Coding da Vinci
Hackathon weckt Museumsdaten aus Dornröschenschlaf

Immer mehr kulturelle Einrichtungen öffnen ihre Daten für die Entwicklung von Apps. Neue Ideen dafür entwickeln die Teilnehmer beim «Coding da Vinci». Diesen Herbst tüfteln Programmierer und Designer beim Kultur-Hackathon in Mainz - und hoffen auf ungeahnte Ergebnisse.

Samstag, 13.10.2018, 11:04 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 13.10.2018, 10:58 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 13.10.2018, 11:04 Uhr
Karteikarten aus der Schülerkartei der «Reichsvereinigung der Juden» liegen auf einem Karteikasten des Internationalen Suchdienstes (International Tracing Service, ITS) in Bad Arolsen. Die 10.964 Karteikarten von Kindern und Jugendlichen sind als Dokument des Holocausts einer von etwa 30 Datensätzen für den Kultur-Hackathon «Coding da Vinci » in Mainz.
Karteikarten aus der Schülerkartei der «Reichsvereinigung der Juden» liegen auf einem Karteikasten des Internationalen Suchdienstes (International Tracing Service, ITS) in Bad Arolsen. Die 10.964 Karteikarten von Kindern und Jugendlichen sind als Dokument des Holocausts einer von etwa 30 Datensätzen für den Kultur-Hackathon «Coding da Vinci » in Mainz. Foto: Peter Zschunke

Mainz (dpa) - Museen, Bibliotheken und Archive stecken voller Daten, die nur darauf warten, wachgeküsst zu werden. Dazu aufgerufen sind Programmierer, Designer und andere kreative Menschen, die sich vom 27. Oktober bis 1. Dezember zum Kultur-Hackathon «Coding da Vinci» in Mainz versammeln.

Erwartet werden bis zu 150 Teilnehmer. «Wir wollen Kulturinstitutionen im digitalen Wandel unterstützen, unabhängig von ihrer Größe», sagt Projektleiterin Elisabeth Klein. «Sie kommen so mit neuen Techologien in Kontakt.» Die Bereitstellung von Daten für den offenen Zugang sei bislang oft noch mit der Angst vor Kontrollverlust verbunden, ergänzt Anne Klammt vom Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften (mainzed), das zu den Veranstaltern gehört. «Coding da Vinci» sei ein Beitrag, Kultureinrichtungen diese Angst zu nehmen. So machten diese oft die Erfahrung, dass ihre Daten angereichert und besser aufbereitet werden könnten. «Das ist wie bei einem Wikipedia-Artikel - je mehr darauf schauen, desto besser.»

Als Arbeitsmaterial erhalten die Teilnehmer des Hackathons 35 Datensätze von Kultureinrichtungen. Am umfangreichsten dürften die digitalen Ausgaben von fünf Zeitungen aus der Zeit vor der Gründung des Deutschen Reichs (1871) bis 1945 sein - dieser Bestand umfasst etwa 9 Terabytes. Aus Frankfurt beteiligen sich das Senckenberg-Museum und das Museum für Moderne Kunst.

Vom Internationalen Suchdienst (International Tracing Service, ITS) in Bad Arolsen in Nordhessen kommen die Daten der Schülerkartei aus der «Kartei der Reichsvereinigung der Juden», die ab 1941 auf Befehl der Gestapo erstellt wurde - alle in in Deutschland lebenden Juden mussten sich in dieser Reichsvereinigung registrieren lassen. Die 10 964 Karteikarten von Kindern und Jugendlichen aus der Schülerkartei sind ein eindringliches Dokument der NS-Judenverfolgung.

Seit Beginn der Initiative im Jahr 2014 haben Kultureinrichtungen insgesamt rund 200 Datensätze bereitgestellt. Daraus entstanden ganz unterschiedliche Anwendungen. Die Bandbreite reicht von einer Wecker-App mit Vogelstimmen über einen Roboter-Käfer mit dem Einplatinen-Computer Arduino bis zu einer Anwendung für die Herstellung von Briefpapier mit Pflanzen-Motiven eines Herbariums.

Üblicherweise ist ein Hackathon - das Kunstwort ist zusammengesetzt aus dem Hacken von Software und dem Marathon - auf ein Wochenende beschränkt. Beim «Coding da Vinci» soll den Teilnehmern genügend Zeit gegeben werden, um voneinander zu lernen und miteinander aktiv zu werden.

Der Kultur-Hackathon erlebt in diesem Jahr gleich zwei regionale Auflagen - neben dem «Coding da Vinci» Rhein-Main gab es in diesem Jahr schon einen Kultur-Hackathon in Leipzig, im nächsten Jahr geht es in Bayern weiter. Die Initiative dazu kam 2014 von mehreren Organisationen, die für freies Wissen und allgemein zugängliche Daten eintreten, unter ihnen die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB), die Open Knowledge Foundation und Wikimedia Deutschland.

Im Internet gehe es zu oft darum, Daten für kommerzielle Zwecke nutzbar zu machen, etwa in Form von Profilen des Konsumverhaltens, sagt Anne Klammt. «Wir brauchen mehr nichtkommerzielle Anwendungen, freie Spielweisen, um diesen Raum kreativ für uns zu gestalten.»

Welche Anwendungen wünschen sich Projektleiterin Klein und Mainzed-Geschäftsführerin Klammt vom «Coding da Vinci» in Mainz? Und welche Entwicklung könnte dann Anfang Dezember einen Preis bekommen? «Möglicherweise kommt jemand auf die Idee», antwortet Klein, «mit diesen Daten aus Kulturinstituten einen Social Bot, eine Maschine mit Künstlicher Intelligenz, zu füttern und so menschlicher wirken zu lassen.» Anne Klammt nennt als ihre Wunschvorstellung, «dass etwas entsteht, das ich nie geahnt hätte».

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