Leichtathletik: Ingo Röschenkemper malt ein düsteres Szenario
Keine Wettkämpfe in Corona-Zeiten

Kreis Coesfeld. Der Sportkalender ist leer. Tote Hose! Die Leichtathleten sind gefrustet. Ihre Pause zieht sich wie ein Kaugummi, der nur noch fade schmeckt. „Das ist eine ganz, ganz magere Zeit“, sagt Ingo Röschenkemper, Vorsitzender im Kreis-Leichtathletikausschuss, „ich glaube, das wird auch noch länger so bleiben. Außer einzelnen Events aus dem Spitzensport wird es vorerst keine Wettkämpfe geben. Er , prophezei: „Darauf müssen wir uns wohl einstellen.“

Donnerstag, 15.04.2021, 07:45 Uhr aktualisiert: 15.04.2021, 07:50 Uhr
Leichtathletik: Ingo Röschenkemper malt ein düsteres Szenario: Keine Wettkämpfe in Corona-Zeiten
Fragen über Fragen: Ob der Coesfelder Citylauf, eines der Highlights im Münsterland, am 9. Oktober ausgetragen wird, steht in den Sternen. Ingo Röschenkemper (Foto links oben), Vorsitzender im Kreis-Leichtathletikausschuss, kann keine Prognose abgeben. In der Corona-Krise ist das schwer. Foto: az

Auch bei der Videokonferenz am vergangenen Wochenende, an der alle 29 Kreisvorsitzenden aus Westfalen teilgenommen haben plus 17 weitere Verbandsvertreter, gab es nichts Neues zu berichten, wie Röschenkemper mitteilte. „Die Resonanz war sehr gut“, staunte er, „aber das ist eben der Vorteil solcher Konferenzen: Da muss keiner aus dem tiefsten Westfalen, aus Siegen etwa, bei Glatteis nach Kaiserau anreisen.“ Weitreichende Entscheidungen wurden freilich keine getroffen. Vorerst sieht Röschenkemper kein Licht am Ende des Tunnels. „Abwarten, wie die Politik entscheidet“, mahnt er zu Geduld.

Die Münsterlandmeisterschaften, ein Höhepunkt in der Region, könnte nach 2020 möglicherweise ein zweites Mal ausfallen. „Der 30. Mai war eigentlich als Termin angedacht“, erzählt Röschenkemper, „Ausrichter wäre Lüdinghausen gewesen, wie bereits in der vergangenen Saison.“ Ob die Titelkämpfe in der zweiten Jahreshälfte stattfinden, wenn alle anderen Klubs ihre Meetings nachholen wollen, steht in den Sternen. „Union Lüdinghausen als Ausrichter hat signalisiert, dass man abwarten wolle, wie die Stadt reagieren wird.“ Keiner habe Planungssicherheit, keiner weiß heute, was morgen wird. „Für Lüdinghausen spricht die riesige Anlage“, nennt Röschenkemper den großen Vorteil, „da hätte man Platz genug.“ Ein Hygienekonzept müsste auch noch erstellt werden.

In jedem Fall wird das Event kräftig abgespeckt. „2019 waren 500 Aktive im Einsatz“, blickt er zurück, „am ersten Tag starteten die Erwachsenen und Jugendlichen, am zweiten Tag die Altersklassen U16 und U14.“ So ein Sportfest in dieser Größenordnung bekommt keiner mehr genehmigt, ahnt Ingo Röschenkemper, „darum werden wir die Münsterlandmeisterschaften entschlacken und an einem Tag durchführen. Vielleicht Ende August, kurz nach den Sommerferien.“ An den 30. Mai als Austragungstermin zu glauben, sei blanke Utopie, stellt er fest.

Die Flut an Absagen hält also an. Auch auf überregionaler Ebene: Die Deutschen Marathonmeisterschaften in Hannover (18. April) wurden genauso gecancelt wie die NRW-Langstreckenmeisterschaften in Rheine (24. April). Die Deutschen Langstreckenmeisterschaften in Mitweida/Sachsen (1. Mai) werden verlagert. Ein Ersatzort wird gesucht.

Noch stehen die NRW-Meisterschaften in Recklinghausen (16. Mai) und die Westfälischen U16-Blockwettkämpfe (30. Mai) in der Datenbank, allerdings ohne den Namen des Veranstalters.

