Vorfall bei Pokalspiel
Hertha: Torunarigha auf Schalke rassistisch beleidigt

Gelsenkirchen -

Beim DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen dem Berliner Haupstadtclub und Schalke 04 kommt es zum Eklat. Hertha-Profi Jordan Torunarigha soll von Zuschauern rassistisch beleidigt worden sein. Schalke reagierte mit deutlichen Worten.

Mittwoch, 05.02.2020, 14:20 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 14:57 Uhr
Herthas Jordan Torunarigha gerät mit Schalke-Coach David Wagner (l) aneinander.
Herthas Jordan Torunarigha (r.) soll beim Pokalspiel in Gelsenkirchen mit Affenlauten und rassistischen Beleidigungen bedacht worden sein. Bei dem jungen Spieler flossen auf dem Platz Tränen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Klar überwog die Freude im Schalker Lager über den Einzug ins Pokal-Viertelfinale, natürlich schwappte die Endorphin-Welle über den Siegtorschützen Benito Raman, der in der 115. Spielminute, also in der Verlängerung, das 3:2 erzielte und den Schalker Sieg nach 0:2-Rückstand gegen Hertha BSC perfekt gemacht hatte. Aber schon Minuten, nachdem der Kraftakt gebührend gefeiert worden war, senkte sich in den Katakomben der Arena das bleischwere Stigma eines unerhörten Vorgangs: Hertha-Abwehrspieler Jordan Torunarigha soll rassistisch beleidigt worden sein, Hertha-Kapitän Niklas Stark sprach von „Affenlauten“ von der Tribüne gegen den Deutsch-Nigerianer. Später bestätigte auch Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann diese Ungeheuerlichkeit.

„Unmenschlich und in jeglicher Form abstoßend”

Ausgerechnet auf Schalke: Hier, wo die Fans in bemerkenswerter Einigkeit für eine pluralistische, antirassistische Weltanschauung einstehen, ihrem eigenen Aufsichtsratsvorsitzenden wegen dessen berüchtigter Afrika-Rede die Rote Karte zeigten, war eine Grenze zum Unanständigen überschritten worden – mehr als ein Tabubruch. Aktuell läuft die Schalker „#stehtauf-Aktionswoche“ gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Die Reaktionen waren deutlich. Jochen Schneider redete Klartext: „Da gibt es null Toleranz“, sagte der Schalker Sportvorstand und nannte die derart auftretenden Rassisten im Publikum „Vollidioten“. Wie die von ihm angedrohten Maßnahme aussehen werden?

Von Seiten des Vereins gibt es null Toleranz für ein solches Verhalten. Wir werden alles dafür tun, dass wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ausfindig machen und mit Konsequenzen belegen. Ein solches Verhalten verstößt nicht nur gegen Stadionordnung, Leitbild und Satzung des FC Schalke 04, sondern widerspricht auch all unseren Werten. Wir werden mit Sanktionen reagieren und die Vorfälle auch entsprechend zur Anzeige bringen.

Statement des Schalke-Vorstands

Schalkes ehemaliger Spieler Hans Sarpei meldete sich bei Facebook zu Wort: „Schalke hat kein Rassismus-Problem. Schalke hat unter unzähligen herausragenden Fans ein Problem mit einzelnen Idioten, die die Menschenrechte mit solchen Äußerungen mit den Füßen treten.“ 

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Tränen und Platzverweis

Vielleicht schrammte Schalke, vielleicht sogar der deutsche Profifußball, an einer höchst gravierenden Konsequenz vorbei. Nationalspieler Stark, den auf dem Platz weinenden Torunarigha im Sinn, ließ an seiner Entschlossenheit jedenfalls nicht zweifeln. „Wenn er gegangen wäre, wäre ich mitgegangen. Sicher“, sagte Herthas Abwehrmann. „Sicher ist es sehr gewagt, geschlossen vom Platz zu gehen, wenn so etwas vorfällt. Aber es ist menschlich zutiefst abstoßend. Der erste Schritt nun ist, dass wir als Mannschaft hinter ihm stehen.“

Dortmund im Achtelfinale raus, Schalke weiter

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  • Enttäuschung in Schwarz-Gelb: Borussia Dortmund ist im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Werder Bremen ausgeschieden. Mit 2:3 unterlagen die Dortmunder.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Den Auftakt machte der erst in der Winterpause nach Bremen zurückgekehrte Davie Selke in der 12. Minute. Er verwandelte einen Abpraller zum 1:0 für die Hausherren.

