Coesfeld
Nachhilfe im Fußball-ABC

Dienstag, 15.06.2010, 00:00 Uhr

-uh- Coesfeld. Auf die beiden Hochglanzmagazine stürzen sie sich mit riesigem Interesse. Maximilian (12) blättert begeistert in "Le Foot". Max (13) schnappt sich die aktuelle Ausgabe von "Football" und staunt:. "Da ist ja Ribéry!" Auf dem Titel ist der kleine Ballzauberer großformatig abgebildet. Aber nicht im rot-weißen Bayern-Dress, sondern im strahlenden Blau der "Équipe tricolore", wie die französische Nationalmannschaft, die einst Welt- und Europameister war, in ihrer Heimat gerufen wird. Maryse Hörnemann, eine gebürtige Französin, hat ihren Spaß. Max und Maximilian auch. "Meine Aufsteiger", sagt sie und lacht, "beide haben den Sprung von der Realschule aufs Gymnasium geschafft." Was, bitte schön, heißt denn Aufsteiger auf Französisch? "Promu", antwortet die Leiterin des Nachhilfestudios "lernen leicht gemacht", die ihren ehrgeizigen Schützlingen in diesen Tagen auch einige Fußball-Fachbegriffe in ihrer Landessprache beibringt. "Passend zur WM in Südafrika", erklärt die Frankreich-Expertin, die noch vor einem Jahr am Gymnasium Marienhiller in Maria Veen unterrichtet hat, "das finden die Jungs gut. Auch bei meinen Erwachsenenkursen kommt so was gut an." Ja, da hören alle aufmerksam zu. Eine kleine Auswahl gefällig? Bitte schön: "Les Bleus" sind die Blauen. Das ist noch einfach. Schwieriger wird´s beim Fußball-ABC: Schiedsrichter ist "arbitre", Rote Karte heißt "carton rouge", Ecke ist "corner" und Elfmeter "penalty", wie im Englischen, Abseits bedeutet "hors jeu". Mit ihrer desaströsen Vorstellung in ihrem Auftaktspiel gegen Uruguay haben sich die Franzosen selbst ins Abseits gestellt. Sie logieren zwar im "Pezula Resort", einem sündhaft teuren Hotel mit Golfplatz und Privatstrand am indischen Ozean, einem der luxuriösesten Quartiere aller WM-Nationen, haben aber die mieseste Stimmung weit und breit. Wie immer vor Turnieren. Und was macht Raymond Domenech? O-Ton Maryse Hörnemann: "Rien." Nichts. Monsieur schweigt sich aus. Ist er so arrogant, wie er tut? "Bien sûr", antwortet Madame Hörnemann, die in Paris aufgewachsen ist und seit fast 20 Jahren in Coesfeld lebt, "dieser Trainer ist eine veritable Katastrophe." Kaum einer kann ihn leiden. "Die Franzosen", weiß sie, "würden ihn am liebsten auf den Mond schießen" Sur la lune et sans billet de retour. Ohne Rückfahrkarte. Bonjour tristesse! Die "Grande Nation" trägt Trauer. Auf die glorreichen Zeiten mit dem WM-Triumph im eigenen Land anno 1998 und dem EM-Titel 2000 folgte zunächst eine lange Dürre und dann noch mal ein Aufbäumen in Deutschland 2006, als Frankreich überraschend ins WM-Finale einzog. Dort verabschiedete sich Superstar Zinedine Zidane, den sie liebevoll "Zizou" rufen, mit einer Kopfnuss gegen den Provokateur Marco Materazzi vorzeitig aus einem Match, das von den Italienern letztendlich verdient mit 2:0 gewonnen wurde. Danach ging es bergab mit dem peinlichen Aus als Gruppenletzter bei der EM 2008, der unrühmlichen WM-Qualifikation und dem skandalösen Handspiel von Thierry Henry im Play-Off-Spiel gegen Irland. "Dafür", gibt Maryse