Kriminalität
«Es war sehr, sehr schlimm»: Mord nach 25 Jahren vor Gericht

Die Leiche wurde 1996 am Rand einer Kiesgrube entdeckt, der Unbekannte war brutal getötet worden. Die Ermittlungen liefen über 20 Jahre ins Leere, der Fall war zwischendurch ein «Cold Case». Am ersten Tag des Mordprozesses geht es vor allem um das Opfer.

Dienstag, 20.04.2021, 15:12 Uhr aktualisiert: 20.04.2021, 15:22 Uhr
Eine Justitia-Statue im Gegenlicht.
Eine Justitia-Statue im Gegenlicht. Foto: Arne Dedert

Aachen (dpa) - «Es war sehr, sehr schlimm dadurch, dass er nicht mehr da war», sagt die 31 Jahre alte Frau im schwarzen Hosenanzug gefasst. Die Zeugin ist die Tochter des getöteten Mannes, um dessen Schicksal es auch geht im Aachener Landgericht. Sie war sieben Jahre alt, als der damals 43 Jahre alte Wohnmobil-Händler aus Würselen bei Aachen vor bald einem Vierteljahrhundert von einem Tag auf den anderen verschwand. Wegen Mordes sitzt seit Dienstag ein 51 Jahre alter Mann auf der Anklagebank des Landgerichts.

Der Deutsche aus dem Raum Aachen soll 1996 zusammen mit einem später gestorbenen Komplizen den 43-Jährigen ermordet haben. Damit habe das Duo in den Besitz von 5000 Mark kommen wollen, sagte Staatsanwalt Boris Petersdorf in der kurzen Anklageverlesung. Sie sollen das Opfer grausam und aus Habgier getötet haben. Alleine 16 Schläge auf den Kopf wurden gezählt, ein Finger und ein Unterschenkel waren gebrochen. Die Tochter des Toten ist Nebenklägerin.

Der Mordfall war mehr als zwei Jahrzehnte ungeklärt, weil der im Dezember 1996 am Rand einer Kiesgrube am Niederrhein nördlich von Krefeld entdeckte Tote viele Jahre nicht identifiziert werden konnte. Die Ermittler prüften alle möglichen Spuren, ohne Erfolg. Der Fall «Sandkuhle» landete schließlich als ungeklärter «Cold Case» bei den Akten. Dann trug ein neues Phantombild des Opfers zur Identifizierung bei. Es wurde 2019 in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY...ungelöst» gezeigt.

Ein Anrufer meldete sich und sagte, er wisse, wer der Tote sei. Und er sagte auch, er wisse, wer den Mann umgebracht habe. Der Anrufer war der Bruder des 1997 bei einem Motorradunfall in der Türkei gestorbenen mutmaßlichen Mittäters. Diese Aussage ist wichtig für den Prozess. Das geht aus den Ausführungen des früheren Leiters der Krefelder Mordkommission, Gerhard Hoppmann, vor Gericht hervor.

Der inzwischen pensionierte Ermittler hält die Angaben für plausibel. Danach soll es schon früh Mitwisser der Gewalttat und deren Einzelheiten gegeben haben. Warum haben sie sich nicht gemeldet? «Die haben sich nicht getraut», sagt er. Der Zeuge soll noch gehört werden. Am vermuteten Tatort, der Wohnung des Mordopfers, fanden die Ermittler nichts. «Es ist unwahrscheinlich, dass Leichenspürhunde nach so vielen Jahren noch Spuren finden», sagt Hoppmann.

Der 51-jährige Angeklagte verfolgt den ersten Prozesstag regungslos. Seine Haare sind zum Zopf gebunden, er trägt eine schwarze Kapuzenjacke und Jeans. Eine Atemmaske verbirgt das Gesicht des Mannes, der ein karges Einkommen mit der Reparatur von Kaffeeautomaten hat. Auf den Hinweis des Vorsitzenden Richters Roland Klösgen, er könne nach jedem Prozessabschnitt eine Erklärung geben, sagt er nur: «Ja, okay, das habe ich verstanden».

Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in einem Nachbarort von Aachen waren im Nachttischschrank zwei Pistolen sowie Munition entdeckt worden. Auch Marihuana wurde gefunden.

Viele Zeugen hört das Gericht, um Licht in die vor fast einem Vierteljahrhundert begangene Tat zu bringen. Die Lebensgefährtin des Angeklagten hat nach eigenen Worten keine dunklen Andeutungen über dessen Vergangenheit gehört: «Er hat Autos repariert», berichtet sie. Ein Bekannter sagt angesichts des Mordvorwurfs: «Wir sind aus allen Wolken gefallen». Immer wieder fragt der Vorsitzende Richter nach. «Weil ich auch ein bisschen im Nebel stochere», wie er sagt.

Das Opfer, der Wohnwagen-Händler, hatte hohe Schulden. Der Vater zweier Kinder hatte den Unterhalt nicht bezahlt. Seine Familie wollte eine Vermisstenanzeige erstatten, aber das gelang nicht. Man vermutete, er habe sich ins Ausland verdrückt. Mit ihm verschwanden sein VW-Bus und Schäferhund «Rex».

Der Ermittler sagte, dass der entlegene Ort zur Ablage der Leiche wohl ausgesucht wurde, damit der Tote nicht schnell identifiziert werden konnte. Der mutmaßliche Mittäter habe dort seine Kindheit verbracht. Zwischen dem Fundort und dem vermuteten Ort der Tötung im Haus des Opfers liegen rund 100 Kilometer.

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