106. Tour de France
Frankreich feiert Alaphilippe - Martin nicht belohnt

So lange ohne Sieg waren die Deutschen zuletzt 2011. Tony Martin kommt in eine Fluchtgruppe, kann dort aber nicht mithalten. Ganz anders die Franzosen: Sie bejubeln Gelb - und hoffen auf den Coup.

Sonntag, 14.07.2019, 18:25 Uhr aktualisiert: 14.07.2019, 18:28 Uhr
Julian Alaphilippe (l) verteidigte das Gelbe Trikot.
Julian Alaphilippe (l) verteidigte das Gelbe Trikot. Foto: Yorick Jansens

Brioude (dpa) - Direkt hinter der Zielline empfing Marcel Kittel seinen Freund Tony Martin nach einem tapferen Ausreißversuch, doch auch am neunten Tag gab es für die deutschen Radprofis nichts zu feiern. Stattdessen ging die große Radsport-Fete der Grande Nation am Nationalfeiertag weiter.

Als der südafrikanische Tagessieger Daryl Impey längst feststand, bestritt der gefeierte Julian Alaphilippe ganz gemütlich die letzten Kilometer nach Brioude auf seinem Rad und scherzte mit seinen Landsleuten. «Es ist unglaublich, dieses schöne Trikot zu tragen», sagte er.

Mit seiner erneut wilden Attacke hatte der Franzose sein Land bereits am Samstag beglückt und sich selbst zurück ins Gelbe Trikot gebracht. «Wenn man das Trikot hat, will man es nicht mehr hergeben», sagte Alaphilippe. Sein Tag in Gelb glich einer kleinen Triumph-Fahrt. Von einem «berauschenden Zustand» schrieb gar die Sport-Zeitung «L'Equipe».

Dank Publikumsliebling und Mitfavorit Thibaut Pinot dürfen die Gastgeber vom ersten Gesamtsieg seit 34 Jahren träumen. Am Samstag hatte das Duo den weiteren Favoriten mit einer mutigen Attacke einige Zeit abgenommen. «Die französische Allianz. Sie haben dem französischen Radsport Ehre erwiesen», schrieb die «L'Equipe». Auch der Sieg des Südafrikaners Impey konnte die Party in blau, weiß und rot nicht stoppen. Die deutschen Radprofis um Tony Martin, der als Letzter einer Ausreißergruppe 15. wurde, müssen nach neun Etappen weiter warten.

Nach einem kräftezehrenden Samstag ließen die Teams am Sonntag eine Fluchtgruppe um Zeitfahr-Spezialist Martin gehen, die sich schnell einen Vorsprung von zehn Minuten herausfuhr. Etwa 40 Kilometer vor dem Ziel wurde die Gruppe gesprengt, der Österreicher Lukas Pöstlberger riskierte ein Solo, wurde aber am Schlussanstieg eingeholt. Stattdessen siegte Impey im Sprint vor Tiesj Benoot und Jan Tratnik.

«Ich hatte keine Probleme in der Gruppe, aber im Finale war ich doch relativ müde. Es hätte definitiv nicht für ganz vorne gereicht», analysierte Jumbo-Visma-Profi Martin. Die Deutschen sind damit nach neun Etappen noch sieglos, das gab es seit 2011 nicht mehr - damals gewann André Greipel im Anschuss die 10. Etappe.

Früh überschattet wurde das neunte Teilstück von einem schweren Sturz des Italiener Alessandro De Marchi. Der Profi vom Team CCC stürzte nach wenigen Kilometern, lag zunächst regungslos auf dem Boden und wurde anschließend mit dem Krankenwagen abtransportiert. Er habe eine tiefe Risswunde im Gesicht davongetragen, schrieb sein Team später.

Einen weit harmloseren Abflug hatte Vorjahressieger Geraint Thomas am Samstag ohne bleibende Schäden und ohne Zeitverlust auf das Feld überstanden. «Das ist frustrierend», sagte der Waliser. «Wäre ich nicht gestürzt, hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Ausgang gehabt», mutmaßte er. So überholte ihn Mitfavorit Pinot im Gesamtklassement. «Ich bin in einer großartigen Form», sagte der Franzose nach dem Ausrufezeichen auf der Berg- und Talfahrt nach Saint-Étienne am Samstag.

Für die deutschen Profis läuft die Frankreich-Rundfahrt weiter ernüchternd. Emanuel Buchmann verbesserte sich zwar im Klassement auf Rang zehn, der erste Etappensieg lässt aber weiter auf sich warten. Nils Politt verpasste am Sonntag den Sprung in eine Ausreißergruppe, Martin war in der 15-köpfigen Gruppe letztlich chancenlos. Da passte es ins Bild, dass der 14-malige Etappensieger und einstige  Sprint-Dominator Marcel Kittel der Tour einen Besuch abstattete.

Der 31-Jährige nimmt derzeit eine persönliche Auszeit und weiß noch nicht, ob er seine Karriere überhaupt fortsetzen möchte. «Die Frage, die sich mir stellt, ist: Welche Möglichkeiten habe ich für 2020? Ich brauche die richtigen Leute um mich herum», sagte er in einer internationalen Medienrunde. 

Bei der Tour ist er für drei Tage als ARD-Experte dabei, erst nach Ende der Rundfahrt will er final über seine Zukunft als Radprofi entscheiden. «Es war schön, ihn zu sehen», sagte Martin. Kittel wird als möglicher Teamkollege bei Jumbo-Visma gehandelt.

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