Schulen in NRW
Land kehrt zu Wechselunterricht zurück - die Hintergründe

Düsseldorf -

Die Schüler in Nordrhein-Westfalen sollen ab nächsten Montag wieder in die Klassenzimmer zurückkommen. Sie werden in einem Wechselmodell aus Distanz- und Präsenzunterricht beschult.

Mittwoch, 14.04.2021, 18:40 Uhr aktualisiert: 14.04.2021, 19:08 Uhr
Die Schüler in Nordrhein-Westfalen sollen ab nächsten Montag wieder wechselweise in die Klassenzimmer zurückkommen. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer erklärte gestern, wie das gehen soll.
Die Schüler in Nordrhein-Westfalen sollen ab nächsten Montag wieder wechselweise in die Klassenzimmer zurückkommen. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer erklärte gestern, wie das gehen soll. Foto: dpa

Vor knapp einer Woche kam die Nachricht: Alle Schulen bleiben geschlossen, Schülerinnen und Schüler müssen bis auf ­wenige Ausnahmen in den Distanzunterricht. Doch gestern verkündete NRW-Schul­ministerin Yvonne Gebauer (FDP) eine neuerliche Kehrtwende. NRW öffnet die Klassenzimmer wieder, wenigstens tageweise.

Die Hintergründe:

  • Wechselunterricht:

Das bedeutet, dass alle Schülerinnen und Schüler – 2,2 Millionen in NRW – wechsel­weise an einem Tag in die Schule gehen dürfen, um dort unterrichtet zu werden, an einem anderen Tag wieder zu Hause Online-Unterricht erhalten. Dieses Modell wurde schon in den Wochen unmittelbar vor den Oster­ferien praktiziert. Vor einer Woche musste dann NRW-Schulministerin Gebauer erklären, eine Woche nach den Osterferien die Schulen zu schließen. Ein Grund waren die gestiegenen Infektionszahlen, der andere sicherlich die nicht in ausreichender Menge ausgelieferten Tests an die Schulen.

  • Was hat sich geändert:

Die Infektionszahlen sind weiter hoch, steigen sogar. Doch das Land hat die Pro­bleme mit der Belieferung der Schnelltests offenbar gelöst. „Die Logistikfirma hat in ausreichendem Maße die Tests zu den Schulen liefern können. Zudem ist sicher­gestellt, dass dies in den kommenden Wochen ebenfalls der Fall ist“, so Gebauer. Zudem seien erste Probe­verfahren mit den Schülern – vor allem in der Notbetreuung – grundsätzlich positiv verlaufen. Für jüngere Kinder in den Grundschulen ­suche man derzeit noch „kind- und altersgerechtere Testverfahren“, so Gebauer. Zurzeit müssen Lehrkräfte die Tests vornehmen und Anleitungen dafür zur Verfügung stellen.

  • Unter welchen Voraussetzungen bleiben die Schulen geöffnet?

Laut Verordnung des Landes wird der Wechselunterricht gestoppt, wenn eine Stadt oder ein Kreis über einen Zeitraum von einer Woche eine Inzidenz von über 200 aufweist. Dies ist aktuell zum Beispiel der Fall in Solingen, Remscheid, dem Märkischen und dem Oberbergischen Kreis. Da die Fallzahlen in NRW weiter steigen, könnten weitere Städte und Kreise folgen. Die jetzt für NRW geltende Regel soll nach den Worten von Gebauer bis zu den Sommer­ferien Bestand haben. „Wir hoffen, dass wir ein langfristiges Planen des Schulalltags gewähren können.“

Wir hoffen, dass wir ein langfristiges Planen des Schulalltags gewähren können.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer
  • Maskenpflicht und Impfungen:

Neben der Testpflicht, ohne die keine Teilnahme am Unterricht möglich ist, gilt nach wie vor eine strenge Maskenpflicht – sowohl am Platz als auch auf dem Gelände. Vorgeschrieben sind bei älteren Kindern FFP2-Masken. Positiv bewertet Gebauer die Fortschritte beim Impfen. „Wir hoffen, dass wir bis Ende kommender Woche alle Grundschullehrkräfte geimpft haben.“ Verbände wie die GEW und der VBE verlangen seit Längerem, auch Lehrkräfte an weiterführenden Schulen impfen zu lassen.

