Gesundheit
Mehr freie Pflegeheimplätze in NRW in Corona-Pandemie

Angst vor Corona-Ausbrüchen und eingeschränkte Besuchsregeln: In der Pandemie schieben viele Familien einen Umzug von Pflegebedürftigen ins Heim auf. Darauf deuten eine gestiegene Zahl freier Plätze und eine erhöhte Nachfrage nach ambulanten Diensten hin.

Montag, 08.02.2021, 09:16 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 09:22 Uhr
«Bitte halten Sie sich an die aktuellen Hygiene-Bestimmungen» ist in einem Seniorenheim auf einen Tisch geklebt.
«Bitte halten Sie sich an die aktuellen Hygiene-Bestimmungen» ist in einem Seniorenheim auf einen Tisch geklebt. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Seit Ausbruch der Corona-Pandemie stehen in Nordrhein-Westfalen mehr Pflegeheimplätze zur Verfügung als noch zuvor. Das Landesgesundheitsministerium geht davon aus, dass viele Familien mit Pflegebedürftigen die Suche nach einem Pflegeplatz aufschieben, um die Entwicklungen in der Pandemie abzuwarten, hieß es auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit sind laut der Anwendung «Heimfinder NRW» rund 2900 Dauerpflegeplätze sofort frei. Im März 2020 standen dort laut Ministerium zwischenzeitlich nur rund 450 Plätze zur Verfügung.

Wie aus den vorgelegten Vergleichszahlen weiter hervorgeht, kletterte die Zahl der freien Plätze über den Sommer dauerhaft auf über 1000. Im September lagen die Zahlen knapp darunter und haben sich seither aber nahezu verdreifacht. Bei der Kurzzeitpflege zeigt sich ein ähnliches Bild: Zurzeit sind mehr als 1400 Kurzzeitpflegeplätze nicht belegt. Mitte März waren zwischenzeitlich nur zwischen 200 und 270 solcher Plätze verfügbar.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz zeigte sich überzeugt, dass die hohen Todeszahlen in Pflegeheimen ausschlaggebend für die gewachsenen freien Kapazitäten sind: «Da die meisten Opfer der Pandemie auch in Nordrhein-Westfalen Heimbewohner sind, offenbaren sich die Fehler der Corona-Politik klar in der Belegungsstatistik», teilte Stiftungsvorstand Eugen Brysch mit. Die Behauptung, Pflegebedürftige zögen allein aus Angst vor Isolation nicht in die Einrichtungen, solle von diesem Versagen ablenken, so Brysch. Laut Gesundheitsministerium wurden in stationären Pflegeeinrichtungen inzwischen rund 5000 Corona-Tote gezählt. Inwieweit damit durch die Pandemie die Zahl frei werdender Plätze insgesamt größer ist als üblich, lässt sich aufgrund fehlender Vergleichszahlen nicht feststellen, hieß es aus dem Ministerium.

Eine deutliche Verschärfung der schon lange vor Corona angespannten Lage erleben nach Auskunft des Landesverbandes freie ambulante Krankenpflege NRW zur Zeit insbesondere die häuslichen Pflegedienste, wie dessen Vorsitzende Andrea Lippmann sagte. So habe sie viele Anfragen an ihrem eigenen Düsseldorfer Pflegedienst absagen müssen. «Uns rufen oft die Sozialdienste der Kliniken verzweifelt an, weil sie keinen Pflegedienst mit freien Kapazitäten finden», sagte sie weiter.

Sie erlebe bei vielen Angehörigen und Pflegebedürftigen eine große Angst ins Heim oder Hospiz zu ziehen. Sie fürchteten Besuchseinschränkungen oder einen Ansteckung bei einem Ausbruch des Coronavirus: «Mein Eindruck ist, dass die Menschen lieber schlechter versorgt zu Hause bleiben als gut versorgt und einsam zu sein oder bei einem Covid-19-Ausbruch im Heim dort zu sterben.»

Flächendeckend freie Plätze in stationären Einrichtungen bedeute die landesweit gestiegene Verfügbarkeit allerdings nicht, heißt es von größeren Trägern wie dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Caritas oder der Diakonie. Insbesondere in der Stadt übersteige die Nachfrage vielfach weiterhin das Angebot.

Dass Angehörige ihre Eltern oder Partner in Corona-Zeiten so lange es gehe daheim betreuten, beobachtet allerdings auch die Referentin für Altenhilfe der Caritas im Bistum Münster, Anne Eckert. Sie glaubt, dass das weniger mit einer Sorge vor Ansteckung in den Einrichtungen zu tun habe, sondern vielmehr mit einer teilweise besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege in den eigenen vier Wänden: «In Zeiten von Homeoffice lässt sich auch Pflege von Angehörigen zuhause besser integrieren», sagte sie. «Wenn aber dann der Punkt erreicht ist, wo es in der Häuslichkeit nicht mehr geht, bleibt es schwer, einen Heimplatz zu finden.»

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