    Foto: Carmen Jaspersen/dpa
  • Leonardo Bittencourt traf in der 30. Minute zum 2:0 für Bremen.

    Foto: Carmen Jaspersen/dpa
  • Der Schütze des sehenswerten Treffers wird von Teamkollege Selke gefeiert.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Doch in der zweiten Halbzeit kam Dortmund noch einmal zurück. Nach einer starken Vorarbeit von Julian Brandt (im Bild) traf der eingewechselte Stürmer Erling Haaland per Kopf zum 1:2 aus BVB-Sicht.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Nur drei Minuten später war der alte Abstand wieder hergestellt. Milot Rashica traf in der 70. Minute zum 3:1 für Bremen.

    Foto: David Hecker/dpa
  • In der Schlussphase wurde es dann sehr hektisch. Zunächst traf der ebenfalls eingewechselte Giovanni Reyna mit einem traumhaften Schlenzer in den Winkel zum 2:3, dann stand er im Mittelpunkt einer heiß diskutierten Szene: In der 78. Minute ging er nach einem Zweikampf im Strafraum zu Boden.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Anschließend knöpfte sich Bremens Kapitän Niklas Moisander den erst 17-Jährigen vor.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Schiedsrichter Guido Winkmann schaute sich die Szene noch einmal auf dem Videomonitor an und entschied weder auf Elfmeter noch auf Platzverweis, sondern zückte jeweils eine gelbe Karte gegen Reyna und Moisander. Eine Entscheidung, die BVB-Kapitän Mats Hummels im Anschluss kritisierte: „Wenn ich die Zeitlupe sehe, ist das Rot und Elfmeter. Ich weiß nicht, wie man zu einer anderen Entscheidung kommen kann.“

    Foto: Carmen Jaspersen/dpa
  • In der Schlussphase warf Dortmund noch einmal alles nach vorne. Doch Haaland scheiterte in der Nachspielzeit mit einem Kopfball an Werder-Torwart Pavlenka.

    Foto: David Hecker/dpa
  • Während sich der Dortmunder über die vergebene Chance ärgerte,...

    Foto: David Hecker/dpa
  • ...jubelten die Bremer, die in der Bundesliga im Abstiegskampf stecken, über ihren Einzug ins Viertelfinale.

    Foto: Carmen Jaspersen
  • Dortmunds Revierrivale gelang es hingegen, nach einem 0:2-Rückstand vor eigenem Publikum noch ins Pokal-Viertelfinale einzuziehen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Gegner Hertha BSC legte früh los: Pascal Köpke traf in der 12. Minute zum 1:0 für die Gäste aus Berlin.

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • In der 39. Minute wurde es noch besser für die Hauptstädter: Winter-Neuzugang Krzysztof Piatek schob nach einem Konter ein zum 2:0.

    Foto: Bernd Thissen
  • In der zweiten Halbzeit wurde Schalkes Daniel Caligiuri zur Hauptfigur. Zunächst traf er nach einem Solo zum 1:2 (76.), knapp fünf Minuten später legte er noch das 2:2 auf. Doch dann verdrehte er sich das Knie und musste verletzt vom Platz. Weil Schalke schon drei Mal gewechselt hatte, mussten die Königsblauen die 90 Minuten in Unterzahl zu Ende bringen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Torschütze zum Ausgleich war Amine Harit, der Hertha-Keeper Jarstein aus kurzer Distanz tunnelte.

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • In der Verlängerung wurde es turbulent: Nach einem Foul in der 100. Minute rutschte Herthas Jordan Torunarigha über die Außenlinie in Richtung der Schalker Trainerbank.

    Foto: Bernd Thissen
  • Der bereits verwarnte Innenverteidiger sah die Gelb-Rote Karte, weil er vor der Schalker Trainerbank eine Getränkekiste zu Boden schleuderte.