Probleme über Probleme. „Das fängt ja schon beim Training an“, erklärt Ingo Röschenkemper. „Bei einer Inzidenzzahl von unter 100 sind 20er-Gruppen in der Altersklasse 14 und jünger erlaubt. Allerdings zunächst nicht im Kreis Borken, wo die Inzidenzzahl deutlich höher war als im Kreis Coesfeld. Deshalb waren dort nur Zehnergruppen möglich. Zwischendurch lag Borken auch unter 100, müsste diese Marke jedoch sieben Tage beibehalten, um 20er Gruppen auf die Anlage zu lassen.“ Training wäre machbar, wenn Schnelltests eingeführt würden, wie im Februar bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund, als an zwei Tagen etwa 1000 Tests durchgeführt wurden, von denen kein einziger positiv war. FFP2-Masken und der nötige Sicherheitsabstand waren in der Helmut-Körnig-Halle für alle Anwesenden streng verbindlich, sodass das Hygienekonzept des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) erfolgreich aufgegangen ist.

Nur: Wer soll das bezahlen? „Auf Kreisebene nicht realistisch“, lautet Ingo Röschenkempers klare Antwort. „Selbst eine Münsterlandmeisterschaft mit Schnelltests bleibt im Bereich der Träumereien. Bei den derzeitigen Kosten für Selbsttests ist das für die Vereine unbezahlbar.“ In Zeiten von Corona sei es schon schwierig genug, den Breitensport zu fördern, um im nächsten Schritt neue Talente für den Spitzensport zu bekommen.“ Röschenkemper, selbst Trainer der LG Rosendahl, weiß, wovon er spricht. „Einmal die Woche trainiere ich mit den 14-Jährigen und Jüngeren.“ Knapp 20 Athleten treffen sich unter seiner Regie. „Die Älteren machen zu zweit was oder allein.“

Für seine Rosendahler Topathleten bietet er Einzeltraining an. Anika Schulze Kalthoff, die talentierte Hochspringerin mit einer Bestleistung von 1,68 Meter, gehört auch dazu.

Rein theoretisch sei es aktuell möglich, dass bei den älteren Jahrgängen mehrere Zweier-Teams im Stadion aktiv sind. „Immer vorausgesetzt, dass zwischen den Teams mindestens fünf Meter Abstand gegeben sind. Wenn die einen Hochsprung üben und die anderen Kugelstoßen, kommen sie sich nicht in die Quere“, nennt er ein Beispiel, wie es funktionieren kann, „bei den Fußballern ist es ähnlich.“

Aber in der Öffentlichkeit könnte natürlich ein falsches Bild entstehen. „In Dortmund hat es Ärger gegeben, weil sich ein paar Leute beschwert haben, warum so viele Athleten in der Halle trainieren“, berichtet er, „sie wussten nicht, dass Dortmund zu den DLV-Bundesstützpunkten zählt.“ Dort sind Kaderathleten privilegiert, sie genießen deutliche Vorteile gegenüber Otto Normalverbraucher.

Die Pandemie hat die Leichtathletik fest im Griff. „Wie es genau weitergeht, kann keiner vorhersagen.“ Wie alle anderen stochert Ingo Röschenkemper im Nebel! Dass über kurz oder lang Wettkämpfe in der Umbegung auf dem Programm stehen, kann er sich nicht vorstellen. „Frühestens nach den Sommerferien“, wagt Röschenkemper eine vorsichtige Prognose, „und wenn, dann mit begrenzten Teilnehmerfeldern.“ Kleinere Veranstaltungen seien denkbar, größere Events sind momentan kaum zu organisieren.

Für den Dülmener Nikolauslauf im Dezember und den Coesfelder Heidelauf im März gab es bereit ersatzweise virtuelle Läufe.

Ob der Coesfelder Citylauf wie vorgesehen am 9. Oktober über die Bühne geht? Ingo Röschenkemper zieht die Schultern hoch und mauert: „Kann ich jetzt noch nicht sagen!“ Als Prophet taugt er nicht, ansonsten würde er Lotto spielen und den Sechser mit Zusatzzahl tippen. „Es wird in jedem Fall ein riesiger Kraftakt werden, um in ‚normalen’ Zeiten alle Sportler, Trainer, Kampfrichter und andere Ehrenamtler wieder an Bord zu bekommen.“ Nichts ist mehr so, wie es einmal war.

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