Premiere im Theater Münster
„Der Untergang des Hauses Usher“: Die Maske des kranken Bruders

Münster -

Wonniges Gruseln ist nicht unbedingt das Standardprogramm des Opernrepertoires. Wenn aber Edgar Allan Poe die Vorlage liefert, kann es auf der Bühne auch mal schauerlicher werden, zeigt das Theater Münster und setzt seine Erkundungen von weniger bekannten Stücken fort.

Sonntag, 02.02.2020, 15:34 Uhr aktualisiert: 02.02.2020, 15:51 Uhr
William (Filippo Bettoschi, l.) zu Besuch bei seinem alten Freund Roderick Usher (Youn-Seong Shim). Die große Maske hinten und die Opfer vorn hat er gewiss nicht erwartet.
William (Filippo Bettoschi, l.) zu Besuch bei seinem alten Freund Roderick Usher (Youn-Seong Shim). Die große Maske hinten und die Opfer vorn hat er gewiss nicht erwartet. Foto: Oliver Berg

Dunkel spiegelnde Wände, geheimnisvolle Lichtleisten, und mittendrin eine riesige goldene Maske, die allerlei Verwandlungsmöglichkeiten in sich birgt: Die Schauwerte der neuen Opernproduktion in Münsters Großem Haus sind, wieder einmal, imposant. Regisseur Sebastian Ritschel hat sich für den „Untergang des Hauses Usher“ ein faszinierendes Bühnenbild geschaffen. Auch die Kostüme stammen von ihm: Da kontrastieren die dunklen Anzüge der Jugendfreunde William und Roderick effektvoll mit dem ins Blutrot mündenden Glitzerkleid von Rodericks todkranker Schwester Madeline. Wer auf wohligen Schauer nach der berühmten Erzählung Edgar Allan Poes aus ist, fühlt sich hier gut aufgehoben.

Die Musik, in die Poes Landsmann Philip Glass seine spielfilmlange Opernversion bettet, zieht den Betrachter auf eine Weise in die Stimmung hinein, die anders ist als die übliche Operndramaturgie zwischen Händel und Henze. Denn die Klangflächen aus tonal geprägten Repetitionen kleiner Motive dieser Minimal Music setzen mehr auf Empfindung als auf Erklärung, ziehen den Zuhörer in die Gemütsverfassung der Figuren hinein. Zu Poes Geschichte, in der der Besucher William den Verfall der kranken Geschwister Roderick und Madeline schaudernd miterlebt, ein starkes Pendant.

Ein neuer Plot

An dieser Stelle indes schaltet sich der Regisseur mit seiner eigenen Geschichte ein, erfindet einen Plot um den kindlichen Unfalltod der Schwester und den Versuch ihres Künstlerbruders, die Vermisste nachzuschaffen. Das kann man stimmig oder auch unnötig finden: So reizvoll es sein mag, im ursprünglichen Handlungsrahmen nun auch noch allerlei kulturelle Verweise zwischen den Experimenten Dr. Frankensteins und dem Erinnerungswahn in „Shining“ entdecken zu können, so verwirrend ist es auch, zwischen den gotischen Räumen des Hauses Usher und der Kellergruft der toten Madeline noch neue Ebenen eingefügt zu sehen.

Theater Münster: Der Untergang des Hauses Usher

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  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
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    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
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    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg
  • Im Haus Usher erleben der Besucher William (Filippo Betoschi) und Hausherr Roderick (Youn-Seong Shim) die mysteriöse Erscheinung der Schwester Madeline (Marielle Murphy).

    Foto: Oliver Berg

Schade ist aber vor allem, dass Ritschels Streben nach unablässiger Bewegung auf der Bühne die Suggestivwirkung der Musik schmälert: Immer wieder rollt das symbolträchtige Gitterbett herein, zeigt sich auf der Rückseite der Maske ein kühler Laborraum, in dem Rodericks Arzt seiner furchtbaren Tätigkeit nachgeht. Dabei heißt es doch so treffend im Programmheft-Aufsatz „Gewalt und Moderne“ über Poe: „All die archetypischen Fantasien ... brauchen keine weiteren Splattereffekte.“ Und was die große Maske sonst so kann, sich etwa in ein Gesicht oder einen Totenschädel zu verwandeln, ist ja schon toll und eindringlich.

Grabsteine sind die Mauern dieses Hauses.

Beschreibung des Hauses Usher

Beim großen Schlussapplaus des gleichwohl stimmungsvoll-düsteren Abends durfte sich das ganze Orchester auf die Bühne begeben: Dieses gute Dutzend Musiker hatte zuvor im Graben mit sonorer Intensität die Glass-Partitur zum Glühen gebracht, und Dirigent Stefan Veselka, hier vor allem als überlegener Koordinator gefragt, war den Sängern ein idealer Orientierungsfels in den minimalistischen Klangwogen. So konnten Filippo Bettoschi als William, Young-Seong Shim als Roderick und Pascal Herington als Arzt mit sängerischer Sicherheit auch allen Regie-Anforderungen gerecht werden, und „Madeline“ Marielle Murphy steuerte die schönsten todessüchtigen Sopran-Vokalisen bei. Würde die Verstärkung der Singstimmen in den kommenden Aufführungen ein wenig zurückgenommen, wäre die Wirkung der Musik gewiss noch größer.

Die nächsten Aufführungen sind am 7., 13. und 19. Februar.

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