VfB Stuttgart
Angriff wird Eigentor: Hitzlsperger und VfB stark beschädigt

Der Machtkampf in der Clubführung belastet den VfB Stuttgart weiter schwer. Der Imageschaden, den der Angriff von Vorstandschef Thomas Hitzlsperger auf Präsident Claus Vogt verursacht hat, ist immens - und nach wie vor ist keine friedliche Lösung in Sicht.

Samstag, 09.01.2021, 10:45 Uhr aktualisiert: 09.01.2021, 10:50 Uhr
Hat plötzlich den Ruf des machtgierigen Spalters: Thomas Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart.
Hat plötzlich den Ruf des machtgierigen Spalters: Thomas Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart. Foto: Tom Weller

Stuttgart (dpa) - Wie kommen Thomas Hitzlsperger und der VfB Stuttgart aus dieser Nummer wieder raus? Etwas mehr als eine Woche ist es her, dass der Vorstandschef der ausgegliederten Profifußballabteilung auf den Präsidenten des VfB Stuttgart, Claus Vogt, in einem offenen Brief verbal einprügelte.

Der Gegenschlag folgte prompt. Zurückgeblieben sind etliche Wunden. Nicht nur bei den Protagonisten. Dass sie jemals ganz verheilen, scheint ausgeschlossen. Der Machtkampf steht auch vor dem Bundesligaspiel des VfB am Sonntag 10. Januar (15.30 Uhr/Sky) beim FC Augsburg im Fokus.

Hitzlsperger hat sein eigenes Ansehen vorerst deutlich mehr ramponiert als das von Vogt. In den sozialen Netzwerken und bundesweiten Medien reihte sich in den vergangenen Tagen eine negative Reaktion an die andere. Sogar die organisierten Fans des VfB, bei denen der Meisterspieler von 2007 bislang größtenteils äußerst beliebt war, kritisierten ihn für seine «ungebührliche Attacke» auf Vogt und forderten vom Club öffentliche Rückendeckung für den Präsidenten. Die hat es bis heute nicht gegeben.

Stattdessen machen unterschiedlichste Theorien die Runde, was den in seinem öffentlichen Auftreten sonst so smarten und rhetorisch geschickten Hitzlsperger zu seiner scharfen Kritik veranlasst haben könnte. Seine Rolle als TV-Experte hatte dem früheren Nationalspieler in den vergangenen Jahren viele Sympathien, sein Mut zum Coming-out reichlich Bewunderung und sein leidenschaftlicher Einsatz gegen Homophobie und Sexismus im Herbst sogar das Bundesverdienstkreuz beschert. Gefühlt überall war «Hitz», wie sie in Stuttgart nennen, ein gern gesehener Gast und Gesprächspartner.

Doch plötzlich hat der 38-Jährige den Ruf des machtgierigen Spalters. Schon seine Kandidatur für das Präsidentenamt an sich, deren rechtliche Gegebenheiten der VfB inzwischen von einer Anwaltskanzlei prüfen lässt, war brisant. Noch brisanter war aber die Schärfe, mit der Hitzlsperger seine Vorwürfe an Vogt formulierte.

Der Profilierungswunsch des 51-Jährigen bedrohe «die Existenz des ganzen Vereins», schrieb Hitzlsperger in seiner vierseitigen Anklage und verwies unter anderem auf «ausufernde Kosten» für die Aufarbeitung der Datenaffäre, die Vogt in die Hände einer externen Kanzlei gelegt hat. Der Präsident entgegnete tags darauf, dass diese Kosten durch eine Versicherung weitgehend gedeckt seien. Außerdem könne man «zu dem Eindruck kommen, dass es im und um den VfB Menschen/Personen gibt, die diese Aufklärung nicht wollen», schrieb Vogt. Weil es womöglich nicht nur um die angebliche Weitergabe von Mitgliederdaten an sich geht, sondern noch mehr dahinter steckt?

Spekulationen, Hitzlsperger habe sich bei seinem Frontalangriff instrumentalisieren lassen, gibt es längst. Das Vertrauen vieler Fans in ihn, bei dem sie den Club in guten Händen wähnten, und den ganzen AG-Vorstand scheint erschüttert. Fakt ist: Seit 2016 hat Hitzlsperger einen bemerkenswerten Aufstieg vom Beauftragten des Vorstands in der Schnittstelle zwischen Lizenzspielerbereich und Vereinsführung zum Vorstandschef und Sportvorstand in Personalunion hingelegt.

Das, was Hitzlsperger und Vogt via Twitter am vergangenen Wochenende zu erwecken versuchten, ist wohl nicht mehr als ein Scheinfrieden, der Ex-Profi steckt genau wie der Vereinsbeirat in der Klemme. Vogt wird seine Kandidatur für die für März geplante Präsidentschaftswahl mit ziemlicher Sicherheit nicht zurückziehen. Hitzlsperger könnte das zwar, in der aktuellen Konstellation aber bestimmt nicht mehr mit Vogt weiterarbeiten. Und der Beirat, der den oder die Kandidaten für das Votum der Mitglieder aussucht, kann bei seiner Auswahl fast nur daneben greifen. Der Imageschaden, den Hitzlspergers Schreiben verursacht hat, ist immens. Für den Club. Und auch für ihn selbst.

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