Vereine alles machen.

Kottenstedde: Das ist für die Vereine selbstverständlich. Mal eben einen Bürger-Radweg bauen, mal eben einen Abenteuerspielplatz erstellen, jedes Jahr eine Dorfsäuberung oder das Osterfeuer ist für die Vereine selbstverständlich.

Ist das eine Generationenfrage?

Rehberg: Nein.

Viele dieser Vereine waren lange Männerdomänen. Wie kann da eigentlich eine Modernisierung gelingen?

Kottenstedde: So ganz stimmt das nicht mehr. In den städtischen Organisationen führen ganz viele Frauen die Vorstände. Im Sportbereich sind sie als Schützinnen sehr aktiv.

Rehberg: Natürlich haben wir noch viele Schützenvereine, in denen es Tradition ist, dass nur Männer dazu gehören. Neuss ist der bekannteste Verein vielleicht. Das gibt es, das werden wir nicht von heute auf morgen abschaffen können.

Wie bewerten Sie das als Gleichstellungsministerin?

Scharrenbach: Ich bin auch Mitglied in drei Vereinen.

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