  • Abschlussklassen:

Für diese ändert sich nichts, da diese bereits nach den Osterferien in den Wechselunterricht gehen durften. Auch Abiturprüfungen sollen wie geplant geschrieben werden.

Ohne Tests kein Unterricht

An den Schulen in Nordrhein-Westfalen sind die von der Landesregierung zugesagten Corona-Schnelltests jetzt offenbar in ausreichender Menge verfügbar. Probleme gibt es dabei nur bei der Erklärbarkeit des Testverfahrens für jüngere Schülerinnen und Schüler. Die Testanleitungen umfassen dabei mehrere Seiten, die Tests werden in den Schulen durchgeführt.

Das Land will dabei sehr konsequent gegen Schüler vorgehen, die keinen negativen Schnelltest vorweisen können und einen Test in der Schule verweigern. Laut eines unserer Redaktion vorliegenden Rundschreibens an die Schulleitungen soll den Testverweigerern – im Fall minderjähriger Kinder müssen dies die Eltern erklären – der Zutritt zum Schulgebäude verboten werden. Kontrolliert werden soll dies durch die jeweiligen Schulleitungen. Diese Schüler erhalten auch keinen Distanzunterricht. Auch Klausuren oder Arbeiten dürfen sie nicht mitschreiben, die ausgefallenen Arbeiten werden laut Ministeriumsbrief mit „ungenügend“ bewertet.

Gegen diese Testpflicht für alle Schüler sind zahlreiche Klagen vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster einge­gangen.
Nachdem sich Anfang der Woche bereits ein Schulträger in freier Trägerschaft aus dem Kreis Euskirchen an das OVG gewandt hatte, sind jetzt neun Klagen von Schülern in Münster eingegangen.

Nach Angaben einer Gerichtssprecherin kommen die Schüler, die von ihren Eltern vertreten werden, aus Löhne, Paderborn, Lippstadt, Herford, Bad Oeynhausen sowie Solingen und drei aus Würselen bei Aachen. Das OVG wird frühestens in der kommenden Woche entscheiden. Das Land hat bis Freitag Zeit für eine Stellungn­­ahme.

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Kommentar

Wagen wir es!

Schulministerin Gebauer öffnet die Klassenzimmer wieder. Ein mutiger Schritt angesichts steigender Infektionszahlen. Ein richtiger Schritt dennoch. 

Diese Entscheidung rückt alle Spannungsfelder dieser Pandemie ins Bewusstsein: Der Schutz der Menschen vor einer gefährlichen Infektion, die zuletzt gerade auch bei Jüngeren schwere und tödliche Verläufe hervorruft. Auf der anderen Seite sind schon jetzt die pädagogischen, sozialen und inhaltlichen Defizite zu erahnen, die eine ganze Generation mit ins Leben nehmen muss.

Die Schulministerin wagt das Projekt Rückkehr in den Wechselunterricht. Eine mutige, eine richtige Entscheidung. Heranwachsende brauchen soziales Miteinander, brauchen in der Wissensvermittlung pädagogische und inhaltliche Anleitung, benötigen nicht nur vereinzelt auch soziale Aufsicht und Fürsorge durch Mitschüler und Lehrer. Schon jetzt fallen die Wissenslücken durch die lange Zeit des schullosen Lernens groß aus, gibt es Defizite in der sozial-psychologischen Entwicklung.

Das Land hat Millionen Tests gekauft und es – das war überfällig – geschafft, diese an die Schulen auszuliefern. Dazu gibt es eine eindeutige Pflicht zum Testen, die auch die Eltern in die Verantwortung nimmt. Diese Voraussetzungen bilden den Rahmen, in dem Schule jetzt kalkulierbar stattfinden kann, darf und muss.

von Frank Polke

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