    Foto: Bernd Thissen
  • Nach Videobeweis zeigte Schiedsrichter Harm Osmers dann Schalkes Trainer David Wagner die Rote Karte. Er hatte dem Berliner aufgeholfen und in dabei in den Nackenbereich gefasst. Wagner konnte die Entscheidung nicht nachvollziehen: „Ich hab wirklich keinerlei Erklärung.“ Foto

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • In Überzahl gelang Schalke die Entscheidung: Benito Raman sprintete bei einem Konter den Berliner Verteidigern auf und davon und schob zum 3:2 ein (115. Minute).

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • Der Belgier hat in diesem Pokalwettbewerb schon drei Tore für Schalke erzielt – bei zwei Einsätzen.

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • Schalke bejubelte den Einzug ins Viertelfinale ausgelassen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Nach dem Spiel erhoben die Berliner Vorwürfe, dass der später vom Platz gestellte Jordan Torunarigha (r.) von Zuschauern rassistisch beleidigt worden sei. „Wir haben den Schiedsrichtern gesagt, dass sie den Jungen schützen müssen“, sagte Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann auf der Pressekonferenz.

    Foto: Bernd Thissen
  • „Ich bin da total bei Jürgen“, pflichtete Schalkes Trainer seinem Kollegen bei. „Wenn so Äußerungen getätigt werden, dass der Junge rassistisch beleidigt wurde, dann ist in der Regel da auch was dran. Ich selber habe es nicht gehört, nichtsdestotrotz möchte ich mich im Namen des FC Schalke 04 dafür bei dem Jungen und auch bei Berlin entschuldigen, weil wir alle wissen: Das gehört sich nicht.“

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • Zuvor gelang am Dienstagabend bereits Fortuna Düsseldorf der Einzug ins Viertelfinale. Nach 1:2-Rückstand besiegten die Rheinländer den 1. FC Kaiserslautern mit 5:2. Düsseldorfs Matthias Zimmermann traf zum zwischenzeitlichen 3:2.

    Foto: Thomas Frey
  • Eintracht Frankfurt siegte mit 3:1 gegen RB Leipzig.

    Foto: Uwe Anspach
  • Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann übte sich nach dem Pokal-Aus und angesichts des nächsten Auswärtsspiels in der Liga bei Bayern München in Galgenhumor: „Auf jeden Fall fahren wir nicht nach München und singen: Wir fahren nach Berlin.“

    Foto: Uwe Anspach

Torunarigha war anscheinend fest entschlossen, das Feld noch während des Spiels zu räumen. Dass ausgerechnet Schiedsrichter Harm Osmers das mit dem Zeigen der Gelb-Roten Karte (100.) nach einem höchst emotionalen Ausraster des Spielers nach einer Grätsche von Omar Mascarell besorgte, stieß bei Klinsmann auf völliges Unverständnis: „Wir haben die Schiedsrichter darauf (auf die Beleidigungen) hingewiesen. Da muss ich den Jungen doch auch schützen und als Schiedsrichter Fingerspitzengefühl beweisen.“

Und wenn wir dann sagen, wir kicken nicht weiter, dann kicken wir nicht weiter. Da hätte ich überhaupt kein Problem damit.

Schalke-Trainer David Wagner

Schalke-Trainer David Wagner, der Torunarigha nach eigener Aussage in der Szene aufhelfen wollte, sah von Osmers ebenfalls Rot. „Wenn der Beleidigungsvorwurf im Raum steht, ist da meistens was dran. Wir müssen uns bei dem Jungen und bei Hertha BSC entschuldigen“, sagte Wagner. „Am Ende müssten beide Mannschaften, beide Offizielle und der Schiedsrichter das mitbekommen. Und wenn wir dann sagen, wir kicken nicht weiter, dann kicken wir nicht weiter. Da hätte ich überhaupt kein Problem damit,“ betonte der Coach.

Schalkes Amine Harit nahm Torunarigha noch auf dem Platz in den Arm, streichelte ihm über den Kopf, spendete Trost. Benito Raman schilderte, der Herthaner habe „auf dem Platz geweint und wollte aufhören. Ich habe ihm Mut zugesprochen und gesagt, dass er weitermachen soll.“ 

Tore fielen übrigens auch.

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