Coesfeld
Bitter macht lustig, aber nicht schnell

Coesfeld. Das Angebot klang sehr verlockend. „Junge Frau, wollen Sie einen Kümmerling?“ Froh gelaunt reichte ihr ein Zuschauer mitten auf der Strecke den allseits bekannten Kräuterlikör in dem unverwechselbar eckigen Fläschchen. Nadine Knaak (28), eine von 12 263 Aktiven, die am Paderborner Osterlauf teilgenommen haben, schaute verdutzt und sagte dann, weil sie gut erzogen ist: „Danke fürs Angebot! Sehr nett, doch heute lieber nicht.“ Bitter macht lustig, aber nicht schnell.

Montag, 22.04.2019, 21:25 Uhr aktualisiert: 23.04.2019, 06:44 Uhr
Coesfeld: Bitter macht lustig, aber nicht schnell
Nicht aus Schokolade: Nadine Knaak mit ihrer Osterlauf-Medaille. Foto: az

Die alte Bischofsstadt glich bisweilen einer Partymeile. Thomas Liedel (50) staunte Bauklötze, wie dort die Post abging. „Die Leute saßen mit nacktem Oberkörper vor den Häusern, knallten sich das Bier rein und hatten teilweise drei Promille im Kessel“, schilderte er seine Eindrücke beim Halbmarathon über 21,1 km, „ich kam mir vor wie beim Karneval.“

Heiß war nicht nur die Stimmung in und um Paderborn, heiß waren auch die Temperaturen an Karsamstag, als die vieltausendköpfige Menge nach dem Startschuss Punkt 15 Uhr loslief. Wolf-Dieter Poschmann, der jahrelang das Aktuelle Sportstudio moderiert hatte, sprach als Ansager von „gefühlt 50 Grad“ und mahnte zur Vorsicht: „Bloß nicht zu schnell anlaufen – und trinken, ganz viel trinken.“ An Kurz und Lang, Kümmerling und Pilsken, hatte der stets lustige „Poschi“, früher selbst ein Läufer der Extraklasse und anno 1975 strahlender Sieger bei Deutschlands ältestem Straßenlauf, allerdings nicht gedacht.

Thomas Liedel und Nadine Knaak wissen um die gnadenlos tolle Atmosphäre. „Paderborn find ich gut“, sagt er. „Paderborn macht Laune“, meint sie und lacht. Vater und Tochter teilen ihr Hobby. „Laufen“, betont der Herr Papa, „ist für uns die schönste Sache der Welt.“ Beide haben in diesem Herbst noch ein großes Ziel vor Augen: den Münster-Marathon am 8. September.

Nadine Knaak feiert dort ihre Premiere. „Mein allererster Marathon“, erzählt sie. „Wir laufen gemeinsam“, hat Vater Thomas ihr hoch und heilig versprochen, wohl wissend, „dass sie sonst gar nicht gestartet wäre“. Er lobt ihre Kämpfer-Qualitäten: „Nadine ist wie ein Wadenbeißer, lässt nie locker, gibt immer hundert Prozent!“

Auch in Paderborn, beim dritten Halbmarathon in ihrer jungen Laufkarriere, hat sie sich durchgebissen. Ihre Endzeit lautet zwei Stunden, 16 Minuten und 30 Sekunden. „Sooo langsam war ich noch nie“, erklärt Nadine Knaak, „das war echt zu warm.“ Thomas Liedel stimmt ihr zu: „Mein Wetter war’s auch nicht.“ Auf den zwei 10-km-Runden, die sie zurücklegen mussten, wollte ihm ein Anwohner was Gutes tun. „Der Kerl hat mir den Wasserstrahl aus seinem Gartenschlauch direkt ins Gesicht gehalten“, klagt er, „als Brillenträger ist das richtig klasse.“ Liedel, der als Fußball-Fan fortlaufend über die Spielstände in der Bundesliga („Die standen da auf einer Tafel und wurden ständig aktualisiert“) informiert wurde, kam nach 1:50:01 Stunden ins Ziel. Müde und geschafft.

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