Bayern-Bosse
Heftige FCB-Medienschelte: «Geht's eigentlich noch?»

«Polemisch», «unverschämt», «hämisch»: Den Münchner Bossen missfällt der Umgang mit dem FC Bayern und verdienten Profis in der aktuellen Krise. Rummenigge und Hoeneß sorgen mit Medienschelte für Aufsehen. Trainer und Mannschaft müssen in Wolfsburg Taten sprechen lassen.

Freitag, 19.10.2018, 17:26 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 19.10.2018, 17:21 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 19.10.2018, 17:26 Uhr
Gingen mit der Presse hart ins Gericht: FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (l) und Präsident Uli Hoeneß.
Gingen mit der Presse hart ins Gericht: FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (l) und Präsident Uli Hoeneß. Foto: Matthias Balk

München (dpa) - Beim FC Bayern gärt es. Nach vier sieglosen Spielen haben die Münchner Bosse vor dem als Wendepunkt erhofften Neustart beim VfL Wolfsburg mit heftiger Medienschelte für Aufsehen gesorgt.

In einer gemeinsamen Pressekonferenz beklagten Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Präsident Uli Hoeneß und Sportdirektor Hasan Salihamidzic einen Sittenverfall in der Fußball-Berichterstattung und kündigten energische Gegenwehr an, notfalls mit juristischen Mitteln.

«Heute ist ein wichtiger Tag für den FC Bayern, weil wir Ihnen mitteilen, dass wir uns das nicht mehr gefallen lassen», erklärte Rummenigge während eines denkwürdigen Auftritts im prall gefüllten Presseraum auf dem Vereinsgelände. «Wir werden uns diese hämische, herabwürdigende, faktische Berichterstattung nicht mehr bieten lassen», erklärte der 63-Jährige. Die Führungsspitze beklagt Unwahrheiten sowie «polemische» und «unverschämte» Kritik an verdienten Bayern-Spielern und auch an Bundestrainer Joachim Löw.

«Es ist an der Zeit, dass sich der wichtigste Club in Deutschland positioniert», sagte Hoeneß innerlich brodelnd. «Wir werden keine despektierliche und respektlose Kritik weiterhin akzeptieren.»

Auslöser für den Rundumschlag sei die Berichterstattung nach dem 0:3 der Nationalmannschaft in Holland gewesen, von der auch maßgeblich Bayern-Profis wie Manuel Neuer, Jérôme Boateng und Mats Hummels betroffen waren. Der Verein verurteile, «einen solchen Mann offenbar in dieser Art und Weise in Schutt und Asche zu reden», sagte Rummenigge zum lange verletzten Neuer, dem zuletzt aber sogar nach eigener Aussage «das Spielglück» gefehlt hatte.

Den Innenverteidigern Boateng (30) und Hummels (29) war vom TV-Experten Olaf Thon, einem ehemaligen Bayern-Profi, «Altherrenfußball» vorgehalten worden. «Geht's eigentlich noch?», fragte Rummenigge. Thon wies den Vorwurf der Polemik zurück. «Das war ja nicht unter der Gürtellinie», sagte er dem «Sportbuzzer» zu dem von ihm gewählten Vergleich.

Die Bosse übten den Schulterschluss mit den Spielern, die Aktion roch nach einem taktischen Ablenkungsmanöver. «Es scheint offensichtlich, dass man sich überhaupt keine Gedanken mehr macht über Werte wie Würde und Anstand», beklagte Rummenigge. Der 63-Jährige führte sogar Artikel 1 des Grundgesetzes an: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Rummenigges Eindruck ist: «Polemik scheint keine Grenzen mehr zu kennen. Das gilt für Medien, das gilt auch für Experten, und das gilt vor allen Dingen auch für Experten, die mal bei diesem Club Fußball gespielt haben.»

