Goldener Berlinale-Bär für den iranischen Film über die Todesstrafe
Politisch dringlich, formal konsequent

Berlin -

Die 70. Berlinale ging mit einer Preisvergabe zu Ende, die einen politisch und ästhetisch gleichermaßen überzeugenden Film auszeichnete. Und Schauspielerin Paula Beer konnte ebenfalls jubeln.

Sonntag, 01.03.2020, 16:40 Uhr
Baran Rasoulof, die Tochter des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof, nimmt von Jury-Präsident Jeremy Irons den Goldenen Bären für den Film „Es gibt kein Böses“ entgegen.
Baran Rasoulof, die Tochter des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof, nimmt von Jury-Präsident Jeremy Irons den Goldenen Bären für den Film „Es gibt kein Böses“ entgegen. Foto: imago images/Future Image

Am Ende war es so wie immer auf der Berlinale: Bei der Preisverleihung der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin triumphierten die politischen Filme. Und zum dritten Mal innerhalb eines Jahrzehnts gewann ein iranischer Beitrag den Goldenen Bären – nach „Nader und Simin“ (2011) und „Taxi Teheran“ (2015) ging der Hauptpreis diesmal an „Es gibt kein Böses“.

Eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Mohammad Rasoulofs Film war im Wettbewerb zweifellos der Beitrag, in dem sich politische Dringlichkeit und formale Konsequenz am glücklichsten verbanden. In vier Episoden umkreist der Zweieinhalbstünder das Thema Todesstrafe. Am Beispiel eines Henkers, der jenseits des Galgens ein Leben als sympathisch staubsaugender Familienvater führt, eines Soldaten, der sich dem Töten widersetzt, eines weiteren Soldaten, der dies nicht tut und daran verzweifelt, sowie eines Mannes, den ein Akt des Widerstands ins soziale Aus treibt, verhandelt Rasoulof Themen wie Zivilcourage und moralische Verantwortung in einem totalitären System. Ein packender, sicher nicht leicht verdaulicher Film.

Das Regime in Teheran hatte Rasoulofs Reise nach Berlin unterbunden, weshalb sein Team den vom geradezu enthusiasmierten Jury-Boss Jeremy Irons mit herrlichem Bühnenpathos verliehenen Bären in Empfang nahm. Produzent Kaveh Farnam sprach das nicht nur in Berlin wirksame Schlusswort: „Keine Mauer der Welt wird unsere Vorstellungskraft aufhalten können.“ Und: „Diktaturen machen sich durch Mauern nur kleiner.“ Bleibt zu hoffen, dass Rasoulof durch seinen Film nun keine noch größeren Repressalien bevorstehen.

Der Große Preis der Jury ging wenig überraschend an das Jugenddrama „Never Rarely Sometimes Always“ der US-Regisseurin Eliza Hittman. Eine 17-Jährige fährt darin per Bus von ihrem Kaff in Pennsylvania nach New York – für eine Abtreibung. Der leise, großartig gespielte Film bleibt ganz auf seine Protagonistin fokussiert, registriert nüchtern die Prozeduren, die das Mädchen durchlaufen muss. Ohne simple Lösungen zu diesem umstrittenen Thema anzubieten, ist Hittmans Film herausragendes amerikanisches Gesellschaftskino.

Deutsches Kino

Der Darstellerbär an Elio Germano (als Outsider-Künstler Antonio Ligabue in „Hidden Away“) galt als gesetzt, während der Preis für Paula Beer in Christian Petzolds „Undine“ durchaus überraschte: Für ihr Spiel in Petzolds ungleich stärkerem letzten Film „Transit“ hätte sie den Preis deutlich mehr verdient gehabt. Immerhin ging das deutschsprachige Kino damit nicht komplett leer aus – „Berlin Alexanderplatz“ und „Schwesterlein“ blieben nämlich komplett außen vor, wie auch die zu Recht vielgefeierten Filme „Days“ (Taiwan) und „First Cow“ (USA).

Der Rest der verteilten Bären ging aber letztlich in Ordnung – etwa der Regiebär für den Koreaner Hong Sang-soo und seinen wunderschönen Dialogfilm „Die Frau, die rannte“ und sogar der Preis an den deutschen Kamera-Veteranen Jürgen Jürges, der das krude russische (und oligarchenfinanzierte) Extremkunst-Gewürge „DAU. Natasha“ zumindest ästhetisch aufgewertet hatte.

Für die neuen Berlinale-Chefs Charlo Chatrian und Mariette Rissenbeek war diese 70. Berlinale insgesamt ein solider Auftakt, der aber, wohl naturgemäß, noch viel Luft nach oben lässt. Chatrian hatte mehr Konzentration auf Filmkunst versprochen und damit auch zweifellos Wort gehalten. Im guten, wenn auch nicht herausragenden Wettbewerb fehlten beispiels- und angenehmerweise die vielen drögen Thesenfilme aus der Kosslick-Zeit. Die großen, etablierten Regisseure des Weltkinos werden dagegen wohl trotzdem eher in Cannes stattfinden – genauso wie die wirklich großen Stars, von denen es, wie schon in den letzten Jahren, nicht allzu viele an die Spree verschlagen hatte.

„Es gibt kein Böses“ hat auch den Hauptpreis der Ökumenischen Jury der Kirchen erhalten. Der Film zeige „eine grundsätzliche Kritik der Todesstrafe im Allgemeinen und des repressiven iranischen Systems im Besonderen“. Er sei von großer filmischer Qualität und biete überzeugende darstellerische Leistungen.

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