Rosendahl
Opferrolle hinter sich gelassen

Holtwick. Wenn Karin Gottheil auf ihr bisheriges Leben zurückblickt, kann sie immer wieder über sich selbst staunen. Denn die 54-jährige Holtwickerin hätte nicht geglaubt, dass es einmal eine solche Wende in ihrem Leben geben würde. Und nie hätte sie es für möglich gehalten, einmal mit ihrem Erfahrungsbericht „Mein wundervolles Spastik-Buch“ zu einer Autorin zu werden. Ihr Buch ist jetzt erschienen.

Sonntag, 30.12.2018, 16:03 Uhr aktualisiert: 31.12.2018, 08:36 Uhr
Rosendahl: Opferrolle hinter sich gelassen
Karin Gottheil (Jahrgang 1964) aus Holtwick hat ein Buch über ihr Handicap geschrieben: „Mein wundervolles Spastik-Buch“. Foto: Manuela Reher

Karin Gottheil wird 1964 als Spastikerin geboren, das heißt, dass es Einschränkungen in ihren Bewegungsabläufen gibt. „Doch anfangs hat niemand in meiner Familie etwas Ungewöhnliches daran gefunden“, erinnert sich Karin Gottheil. „Ich habe erst spät das Laufen gelernt, hatte Probleme mit den Händen“, berichtet sie und fügt hinzu: „Meine Eltern haben mich zum Glück nicht in Watte gepackt. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“

Doch als sie eingeschult worden ist, habe ihre Lehrerin sie stets auf ihre Behinderung hingewiesen. So seien auch ihre Eltern gedrängt worden, etwas gegen die „Krankheit“ zu unternehmen. Es sei nach der Ursache geforscht worden. Eine frühkindliche Hirnblutung oder ein viel zu hoher Cholesterinspiegel seien genannt worden.

Schließlich sollten die Symptome bekämpft werden. In einer Klinik in Sendenhorst ist der Elfjährigen die Achilles-Sehne verlängert worden, sodass sie fortan besser laufen können sollte. „Das war schrecklich“, erinnert sich Karin Gottheil. Sie habe sich stets als Opfer gefühlt. Sie habe oft darüber nachgedacht, was sie alles nicht konnte – im Vergleich zu ihren Klassenkameraden und zu anderen „gesunden“ Menschen. „In dieser Zeit und auch später hat sich viel Wut angestaut“, erinnert sich die Holtwickerin.

Nach ihrem Hauptschulabschluss mit Qualifikation hat Karin Gottheil eine Ausbildung als Bürokauffrau in Maria Veen gemacht. Später hat sie als Projekt-Sachbearbeiterin bei einer Krankenkasse gearbeitet. Seit ihrem 19. Lebensjahr hat sie sich im Behindertensport im Sportverein DJK Eintracht Coesfeld-VBRS engagiert und sich als Übungsleiterin für die Belange von Menschen mit Handicap eingesetzt.

Vor sechs Jahren hat Karin Gottheil drei Spezialistinnen kennengelernt: eine Heilpraktikerin, eine Persönlichkeitstrainerin und eine Physiotherapeutin, die sie liebevoll „ihre Begleiterinnen für Körper, Geist und Seele“ nennt. „Physiotherapie fand ich während all der Jahre schon immer blöd. Warum soll ich mir weh tun?“, denkt sich Karin Gottheil zunächst. Immer hätten ihr persönliches Handicap und ihre vermeintliche Abweichung von der Norm im Vordergrund gestanden. Sie habe die Wut über sich selbst an anderen Menschen ausgelassen. Sie habe sich nach der Zeit zurückgesehnt, als sie noch ganz jung gewesen ist. „Meine Familie hat mich stets so akzeptiert, wie ich bin – ohne Wenn und Aber. Ich fühle mich in meiner Familie sehr geborgen.“

Doch dann sei sie als Erwachsene in ihrem Leben zum ersten Mal gefragt worden, was sie überhaupt in ihrem Leben möchte, erinnert sich die Holtwickerin. Sie hätte diese Welt manchmal am liebsten verlassen. „Das Gespräch mit meinen Spezialistinnen ist der Wendepunkt gewesen“, erinnert sich die damals 48-Jährige. Sie begibt sich fortan auf den Weg zu einem völlig neuen Bewusstsein. „Ich habe angefangen zu sehen, was ich kann – und nicht, was ich nicht kann.“

Und dieses neue Bewusstsein habe ihr auch den Weg gezeigt, dass es darauf ankommt, dankbar zu sein – dankbar für das Leben, das man hier auf Erden führen dürfe. Die Familienbildungsstätte bittet Karin Gottheil, im Erzählsalon von dem Tag zu berichten, der ihr Leben veränderte. Die Holtwickerin nimmt die Einladung an, spricht vor 80 Zuhörern und ist sich danach ganz sicher, einen neuen Weg einzuschlagen. Sie setzt ihre Idee um, mit Unterstützung der Autorin Annette Piechutta ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben.

„Für alle Menschen, die mich nicht als Behinderte, sondern immer als Karin gesehen haben“, lautet die Widmung des Buches. Das Titelbild hat sie selbst gemalt. Es zeigt eine Welle des Ozeans, die hochschwingt und wieder abebbt. „Das ist meine Spastik“, sagt Karin Gottheil. „Doch wenn man das Bild dreht, sieht die Welle wie ein Engel aus, der mich immer beschützt“, fügt sie hinzu.

Dann erinnert sie sich besonders an ihre Oma, die ihr als Kind die Engel nahegebracht hat. „Das hat mich geprägt“, sagt die 54-Jährige, die auch mit dem Malen von sogenannten Energie-Bildern begonnen hat, was für sie ein weiteres Ventil sei, um ihr Handicap zu verarbeiten. „Ich male mit dem Herzen“, sagt sie. Und jedes kleine Energie-Bild versieht sie auf der Rückseite mit einem Delfin. „Der ist für mich ein Symbol für Freiheit“, betont Karin Gottheil.

Sie möchte mit ihrem Buch anderen Menschen mit einem Handicap Mut machen. Und es sei nicht ausgeschlossen, dass noch ein weiteres Buch folge.

7 „Mein wundervolles Spastik-Buch“ ist im Verlag AAVAA erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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