Verbale Grenzen werden bisweilen überschritten. Doch die Wortgewalt eines Uli Hoeneß konterkariert die selbst erhobenen Vorwürfe. Der Präsident hat zuletzt öfter überzogen, ob gegen Mesut Özil («Dreck gespielt») oder den Leverkusener Profi Karim Bellarabi, dessen Foul am Münchner Abwehrspieler Rafinha er «geisteskrank» genannt hatte.

Der 66-Jährige führte das auf die Emotionalität unmittelbar nach einem Spiel zurück. «Das hätte ich nicht sagen sollen», räumte Hoeneß ein. Dem im Sommer verkauften Außenverteidiger Juan Bernat bescheinigte er jedoch zuvor, im Champions-League-Spiel gegen den FC Sevilla in der Vorsaison «einen Scheißdreck» gespielt zu haben.

Sportdirektor Salihamidzic empörte sich, dass ihm ohne Grund eine fehlende Rückendeckung für Trainer Niko Kovac unterstellt worden sei. «Wir müssen uns nicht öffentlich ein Küsschen geben. Die Bundesliga ist keine Dschungelshow», sagte der Sportdirektor.

«Wir suchen die Schuld für die vergangenen Spiele nicht bei den Medien», versicherte Rummenigge. Man hinterfrage intern alles, ergänzte Hoeneß. Trotzdem herrscht spürbare Nervosität an der Säbener Straße. Thon und auch Ex-Bayern-Profi Lothar Matthäus, die sich als Experten angesprochen fühlen durften, werteten die Aktion der Bosse als strategisches Krisen-Manöver. «Das war nun ein Zeichen, dass man hinter der Mannschaft steht, ein Appell an den inneren Zusammenhalt», sagte Matthäus der «Bild»-Zeitung: «Der erste Schritt kam von den Bossen, der zweite muss nun von den Spielern folgen.»

Diese erhalten jene Rückendeckung, die der eine oder andere Star zuletzt seitens der Vereinsführung vermisst hatte. «Wir haben von 2012 an eine fast sechsjährige Dauerparty gefeiert», erinnerte Rummenigge: «Es wird der Eindruck vermittelt, nachdem wir über eine gewisse Zeit da oben geschwebt haben, dass dieser Moment wunderbar genutzt werden soll, um den FC Bayern auf ein Normalmaß zu stutzen.»

Nach der Medienschelte des FC Bayern hat der Deutsche Journalisten-Verband dazu aufgerufen, nicht vor den Bossen des Rekordmeisters zu kuschen. «Wie Journalisten über den Fußballclub, die Spiele und die Verantwortlichen des Vereins berichten, lassen wir uns nicht von der Chefetage des Vereins vorschreiben», sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. «Mir ist kein Gesetz bekannt, das uns zum Katzbuckeln vor dem FC Bayern München verpflichtet.»

«Möglichen juristischen Schritten der Fußballmanager können Journalisten gelassen entgegen sehen» sagte Überall weiter. Dass über den Verein kritisch berichtet werde, sei völlig angemessen. «Es ist Aufgabe der Medien, eine Pannenserie auch so zu nennen.»

In Wolfsburg sollen Trainer und Spieler am Samstag (15.30 Uhr) den Umkehrschub zünden. Zur Behebung der Ergebniskrise hält Kovac keine tiefen Eingriffe für nötig. «Man darf nicht alles auf den Kopf stellen, weil das purer Aktionismus ist», sagte der 47-Jährige, der vor den Bossen gesprochen hatte. «Das Quäntchen fehlt», glaubt Kovac. «Ich bin wirklich gut drauf», erklärte er zu seiner Gemütslage.

Kovac muss beweisen, dass er die richtigen Hilfsmittel in seinem Trainer-Baukasten hat. Zwei konkrete Mängel müssten behoben werden, um in den anstehenden vier Auswärtspartien in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal die Wende zu schaffen: «Wir müssen unsere Fehler hinten minimieren. Und vorne vorm Tor müssen wir die Chancen nützen.»

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