Rosendahl
„Begegnungen sind wichtiger denn je“

Rosendahl. Seit 2016 betreibt die Sekundarschule Legden Rosendahl einen regen Austausch mit einer Schule in Putten in den Niederlanden. Dementsprechend wird das Thema Europa an der Schule groß geschrieben und gelebt. Unser Redaktionsmitglied Leon Seyock hat sich mit Lehrerin Claudia Ostermeier, die den Austausch unter anderem leitet, über die gegenseitige Bereicherung, die Bedeutung von Europa und über Erfahrungen ausgetauscht.

Samstag, 25.05.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 25.05.2019, 14:02 Uhr
Rosendahl: „Begegnungen sind wichtiger denn je“
Wie wichtig der gegenseitige Austausch und das Kennenlernen der Kulturen aus dem Nachbarland ist, wissen neben Claudia Ostermeier auch die Schüler von der Sekundarschule und aus dem niederländischen Putten, die einige Tage in Deutschland und in den Niederlanden gemeinsam verbracht haben. Foto: Schule

Was ist der Grundgedanke hinter dem Austausch mit einer niederländischen Schule?

Claudia Ostermeier: In diesem Jahr führen wir den Austausch zum vierten Mal durch. Wichtig dabei ist zum einen das Anwenden der im schulischen Kontext erworbenen Fremdsprachenkenntnisse. Dabei müssen sie non-stop Englisch reden. Das ist was anderes, als nur wenige Stunden im Unterricht. Englisch ist eine Sprache, mit der ich mich in ganz Europa verständigen kann und deshalb ist das Beherrschen umso wichtiger. Zum anderen ist die Erweiterung des Erfahrungshorizontes, das Hineinschnuppern in das Leben in einem anderen europäischen Land und der Abbau von Vorurteilen genauso wichtig.

Wie wird der gemeinschaftliche Gedanke während der gemeinsamen Tage gelebt? Und welche Aktionen werden organisiert, um die Gemeinschaft zwischen den Nationen zu stärken?

Ostermeier: Der Europagedanke wird vor allem durch gemeinsame Aktionen gestärkt. In beiden Ländern organisieren wir sportliche Aktivitäten oder wir kochen gemeinsam mit landestypischen Zutaten. Die Schüler werken und feiern auch zusammen. Die Unterbringung in den Familien der Austauschpartner bietet ein direktes Erleben des Alltags im anderen Land.

Warum profitieren die Schüler von einem Austausch, bei dem sie das Leben im europäischen Ausland kennenlernen?

Ostermeier: Dadurch, dass die Schüler das Nachbarland intensiver kennenlernen als beispielsweise bei einem kurzen Shopping-Trip, bauen sie Vorurteile ab. Sie können die eigenen Erwartungen an unsere Nachbarn mit der Realität vergleichen. Sie machen die Erfahrung, dass vieles ähnlich, vieles trotz der geographischen Nähe aber auch anders ist, so etwa der Schulalltag, die Schulausstattung, Fächer, Unterrichtszeiten, Mahlzeiten, Familienleben oder auch die Königsfamilie mit eigenem Feiertag. An diesen Unterschieden erkennen die Schüler, dass nicht alles in Deutschland besser ist und wir durchaus vom Nachbarland lernen können, es aber auch Bereiche gibt, die bei uns angenehmer sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ostermeier: Ganz simpel: Unsere Schüler bewundern die tolle Ausstattung der Partnerschule; die Niederländer müssen aber trotz des Ganztages abends noch Hausaufgaben erledigen.

Was bedeutet der Austausch für die Persönlichkeit der Schüler?

Ostermeier: Für viele unserer Schüler ist der Schritt, sich auch nur für wenige Tage aus dem gewohnten Umfeld zu verabschieden und in einer völlig neuen Umgebung allein und in einer anderssprachigen Familie zurechtzufinden, ein großer. Denn es erfordert Mut. Das ist dann für die Schüler also Grenzüberschreitung im mehrfachen Sinne.

Was ist Ihre persönliche Meinung zum Thema Europa und zur anstehenden Wahl?

Ostermeier: Für mich als Tochter zweier Kriegskinder ist es keine Plattitüde, Europa als Friedensmodell zu bezeichnen. Für meine Generation ist die Tatsache, dass wir seit über 70 Jahren in Frieden leben, nicht selbstverständlich! Das Bewahren des Friedens ist nach wie vor zentrale Aufgabe von Erziehung und Schule. Das Thema Europa ist deshalb wichtiger Bestandteil des Unterrichts an unserer Sekundarschule.

Welche Rolle spielt da Ihre Austausschule?

Ostermeier: In Putten wurden im Oktober 1944 von der Wehrmacht 660 Männer in Konzentrationslager deportiert, 540 kamen dort um. Wenn sich dort 75 Jahre später junge Deutsche und Niederländer treffen, um für einige Tage die Lebensweise des anderen kennenzulernen, ist dies durchaus symbolträchtig.

Haben Sie auch Bedenken angesichts des rechts- oder linkspopulistischen Drucks?

Ostermeier: Wenn man sich den Brexit oder die angstmachenden, populistischen Tendenzen in vielen Ländern anschaut, ist der europäische Gedanke gefährdet. Europäische Begegnungs-Projekte wie der Austausch mit Putten oder auch die Jugendbegegnungen des Rosendahler Partnerschaftsvereins sind wichtiger denn je. Viele Jugendliche begreifen, dass sie die riesigen Probleme unserer Zeit nur gemeinsam angehen können. Einige Schüler haben sich zum Beispiel an den Fridays-for-Future-Demonstrationen in Münster engagiert. Das macht Hoffnung. Für ein gemeinsames Europa wählen zu gehen, ist für mich ein absolutes Muss und eine Selbstverständlichkeit.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6638515?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947623%2F
Nachrichten-Ticker