Coesfeld
Im Laufschritt durch Paris

coesfeld. Die Rolltreppe der Metro-Station Franklin D. Roosevelt fährt steil nach oben, es ist rappelvoll. Sonntagmorgen, knackig-kalte Temperaturen, zwei Grad über Null, die Menschen drängen sich aneinander. „Paris s’éveille“, scheppert der 68er-Hit von Jacques Dutronc, einer der großen französischen Chansonniers, aus einem uralten Transistorradio, „Paris erwacht.“

Donnerstag, 25.04.2019, 06:10 Uhr
Coesfeld: Im Laufschritt durch Paris
Ein Traum in Rot: Torsten Koch mit dem Finisher-T-Shirt von Paris. Foto: az

Bonjour! Auf der Champs-Élysées pulsiert das Leben. Torsten Koch, 39, blickt kurz auf den Arc de Triomphe, den Triumphbogen, ein gewaltiges Monument, das Kaiser Napoléon I. nach der Schlacht von Austerlitz 1806 erbauen ließ. Dann schweift sein Blick weiter auf die Massen. „Schau mal, die vielen Läufer“, sagt er und staunt: „Wahnsinn.“ Sarah, 35, seine Gattin, meint lachend: „Du müsstest jetzt dein Gesicht sehen!“

Torsten Koch, Marathon-Debütant aus Lette, ist hin und weg. Seine Startnummer 63 346 hat ihm seine Ehefrau geschenkt. „Heimlich hab’ ich ihn angemeldet“, erzählt sie mit einem strahlenden Lächeln, „er wusste nichts davon, es war eine Überraschung.“ Ihr Mann grinst: „Und die ist dir gelungen.“ Vor Weihnachten hat sie den Paris-Marathon gebucht und am Valentinstag die frohe Nachricht kundgetan. Warum gerade Paris? O-Ton Sarah Koch: „Das ist doch die Stadt der Liebe!“ Und nicht nur das: Paris ist auch „la plus belle ville du monde“, wie die Einheimischen gern betonen, die schönste Stadt der Welt.

Die Champs-Élysées, der viel besungene Boulevard im 8. Arrondissement, hat sich am Marathon-Tag fein herausgeputzt. Im teuren „huitième“, wo monatliche Mieten von mehr als 1 000 Euro pro Quadratmeter normal sind, ist immer was los. Hier locken die Avenue Georges V, die Avenue Montaigne und die Rue du Faubourg St-Honoré mit den berühmten Modeschöpfern der Nation. Und hier tummeln sich jährlich Tausende von Lauf-Touristen, die die bekannte Allee bevölkern, die lange, leicht abschüssige Startgerade beim Paris-Marathon, einer der großen Frühjahrsklassiker, der stets überlaufen ist. 60 000 Marathonis aus 135 Nationen haben die Startgebühr überwiesen. Ausverkauft, meldet Wochen vorm Lauf die Amaury Sport Organisation (A.S.O), die sich auf das Management spektakulärer Sport-Events spezialsiert hat. Rien ne va plus! Nichts geht mehr. 49 155 stehen schließlich vorm Triumphbogen. Mittendrin statt nur dabei: Torsten Koch, Küchenmeister von Beruf und Hobbyläufer aus Passion („Vor sieben Jahren hab’ ich angefangen“), einer von über tausend Deutschen, die diese anstrengende Sightseeing-Tour in Angriff nehmen. Nicht bequem im Doppeldecker-Bus, nein, im Laufschritt, ganz sportlich!

Nach dem Startschuss, den Anne Hidalgo, „Madame la Maire de Paris“, Frau Bürgermeisterin, abfeuert, schlängelt sich die riesige Marathon-Menge wellenförmig wie ein bunt bemalter Lindwurm durch ein Open Air-Museum mit zahllosen Sehenswürdigkeiten: Place de la Concorde, Louvre, das weltweit meistbesuchte Kunstmuseum mit der Mona Lisa, dem Ölgemälde von Leonardo da Vinci, Hôtel de Ville, Bastille, Château de Vincennes, Notre-Dame, die Kathedrale auf der Île de la Cité, die von einem verheerenden Feuer heimgesucht wurde, Grand Palais, Invalides und natürlich La Tour Eiffel, der Eiffelturm, ein „monument historique“, ein geschichtliches Meisterwerk der Bauingenieurskunst.

Wunderschön ist der Kurs, allerdings auch recht anspruchsvoll. Torsten Koch wird lange von den Anfeuerungsrufen der Zuschauer getragen, 250 000 säumen die Straßen. „Läuft prima“, ruft er seiner Frau zu, die mit der Metro einige markante Punkte aufsucht, um ihn anzufeuern. „Keine Bange“, beruhigt er, „ich halte durch.“

Aber bei km 35 kommt der Mann mit dem Hammer, wie es bei den Läufern heißt, wenn die Beine plötzlich bleiern werden, und gibt ihm kräftig eins auf die Mütze. Torsten Koch wird der Stecker gezogen: „Jetzt geht nix mehr!“ . Er schleppt sich müden Schrittes durch den Bois de Boulogne, die grüne Lunge von Paris, bis zur Avenue Foch, die breiteste Straße Europas, die ein wenig Patina angesetzt hat, aber alljährlich schick gemacht wird, wenn die Kapitale ihren Marathon mit allem Zipp und Zapp zelebriert.

Der Puls rast, die Lunge hämmert, das Herz pocht. Noch hundert Meter, dann ist die Nr. 63 346 im Ziel. „War das ein Lauf“, sagt der Marathon-Novize und kippt Wasser in sich hinein, Becher um Becher. Dann sprudelt er los: „Ich war beim zweitgrößten Marathon der Welt live dabei.“ Allein New York hat noch mehr Masse zu bieten. „Nur schade, dass ich nicht unter vier geblieben bin.“ Vier Stunden, eine Minute und drei Sekunden ist er unterwegs gewesen. „Die vier pack’ ich in Berlin.“ Dann startet er wieder. „Das ist sicher“, tönt Koch und greift feste zu, als ihm eine fesche Französin die Medaille in die Hand drückt.

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