Reisebüros fühlen sich in der Corona-Krise doppelt bestraft
„Wir werden für unsere Kunden da sein“

Gescher. Für viele Geschäfte wird die Corona-Krise und deren Auswirkungen zu einer harten Belastungsprobe. Manche Mitbewerber, zum Beispiel in der Reisebranche, halten in dieser schweren Zeit zusammen – wie Annette Dülker von der Glockenstadt Reisen GmbH und Rita Lanfer vom Reisebüro „Ihre Urlaubsplaner“ in Gescher. Sie standen gemeinsam für ein Interview zur Verfügung, das unser Redaktionsmitglied Manuela Reher mit ihnen geführt hat.

Donnerstag, 26.03.2020, 12:34 Uhr
Reisebüros fühlen sich in der Corona-Krise doppelt bestraft: „Wir werden für unsere Kunden da sein“
Die Reisebüros in Gescher stehen in schweren Zeiten – wie jetzt in der Corona-Krise – zusammen: Annette Dülker (l.), Fabian Dülker (Glockenstadt Reisen) und Rita Lanfer (Ihre Urlaubsplaner). Foto: az

Zu welchem Zeitpunkt sind Ihnen erstmals die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Reisebranche klar geworden?

Dülker: Mit Ausbruch der Corona-Krise in China, spätestens jedoch Ende Februar, Anfang März hat sich in der Reisebranche ein zurückhaltendes Buchungsverhalten seitens der reiselustigen Kunden gezeigt. Die führenden Reiseveranstalter haben daher erstmalig am 1. März 2020 den Kunden angeboten, eine Buchung zu generieren und diese, je nach Auswirkung (Corona) bis 30. April 2020 kostenfrei zu stornieren.

Welche Reisebeschränkungen gibt es aktuell?

Lanfer: Es gibt eine weltweite Reisewarnung. Der größte deutsche Reiseveranstalter, die TUI, hat ihr operatives Geschäft bis zum 23. April 2020 eingestellt. Das bedeutet, aktuell kann bei diesem Veranstalter keine Reise gebucht werden.

Haben Sie Kontakt zu Reisenden, die jetzt an einem Urlaubsort festsitzen und deren Rückreise sich schwierig gestaltet?

Dülker: Wir haben täglichen Kontakt zu gestrandeten Urlaubern, die sich aktuell noch im Ausland befinden. Sowohl besorgte Angehörige hier vor Ort als auch die Gäste aus den Zielgebieten kontaktieren uns und fragen, welche Möglichkeiten es für sie gibt, zurück nach Deutschland zu kommen. Leider ist in vielen Zielgebieten die Kommunikation zwischen Urlaubern und Vertretern der Veranstalter vor Ort nur schleppend oder einfach nicht gegeben. Hier zeigt sich, dass es gut ist, verlässliche Reisebüro-Partner, mit Glockenstadt Reisen und „Ihre Urlaubsplaner“ vor Ort in Gescher zu haben, die in dieser Situation den Kunden als Krisenmanager zur Verfügung stehen. Hier wird dafür gesorgt, dass die Kontakte zwischen Kunden und Airline zustande kommen. Wir helfen den Kunden vor Ort dabei, in dieser schwierigen Situation, Infos zu erhalten, auf den Airline-Listen eingetragen zu sein, damit sie ihren Rückflug nach Deutschland antreten können.

Wann haben Sie Ihre Reisebüros für den Publikumsverkehr schließen müssen?

Lanfer: Da wir sowohl die Verantwortung für unser Teams als auch für unsere Kunden haben, um diese zu schützen, wurden unsere Büros am 17. März für den Publikumsverkehr geschlossen. Wir sind aber weiterhin für unsere Kunden telefonisch oder per Mail erreichbar und beantworten, soweit es uns möglich ist, die Fragen der besorgten Kunden.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die Situation?

Dülker: Es sind außergewöhnliche Situationen für uns alle. Da sowohl die Urlaubsplaner als auch Glockenstadt Reisen telefonisch oder per Mail erreichbar sind, haben die Kunden Verständnis für die Situation. Die Kunden sind oftmals sehr dankbar, dass sie vor Ort persönliche Unterstützung und Betreuung erfahren. Anders als der Online-Kunde, der oftmals mit seinen Problemen allein gelassen wird. Hier zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, kompetente Ansprechpartner vor Ort zu haben.

Ist es aktuell überhaupt möglich, jetzt eine Reise für die Sommerferien zu buchen?

Lanfer: Grundsätzlich ist es möglich, eine Buchung unter Vorbehalt bei diversen Veranstaltern zu platzieren.

Gibt es Hilfen, auf die Sie zurückgreifen können?

Dülker: Das Problem ist schnell erklärt: Der Kunde soll, bei Pauschalreiserecht, bei abgesagten Reisen den gezahlten Reisepreis in voller Höhe zurückerstattet bekommen. Eine gute Regelung für den Kunden. Das Problem der Reisebüros und damit auch für unsere Unternehmen ist, dass wir unsere Leistungen bereits weit im Voraus durch Beratung und Buchung zu hundert Prozent erbracht haben. Wir werden für diese Leistungen vom Veranstalter in Form einer Provision bezahlt. Durch die Erstattung des vollen Reisepreises erlischt auch für den Veranstalter die Verpflichtung zur Zahlung der Provision ans Reisebüro. Die Folge für die Reisebüros: Sie müssen für geleistete Arbeit, die vor Monaten bereits erbracht ist, an den Veranstalter Geld zurückzahlen, und es kommen aktuell keine neuen Buchungen herein. Daher hoffen wir, wie viele andere Unternehmen auch, auf Hilfe von der Bundesregierung.

Wie beurteilen Sie Ihre aktuelle Situation?

Lanfer: Fair ist das nicht. Sobald Reisen seitens des Veranstalters storniert werden (wegen Corona oder Reisewarnung), entfällt aktuell unser Anspruch auf Provisionen für diese abgesagten Reisen. Obwohl auch wir unseren Beitrag als Vermittler der Reisen geleistet haben: Beratungsgespräche geführt, Angebotserstellung vorgenommen, Buchung von diversen Zusatzleistungen wie zum Beispiel Sitzplatzreservierungen vorgenommen, Ausflugsprogramme vor Ort zusammengestellt, Kundenwünsche und vieles mehr weitergeleitet haben, gehen wir aktuell leer aus. Dennoch hält es uns nicht davon ab, auch morgen wieder in unsere Büros zu gehen und für unsere Kunden da zu sein.

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