Hörnemann ehrlich zu, "haben sich viele Franzosen geschämt." Diesem Tor, das keines war, verdanken sie, dass sie überhaupt dabei sind in Südafrika, wo ihnen wegen der skandalösen Begleitumstände nur wenig Sympathien geschenkt werden. Frankreich hat eine Mannschaft ohne Esprit und ohne Fortüne. "Die Kritiker haben sich längst auf Raymond Domenech eingeschossen", berichtet Maryse Hörnemann, die jeden Abend ab 20 Uhr auf "France 2" die französische Nachrichten verfolgt, "sie möchten ihn lieber heute als morgen loswerden." Nach der WM muss er ohnehin seinen Hut nehmen. Adieu! Auf Nimmerwiedersehen. Laurent Blanc, Abwehrchef beim WM-Sieg 1998, tritt seine Nachfolge an, wie die Verbandsspitze bereits kund getan hat. Aber noch hat Monsieur Domenech das Kommando. "Deshalb habe ich auch ein sehr schlechtes Gefühl", fürchtet Maryse Hörnemann ein neues Waterloo, "vielleicht fliegen wir schon in der Vorrunde raus." C´est possible. Durchaus möglich. "Spätestens im Achtelfinale ist Schluss." Max, einer ihrer Schüler, drückt es etwas eleganter aus. "Frankreich", bemerkt er mit schelmischem Grinsen, "kommt garantiert nicht so weit wie Deutschland." Darauf würde er sogar Wetten abschließen. "Stimmt", wiederholt Maximilian, "denn die Franzosen haben keine tolle Mannschaft." Oh la la. Nach der enttäuschenden Nullnummer gegen Uruguay treffen sie morgen auf Mexiko und nächsten Dienstag auf Gastgeber Südafrika. Wer wird denn "champion du monde"? Wer wird Weltmeister? "Argentinien", tippt Max, "wäre schön, wenn wir Deutschen ins Halbfinale vorrücken oder sogar bis ins Finale." Doch ein wenig Skepsis schwingt in seinen Worten mit. "Ob es fürs Endspiel reichen wird, weiß ich nicht", meint Maximilian, "ich schau´s mir an! Wenn Deutschland spielt, sitzt bei uns sowieso die ganze Familie vorm Fernseher." Bei Max, ein treuer Anhänger von Schalke 04, ist es ähnlich. "Mein Papa ist Fußball-Fan", verkündet er stolz, "und ich natürlich auch." Drum ist die Flimmerkiste daheim in den nächsten drei Wochen besetzt. Da haben die Mama und seine Schwester Lisa schlechte Karten. Der Bildschirm bei den Hörnemanns läuft auch heiß. "Mein Mann ist fußball-verrückt", klagt die Hausherrin, "unsere Jüngste hat sich anstecken lassen." Sie ist jedoch ein wenig traurig. Warum? "Weil ihr ,Mischi` nicht dabei ist." Michael Ballack, ihr Lieblingsspieler, muss verletzungsbedingt passen. Den Deutschen traut sie den großen Coup nicht zu. Den Franzosen allerdings auch nicht. Doch ganz so miserabel wie Ex-Star Eric Cantona, Chefkritiker von Raymond Domenech, sieht sie die Lage ihrer Landsleute nicht. "Domenech", tobte Cantano, "ist der schlechteste Teamchef seit Louis XIV." Was sich 1789 ereignete, ist allseits bekannt: Die Revolution brach aus, der König verlor seinen Kopf, das Volk gewann seine Freiheit. Dass ihm ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte, muss Domenech nicht befürchten. Dennoch bleibt er "un pauvre mec", ein armer Kerl, der nichts zu lachen hat. 0 Fernsehtipp: Morgen, 20.30 Uhr (ZDF), Frankreich - Mexiko, Polokwane, Peter-Mokaba-Stadion.

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