Autoritärer Republikchef
«Hart wie Parmesan»: Ägypten zu Gast bei Putins Statthalter

Grosny als WM-Quartier? Schon im Vorfeld hat diese Wahl der FIFA viel Kritik ausgelöst. Ägypten zog dennoch dorthin. Herberge gewährt Ramsan Kadyrow. Tschetscheniens autoritärer Republikchef lässt sich gerne mit Fußballstars ablichten. Das hat Image-Gründe.

Freitag, 22.06.2018, 22:54 Uhr

Tschetscheniens autoritärer Präsident Ramsan Kadyrow (l) posiert mit Ägyptens Starstürmer Mohamed Salah (r).
Tschetscheniens autoritärer Präsident Ramsan Kadyrow (l) posiert mit Ägyptens Starstürmer Mohamed Salah (r). Foto: Uncredited

Grosny (dpa) - Ramsan Kadyrow hatte sie fast alle. Mit Diego Maradona, Lothar Matthäus, Ruud Gullit oder zuletzt Mohamed Salah ließ sich Tschetscheniens autoritärer Republikchef schon medienwirksam ablichten.

Viele frühere Fußball-Größen waren bereits beim Statthalter des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Grosny zu Gast. Während der WM in Russland beherbergt Kadyrow sogar ein ganzes Team, die Ägypter nämlich um Stürmerstar Salah. Auf die Idee, in der islamisch geprägten Teilrepublik im Nordkaukasus das Basisquartier aufzuziehen, kam sonst keine andere Mannschaft.

Kadyrow gefällt diese Offenheit. «Das Stadion brach in begeisterte Schreie aus, als der ägyptische und Liverpooler Stürmer Mohamed Salah und ich erschienen», schrieb er in einem sozialen Netzwerk, nachdem er in der vergangenen Woche mit Salah im Auto zum Auftakttraining ins Stadion von Grosny gefahren war.

Die ägyptische Nationalmannschaft nach Grosny zu holen, ist für den starken Mann in Tschetschenien ein gelungener PR-Schachzug. Denn so, wie sich Kremlchef Putin im Glanz der WM sonnt, will Kadyrow den schlechten Ruf seiner Herrschaft über das frühere Kriegsgebiet im Nordkaukasus mit guter Fußball-Stimmung aufpolieren.

Seit dem tödlichen Anschlag auf seinen Vater Achmat 2004 hält Ramsan Kadyrow die Zügel in Tschetschenien in der Hand. Kritiker werfen ihm vor, seine Macht auf Angst und Gewalt zu stützen. Menschenrechtler bringen ihn mit Mord, Folter und Entführungen in Verbindung.

Immer wieder fällt in Berichten zu prominenten Mordfällen das Wort Tschetschenien. Die Morde an der Journalistin Anna Politkowskaja 2006 und am Oppositionellen Boris Nemzow 2015 hatten auch im Westen große Wellen geschlagen. Und der Fall der tschetschenischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa, die 2009 umgebracht wurde, ist bis heute nicht aufgeklärt.

Die oppositionelle russische Zeitung «Nowaja Gaseta» sorgt sich offen um das Leben ihrer Mitarbeiter in Tschetschenien. Auch zuletzt kam die Teilrepublik kaum aus den Schlagzeilen: 2017 waren Berichte über die Verfolgung Homosexueller aufgekommen. Seit dem Frühjahr sorgt ein Prozess gegen den örtlichen Büroleiter der Menschenrechtsgruppe Memorial für Aufsehen, ihm wird Drogenbesitz vorgeworfen. Memorial hält dies für ein Manöver, um den Aktivisten mundtot zu machen.

Kadyrow zählt sein Tschetschenien zu den sichersten Orten der Welt. Für Komiker ist der bärtige Anführer mit seinem autoritären Auftreten ein gefundenes Fressen. Der Comedian Semjon Slepakow dichtete zur WM ein kritisches Lied, in dem er Kadyrow zum idealen Nationaltrainer stilisiert, der die Sbornaja mit einem Schreckensregiment zum Erfolg führt. «Ramsan, Ramsan, Ramsan, hart wie Parmesan», singt Slepakow zu Gitarrenakkorden. Kadyrow gefiel das sogar.

Der 41-Jährige fühlt sich sicher, denn er genießt den Rückhalt des Kremls. Als die USA Kadyrow im Dezember mit Sanktionen belegten, stellte sich Moskau demonstrativ hinter seinen Statthalter. Experten sagen, der Kreml habe den Kadyrow-Clan nach zwei verheerenden Kriegen gebraucht, um Ruhe und Ordnung zu schaffen.

Ruhe und Ordnung müssen auch die Ägypter angezogen haben. Tschetschenien habe eine muslimische Mehrheit und zudem biete Grosny gutes Wetter und beste Trainingsbedingungen, sagte Teammanager Ihab Lehita. Die Flugzeiten für die Ägypter zu den Gruppenspielen nach Jekaterinburg, St. Petersburg und Wolgograd sind jedoch beträchtlich.

Dass es Grosny überhaupt als Quartier-Option gab, hatte schon im Vorfeld für Kritik am Weltverband gesorgt. «Die Entscheidung der FIFA, Grosny als WM-Base-Camp zu nutzen, ist schockierend und empörend», sagte die Europa- und Asien-Direktorin von Human Rights Watch, Jane Buchanan. Die FIFA entgegnete gewohnt elastisch: «Wir haben derzeit keinen Grund zu der Annahme, dass die Entscheidung des ägyptischen Fußballverbandes, sein Basislager in Grosny zu haben, negative Auswirkungen auf die Menschenrechte haben wird.»

Warum sollte sie auch? Werbetafeln säumen die Straßen Grosnys, sie zeigen Salah und seine Teamkollegen. Das Auftakttraining der Ägypter ließen sich mehrere Tausend Fans nicht entgehen. Fußball ist eben ein tolles Vehikel, um Botschaften zu vermitteln.

Das hat auch Kadyrow begriffen. Im März 2011 lud er frühere Stars wie Matthäus oder Romario zu einem Benefizspiel ein. Jeder habe rund 215 000 Euro erhalten, berichtete die brasilianische Zeitung «Estado de São Paulo» ohne Quellenangabe. Viel Geld, gerade im verarmten Tschetschenien. Matthäus meinte: «Ich weiß von nichts. Ich bin nur dorthin gefahren, um an der Charity-Veranstaltung teilzunehmen.»

Der Brasilianer Raí räumte hingegen Antrittsgelder ein. «Ich schäme mich», sagte der Weltmeister von 1994. Kadyrow hatte behauptet, die Spieler seien aus Liebe zum tschetschenischen Volk gekommen.

Brasiliens früherer Kapitän Cafu rechtfertigte seine Teilnahme. «Wir haben ein Stadion eingeweiht, Punkt aus. Wo liegt das Problem, wenn der Kerl, der im Land das Sagen hat, mit uns spielt?», sagte er. «Wenn er ein Diktator oder kein guter Mensch ist, ist das nicht unser Bier.» Fußball habe ja nichts mit Politik zu tun. Fußball sei schließlich nur ein Sport. Und ein schöner dazu.

Das Spiel zwischen einem All-Star-Team um den deutschen Rekordnationalspieler Matthäus und einer Brasilien-Auswahl entschieden damals die Südamerikaner mit 6:4 für sich. Kadyrow schoss damals übrigens selbst zwei Tore.

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