Auftakt der Kulturkarte 2017: Musik-Kabarettist Matthias Ningel begeistert in Rosendahl mit „Jugenddämmerung“
Wenn die Eltern-App den Dienst einstellt

Rosendahl. Ein unglaublich jung aussehender, schlaksiger Lockenkopf schlurft mit leicht verwirrtem Blick in den Raum, schaut sich um und legt gleich los am Klavier, fordert mit dem Lied „Macht das Smartphone aus“ das Publikum dazu auf, die Sinne zu schärfen und das Konzert im Herzen und nicht auf einem digitalen Speicher zu bewahren. Eine pointierte, pfiffige Einführung, allerdings besteht bei dem Rosendahler Publikum eine eher geringe Gefahr, aufs Handy gebannt zu werden, gehört es doch altersmäßig in die Generation seiner Eltern oder Großeltern. Und so, liebevoll den Nachwuchs auf seinem Weg ins Erwachsenenleben begleitend, reagiert es auch auf den 29-jährigen Kabarettisten Matthias Ningel, der mit seinem Programm „Jugenddämmerung“ genau diese Probleme gezielt aufs Korn – besser aufs Klavier – nimmt.

Donnerstag, 26.01.2017, 18:09 Uhr

Auftakt der Kulturkarte 2017: Musik-Kabarettist Matthias Ningel begeistert in Rosendahl mit „Jugenddämmerung“ : Wenn die Eltern-App den Dienst eins...
Da staunte selbst der Kabarettist: 220 Zuschauer an einem Abend in der Woche, das beeindruckte Matthias Ningel. Foto: az

Mit fast 30 dämmert dem jungen Mann nämlich so manches, vor allem, dass die beste App von allen, die Eltern, mitteilen, die Dienste zum Ende des Monats einstellen zu wollen. Ein echtes Problem, wohnt doch, wie Ningel lapidar feststellt, „jedem Anfang ein Zaudern inne“. Eigene Wohnung, Beruf, Enkel, da kommen ganz schöne Anforderungen auf ihn zu, eine Lösungsstrategie ist dringend geboten.

Und so seziert er mit Witz und Ironie die Welt seiner wenig entscheidungsfreudigen Generation, die, statt sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, vor Serien abhängt, statt mit Freunden um die Häuser zu ziehen im „Online-Stream ertrinkt“ und beim Thema Partnerwahl auf Tinder zurückgreift, da „fühlt sich flirten an wie shoppen“.

Dass Ningel 2016 die Kabarett-Bundesliga, bei der der Sieger durchs Publikum gekürt wird, gewonnen hat, liegt sicher in der Kombination von bissig formulierten Texten mit wunderbar vielschichtigen, stimmungsvollen Eigenkompositionen, die von einer überbordenden Musikalität künden, begründet. Nach kurzen Zwischenmoderationen, in denen er sich auch immer wieder schlagfertig dem Publikum zuwendet, geht es zurück ans Klavier, die Finger fliegen über die Tasten und er singt über „Quality-Time“ oder „Bodybuilding“, verweigert sich dem Kaufrausch und stimmt eine Hymne auf seinen Uralt-Pullover an, der Spuren seines ganzen Lebens trägt, eine Konstante in der schnelllebigen Welt, schwärmt vom Landleben oder outet sich als Kavalier der alten Schule.

In seinen Wortbeiträgen hängt er seiner alten Liebe Ilona nach oder schlüpft in die Rolle seines verhassten ehemaligen Klassenkameraden Rolf, der es geschafft hat, mit 30 Frau, Job und Geld vorweisen kann, macht aber ganz klar, das ist nicht sein Lebensentwurf, seine „work-life-balance“ soll nicht in Richtung „work“ kippen, er braucht einen Platz zum Wohlfühlen – vielleicht in der Eifel , oder in Rosendahl .

Am Ende eines unterhaltsamen, vielseitigen Programms steht ein wunderbar melancholisch-nachdenkliches Lied über die Jugend, die wie ein süßer Vogel sei, „der stürmisch voller Freiheitsdrang die Flügel schwinge.“

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4586947?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947623%2F
Nachrichten-Ticker