Coesfeld
300 Kilometer im Rennsattel

Coesfeld. Es ist kalt in Motola, eine Stadt in der Provinz Östergötland. Punkt 19 Uhr fällt der Startschuss. Alle zwei Minuten werden nun 50 Fahrer auf die Reise geschickt. 20 000 Teilnehmer, darunter eine starke Kolonie aus Deutschland, sind gemeldet für die Vätternrundan, eine fast 300 km lange Rundfahrt in Schweden, die längste weltweit. Per Drahtesel führt die Strecke im Uhrzeigersinn einmal rund um den Vätternsee. Rennräder, teure High-Tech-Maschinen, werden bestaunt. Tourenräder sind auch zu sehen, sogar ein Tandem. E-Bikes sind indes verpönt und ausdrücklich verboten.

Samstag, 29.06.2019, 12:39 Uhr
Coesfeld: 300 Kilometer im Rennsattel
Drei harte Burschen (von links): Rüdiger Stenzel, Bernd Schüttert-Lüxmann und Andreas Spork haben die längste Rundfahrt der Welt geschafft. Foto: az

Motolo im Ausnahmezustand. 22 Uhr ist es schon. Rüdiger Stenzel (51), Bernd Schüttert-Lüxmann (54), die beiden Letteraner, die ziemlich beste Freunde sind, und „Schüttis“ Kumpel Andreas Spork (48), ein Tischlermeister aus dem Siegerland, warten ungeduldig auf ihren Einsatz. 22.06 Uhr ist es soweit. Endlich! Mit einem Motorrad vorneweg verlassen sie spät abends im Pulk den Hafen von Motola. Nervös wie vor der ersten Tanzstunde brettert Schüttert-Lüxmann drauflos. „Hey, Schütti“, ruft ihm Stenzel zu, „willst du einen 40er-Schnitt fahren?“ Meine Güte, mit seinen hundert Kilo Kampfgewicht haut „Schütti“, das Kraftpaket, in die Pedalen, als wolle er im Alleingang die Coesfelder Heide zu Kleinholz verarbeiten.

Schon bald wird er ruhiger. „Es ist immer wieder das Gleiche“, sagt er dem Neuling Andreas Spork, der seine Premiere bei diesem Klassiker feiert, „am Anfang haust du rein wie ein Verrückter, doch dann sagst du dir: Lass mal gut sein, die Nacht wird noch hart, verdammt hart.“ Viermal ist „Schütti“ diese Wahnsinnstour mitgefahren, genauso häufig wie „Sticke“ Stenzel.

Das ist jetzt ihre fünfte Teilnahme. Und beide sind noch so begeistert wie beim ersten Mal. „1993 war ich mit den Triathleten hier, unter anderem mit Wolfgang Kemmerling, Eugen Rensing und Jürgen Bertels“, blickt Lokführer Schüttert zurück. „Und ich bin 2007 zusammen mit Mark Ostendarp gestartet und dann noch dreimal in Serie: 2008, 2009 und 2010“, erzählt Stenzel, Geschäftsführer beim Stadtsportbund Bochum, „die Atmosphäre ist einfach geil.“

In der Mittsommernacht sitzen die Leute auf Klappstühlen am Straßenrand und klatschen wie wild. Mitten in der Pampas grüßen urplötzlich zwei Angler mit Bierdosen in der Hand. Andreas Spork, der Debütant, staunt Bauklötze. „Ist das immer so?“, will er wissen. „Na klar“, lacht „Schütti“, „pass mal auf, was an den Verpflegungsstationen los ist.“

Nach 47 km, im Örtchen Ödeshög, gönnt sich die Dreier-Bande, die per Fähre mit ihrem Wohnmobil von Travemünde nach Trelleborg übergesetzt ist, die erste Pause. Blåbärssoppa wird gereicht, die berühmte schwedische Blaubeersuppe. „Muss man probiert haben“, betont Stenzel. „Absolut lecker“, bestätigt Schüttert-Lüxmann und bestellt eine zweite Portion. Auch Spork haut rein. Weiter geht’s.

In Jönköping folgt die zweite Rast. 102 km haben sie in den Beinen. Zur Stärkung gibt’s Köttbullar, würzige Fleischbällchen mit einem Klecks Preiselbeerkompott. „Die Tour hat eine kulinarische Seite“, scherzt Stenzel und schnappt sich ein paar saure Gurken, „zu hause würd’ ich die nicht essen, aber hier sind die super.“

Frisch gestärkt steigt Stenzel auf sein Rad der Marke „Canyon“, das er 2008 gekauft hat. Schüttert-Lüx-manns Renner, ein Rose Pro SL, ist von 2006. O-Ton „Schütti“: „Ein uralter Schinken.“ Spork hat ein Speedbike mit geradem Lenker.

Die Temperaturen sind inzwischen auf acht Grad gesunken. „Wenn du fährst, ist alles okay“, weiß „Sticke“ Stenzel, „machst du Halt, frierst du dir den A…. ab.“ Damit haben alle zu kämpfen. „Ach, halb so wild“, wiegelt „Schütti“ ab, „du musst bloß gut essen, dann wird dir wieder warm.“

Morgens kurz vor fünf erreichen sie Hjo, die Holzstadt am Vätternsee. 171 km zeigt der Tacho. Mehr als die Hälfte sind geschafft. „O là, là! Lasagne zur Belohnung“, freut sich Stenzel und verputzt eine extra-dicke Ladung. „Du passt gleich nicht mehr aufs Rad“, meint Schüttert-Lüxmann. Spork grinst sich eins.

An der nächsten Station, in Karlsborg bei km 204, legen Schüttert-Lüxmann und Spork ihren vierten Stopp ein. Stenzel ist noch genudelt von der Lasagne und radelt weiter. „Ich hab’ gar nicht mitgekriegt, dass sie angehalten haben“, berichtet er später, „ich war auch gerade in einem D-Zug, der mich schön mitgezogen hat.“ Ohne seine beiden Wegbegleiter nimmt „Sticke“ die letzten 100 km in Angriff. Mühelos hält er das flotte Tempo. Elf Stunden und 14 Minuten lautet seine Endzeit. „Zieht man die Pausen ab, ist das ein 32er Schnitt.“ Sein Rekord liegt bei 10:06 Stunden, aufgestellt anno 2009 mit Mark Ostendarp, der wie er in den neunziger Jahren zu den besten deutschen Läufern zählte. Schüttert-Lüxmann und Spork finishen Seite an Seite in 12:20 Stunden. „Wir haben volle Kanne durchgezogen“, ist Spork hundertprozentig zufrieden, „spitzenmäßig!“

Die Vättern-Tour, ein Schweden-Happen über 300 km, ist für alle drei ein unvergessliches Erlebnis. „Das glaubt mir keiner“, ist Spork im Ziel hin und weg. „Schütti“ stimmt ihm zu: „Und gut gefuttert haben wir auch.“ Auf die Waage will er nicht steigen. Ist ja auch keine da. „Man sollte zumindest aufpassen, dass man angesichts des kalorienreichen Angebots nicht mit einer positiven Energiebilanz aus dem Rennen geht“, meint Stenzel mit einem Augenzwinkern.

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