Die aktuelle Situation in der Landwirtschaft
Der Segen von oben fehlt

Rosendahl. An den letzten Regenschauer kann sich Ortslandwirt Hendrik Deitert noch genau erinnern. „Zwölf Liter kamen runter. Erst nachmittags und dann abends noch mal ein wenig“, sagt er. Dass Deitert das noch so genau im Kopf hat, hat einen traurigen Hintergrund.

Samstag, 10.08.2019, 12:00 Uhr
Die aktuelle Situation in der Landwirtschaft: Der Segen von oben fehlt
Klären über das aktuelle Geschehen in der Landwirtschaft auf: (von links) Franz-Josef Schulze Baek, Berthold Abbenhaus (Vorsitzender des LOV), Helmut Wernsmann (Oldtimerfreunde), Tobias Fleige (LOV), Margret Wiechert-Kersting (LOV), Hendrik Deitert (Ortslandwirt), Friedhelm Graute, Paul Wernsmann (beide Oldtimerfreunde) und Luca Schulze Averdiek (LOV). Foto: Leon Seyock

Denn Regen ist – genau wie im vergangenen Jahr – auch in diesem Sommer wieder Mangelware. „Auch kurze Schauer helfen nur, die trockene Zeit zu überbrücken“, erklärt Tobias Fleige vom Landwirtschaftlichen Ortsverein (LOV). Dabei könnte der Boden rund 200 bis 300 Liter auf den Quadratmeter vertragen, gestreckt über einen größeren Zeitraum, vermutet Helmut Wernsmann von den Oldtimerfreunden, die die Landwirte unterstützen.
Dabei sah es zu Beginn des Jahres noch ganz ordentlich aus. „Die ersten beiden Grünlandernten waren sehr gut“, blickt Luca Schulze Averdiek vom LOV zurück. Die dritte sei dann schon schlechter gewesen, „und beim vierten Schnitt hat uns das Wetter gepflegt einen Strich durch die Rechnung gemacht“, wirft Berthold Abbenhaus, Vorsitzender des LOV, ein. Die Konsequenz: Das Futter für die Wintermonate reicht nicht aus – die Landwirte müssen nach der Getreideernte noch einmal Grün aussäen. „Und das Saatgut ist im Moment doppelt so teuer als sonst“, seufzt Abbenhaus. Auch hier steuert Angebot – Nachfrage den Markt. „Und ich will nicht den Anblick im Stall erleben, bei dem die Kühe mir sagen ,Bauer ich hab’ Schmacht’“, sagt er.
Zufriedenstellend sei hingegen die Getreideernte. Ende Juli haben die Landwirte die Drescharbeiten abgeschlossen. Die Qualität der Ernte sei ordentlich, „auch wenn die Körner teilweise ziemlich klein geblieben sind“, sagt Margret Wiechert-Kersting vom LOV. Nun richten die Landwirte ihre Blicke auf den Mais. „Was der Mais jetzt macht, liegt weiterhin am Wetter“, sagt Luca Schulze Averdiek. Früh ausgesäter Mais habe noch die besten Chancen, denn dieser konnte früh genug tiefe Wurzeln schlagen – als es noch feuchter war. „Unser Vorteil ist auch, dass wir hier in der Region schwere Böden haben. Diese speichern das Wasser etwas besser als sandige“, sagt Schulze Averdiek. Schwieriger sei es bei Maispflanzen, die auf einer Fläche wachsen, auf denen vorher schon Feldgras stand – denn dementsprechend trocken sind die Böden bereits. Neben der aktuellen Trockenheit fehle außerdem immer noch der Niederschlag aus dem vergangenen Jahr. Und das setzt nicht nur den aktuellen Beständen auf den Feldern zu, sondern auch dem Wald.

Der Wald kann nicht mehr.

Margret Wiechert-Kersting (LOV)

„Der Wald kann nicht mehr“, sagt Margret Wiechert-Kersting. „Die Situation ist katastrophal.“ Immer mehr Buchen fallen trocken – Flachwurzler haben bei andauernder Trockenheit keine Chance. Neben den ausbleibenden ergiebigen Niederschlägen kommt noch hinzu, dass den Wäldern von Stürmen im Spätwinter und auch durch den Borkenkäfer zugesetzt wird. „Der Wald steht stark unter Druck. Vor allem die Fichte wird hier keine Zukunft haben“, sagt Wiechert-Kersting. Denn besonders auf diese Bäume hat es der Borkenkäfer abgesehen. Ist ein Wald erst einmal befallen, entstehe ein „Domino-Effekt“, wie Abbenhaus beschreibt. Der Wind schneidet immer weitere Schneisen in den Wald hinein – dazu schälen sich die Bäume mittlerweile wegen der Trockenheit und der Borkenkäfer frisst sich in die Bäume. So hat Wiechert-Kersting bereits einen kompletten Wald abholzen müssen, der nun wieder aufgeforstet werden soll – was mit hohen Kosten verbunden ist. „Das Thema Wald wird uns noch viele Jahre weiterhin beschäftigen“, prophezeit Abbenhaus. „Es ist eine Herausforderung, den Wald wieder so hinzubekommen, wie er einmal war“, macht er deutlich. Monokulturen werde es auf Dauer nicht mehr geben, Mischwälder seien die Lösung für die Zukunft.

Die Blühstreifen sind für die Bienen, nicht für die Vase.

Helmut Wernsmann (Oldtimerfreunde) ist verärgert darüber, dass einige Menschen die Blumen auf den Blühstreifen für den eigenen Gebrauch abschneiden

Ein Lächeln ins Gesicht der Landwirte zaubern allerdings die Blühstreifen. Wenn auch erst spät – aber angegangen sind sie. Es summt und brummt in und über den kunterbunten Pflanzen, die an Wegesrändern von den Oldtimerfreunden ausgesät wurden. Bis in den Herbst hinein können sich Mensch und Tier daran erfreuen. Landwirt Franz-Josef Schulze Baek hat quer durch eines seiner Maisfelder einen Streifen gezogen. „Rund 1200 Quadratmeter Bienenweide sind das“, sagt er. Auch dort herrscht reger Flugbetrieb.
Ohne Regen dürften aber auch diese Pflanzen nicht mehr lange blühen. Der Segen von oben ist dringend nötig – der Natur und den Landwirten wäre es zu wünschen.

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